Wie Buba aus Gambia in Deutschland am Herzen operiert wird und ich eine Ziege bekomme

Es ist also der Sommer 2007, ich – gerade 20 Jahre alt und seit Monaten in Gambia gewesen – habe einen vier- jährigen, afrikanischen Jungen (Buba) in der Annahme man könne ihm hier schnell helfen nach Deutschland gebracht und habe gerade erfahren, dass er eine Fallot-Tetralogie hat.

Während Buba sich in Sprockhövel eingewöhnte, organisierten wir seine Operation.

Diese Diagnose hatte ich bis dahin noch nie gehört, bald erfuhren wir, dass es sich um einen angeborenen Herzfehler handelt, mit vier Teil-Defekten. Der wohl schlimmste, der Buba das Leben so schwer machte: Er hatte ein Loch in der Herzscheidewand, das bedeutet, dass sich sauerstoffarmes Blut mit sauerstoffangereichertem Blut mischt. Nicht gut. Auch sagte der wirklich nette Professor der Kinderkardiologie in Wuppertal Dinge wie, dass nur spezielle Kinderherzzentren diesen Fehler operieren können und, dass wir über mehrere zehn Tausend Euro Kosten sprechen würden.

Ich fuhr an diesem Tag mit meinen Eltern und Buba die kurze Strecke zurück von Wuppertal nach Sprockhövel und wir waren ziemlich ratlos. Wir hatten eine Kostenzusage über 5000 Euro einer Stiftung und eine Behandlungszusage eines Krankenhauses für ein medizinisches Problem, das zu beheben plötzlich ein Vielfaches kosten sollte, und welches das besagte Krankenhaus gar nicht übernehmen konnte. Zeitgleich hatten sich verschiedene Pressevertreter angesagt, um über „Sprockhövels kleinen Gast aus Afrika“ zu berichten.

In der Nacht ging es mir schrecklich. Ich konnte einfach nicht schlafen, schwitzte, fror, zitterte. Und das, obwohl doch am Morgen ein Team der WDR-Lokalzeit vorbei kommen wollte. In den frühen Morgenstunden dämmerte mir schließlich, dass ich diese Symptome in den vergangenen Monaten recht oft beobachtet habe, und dass ich nun mal gerade aus einem Land zurück komme, in denen die Malaria eine der häufigsten Krankheiten ist. Während meine Mutter dem Fernseh-Team vom WDR am Morgen absagte, fieberte ich auf dem Sofa vor mich hin. Buba schien das ziemlich witzig zu finden, dass er einmal nicht der einzige war, der krank und schwach ist. Weil ich Horrorgeschichten gehört hatte von Deutschen Ärzten, die einen mit Malaria wochenlang in ein Tropen-Krankenhaus einweisen und glaubte die Krankheit gut genug zu kennen, fuhren wir direkt in ein Labor, wo ich mir Blut abnehmen ließ. Ich weiß gar nicht, ob es ein Grund zur Freude war, aber am späten Nachmittag stand fest, dass ich eine fiese Infektion und keine Malaria hatte. Bald stellte sich Besserung ein. Aber mir wurde klar, was es für Buba bedeuten könnte, wenn er jetzt auch noch ernsthaft krank würde.

Als es mir wieder besser ging, durfte auch das WDR-Team kommen.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Die kommenden Tage verbrachten wir damit, Informationen einzuholen, wo wir Buba operieren lassen könnten, telefonierten mit der Stiftung und erfuhren eine einmalige Welle der Hilfsbereitschaft. Freunde, Bekannte, Verwandte, Nachbarn, nach einigen Zeitungsartikeln und dem WDR-Beitrag aber auch uns völlig fremde Menschen spendeten, was das Zeug hielt. Manches Mal klingelte das Telefon und Menschen teilten ihre aufrichtige Bewunderung und die Höhe ihres Spendenbetrages mit.

Es ist nicht gelogen zu schreiben, dass Buba in all der Zeit nicht einmal weinte. Auch, wenn er zwischendurch schlapp war. Im Großen und Ganzen ging es ihm super. Es gab so viel er nur wollte zu Essen und auch Aufmerksamkeit, Spiele, Beschäftigung. Auch wenn ich weiß, dass seine Familie ihn sehr liebt. Das Leben in seiner Familie ist davon bestimmt, dass wer eben kann, in den Reisfeldern arbeitet.

Buba mit seiner Oma im Reisfeld. Das Foto entstand nach seiner Heimkehr.


Ein Leben voller Fleischwurst

Sein liebstes Essen wurde „Can Beef“, zu Deutsch wörtlich etwa Dosenfleisch. Bei uns gab es dann doch die gute Geflügelfleischwurst, die Buba ebenso „Can Beef“ nannte. Dieses „Frühstücksfleisch“ aus der Dose schmeckt in Gambia nach nix, ist aber ein industriell hergestelltes Fleischprodukt, und für die Menschen irgendwie ‚was besonderes. Verständlich, wenn man überlegt, dass man Fleisch sonst halt nur dann zwischen die Zähne bekommt, wenn man zuvor ein Tier geschlachtet und zerlegt hat, oder aber auf dem Markt einkaufen war.

Eine Wursttheke im Supermarkt aber, am der er von der Fleischfachverkäuferin einen Kanten Fleischwurst gereicht bekommt, kannte Buba nicht. In Gambia ist Fleisch so eine Angelegenheit. Zwar laufen die Viecher bis wenige Minuten vor ihrem Tod noch da um, wo sie ihr ganzes Leben verbracht haben. Dann wird ihnen – ganz halal – die Kehle duchgeschnitten, ohne Betäubung,  und nach ein paar Minuten zucken sie nicht mehr. Klar, kenne ich die Kritik, dass die Tiere, besonders wiederkäuende Ziegen und Rinder, so noch lange bei Bewusstsein sind, während sie ausbluten. Dennoch: wie bei uns Tiere gehalten, gemästet und transportiert werden ist oft wenig besser. Und in Gambia essen die Menschen viel weniger Fleisch als wir, weil es so teuer ist.

Ich habe einmal einem Freund aus Gambia von geschredderten männlichen Küken und prophylaktisch verfütterten Antibiotika erzählt, der konnte das gar nicht fassen.

Buba findet sich ein. Am ersten Abend saß er mit meinem Bruder Nils im Flur und schaltete das Licht an und aus. So begeistert war er von der „Lampu“.

Darum war das kulinarische Leben in Sprockhövel für Buba durchaus gut. Er aß aber alles, was meine Mutter ihm kochte, wobei sie natürlich auf Schweinefleisch verzichtete. Steckte ihm aber eine Tante oder ein Nachbar ein paar Euro zu und schlug vor, er solle „was Süßes“ kaufen, kündigte er stets an, lieber in „Can Beef“ investieren zu wollen.

Hoppe-Hoppe-Reiter spielt jedes Kind gern. Auch, wenn man die Sprache gar nicht versteht.

Auch so hatten wir – trotz der schweren Krankheit- viel zu lachen mit Buba. Er wollte einfach bei allem dabei sein, schließlich war alles neu und anders für ihn. So „half“ er meinem Vater gern im Garten, auch wenn er schnell erschöpft war. Als mein Vater beim Hecke schneiden einmal in einen Insekten-Schwarm geriet und – Buba zur Liebe etwas übertrieben – schrie, gluckste der Kleine vor Freude und erzählte tatsächlich noch zu Hause anschaulich von diesem Tag, an dem Papa Willi die Wespen „a-kaputti“ gemacht habe.

Hier „hilft“ Buba meinem Vater beim Rasen mähen.

Schnell wurde Buba beim „arbeiten“ müde und musste ruhen.

Bubas Symptome kannten viele Ärzte nur aus den Fachbüchern

Nach einiger Zeit dann ein Termin im Kinderherzzentrum. Mit unserer dürftigen Akte stellten wir den Jungen einer jungen Ärztin vor, die sein Herz erneut schallte und den Sauerstoffgehalt in seinem Blut maß. Das Ergebnis verunsicherte sie sichtbar und sie telefonierte. Sie gab die Werte durch, hörte zu und antwortete etwas entnervt: „Wie soll ich wissen, ob der blaue Lippen hat? Das ist n‘ Schwarzafrikaner!“ Wir haben gelacht damals. Nach und nach verstanden wird, dass Kinder mit diesem Herzfehler in Deutschland im Säuglingsalter operiert werden. Dass sie, so wie Buba, erst vier Jahre alt werden, gibt es hier nicht, auch nicht seine eklatanten Werte. Die typische Hock-Stellung, die Buba oft einnahm, zeigte mir viel später ein Arzt in einem älteren Medizinbuch. Einen Patienten mit diesem Symptom sieht man hier seit Jahrzehnten nicht mehr. Trotzdem signalisierten die Ärzte operieren zu können, wenn die Kosten stimmen – und ein Termin frei ist. Aus den wenigen Tagen, die Buba in Deutschland bleiben sollte, würden Wochen werden.

Zum Glück sagte die Meise – Stiftung für herzkranke Kinder uns zu, Buba nicht ohne Operation heim zuschicken. Zwar konnten die kleine Stiftung nicht aus dem Stehgreif eine vollständige Kostendeckung zusagen. Aber sie unterstützen uns und konnten Spendenbescheinigungen für das Finanzamt ausstellen, was wir als Privatpersonen natürlich nicht konnten.

Dann endlich sollte Buba operiert werden, das Geld war fast zusammen, die Stiftung gab eine Zusage über 30 000 Euro an die Klinik. Als ich die OP-Einwilligung unterschrieb, wurde mir etwas anders. Mit den Eltern hatten wir eine minimal-inversive Herzkatheteruntersuchung besprochen, jetzt sollte Bubas Brustkorb geöffnet werden, der kleine Körper an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und in stundenlanger Präzisionsarbeit das Loch im kleinen Herzen geflickt werden. Mit Lamin hatte ich besprochen den 6000 Kilometer entfernten Eltern nicht alle Details mitzuteilen, insbesondere nicht das, dass der Junge bei der Operation sterben könnte. Sterben – das ist der Wille Gottes. Sollte es so eintreten, sie würden es irgendwann verwinden. Eine Vorankündigung aber grenzte für die Familie wohl an Gotteslästerung.

Ich unterschrieb und schickte zur Sicherheit ein Fax nach Bansang, in die einige Kilometer von Bubas Heimatdorf entfernte Stadt, wo es ein „Tele-Center“ gab. Bubas Eltern unterschrieben, die Mutter mit der ungelenken Handschrift einer Frau, die nicht sehr oft irgendetwas schreibt, dass die Ärzte tun sollten, was immer nötig sei um ihren Sohn zu retten. Und auch, dass sie mir vertrauen und wünschen, dass ich im Notfall Entscheidungen treffe, wenn ich sie nicht erreichen sollte. Dem Krankenhaus reichte das.

Was der Verwaltung aber plötzlich nicht reichte, war die Kostenzusage einer anerkannten Stiftung für Herzkranke Kinder. Am Morgen des OP-Termins bestand das Krankenhaus plötzlich darauf, dass das Geld auf das Krankenhauskonto gebucht sein müsste, bevor es los geht. Kinderleben leider nur gegen Vorkasse. Meine Eltern und die Stiftung telefonierten sich die Finger wund und machten die Bank wahnsinnig, aber endlich war das Geld angewiesen, endlich stimmte die Klinik zu, zu operieren.

Die längsten Stunden des Lebens

Wir verabschiedeten uns von Buba, die Ärzte wollten es so, er würde nach der OP auf der Intensivstation liegen, nichts mitbekommen, wir sollten zu Hause warten. Es war ruhig an diesem Nachmittag im Garten. Zum ersten Mal seit langer Zeit ohne Buba. Es muss nach 17 Uhr gewesen sein, als endlich das Telefon klingelte. Doch die Ärztin teilte mir nicht etwa den Erfolg der Operation mit, sondern, dass sie abgebrochen haben. Wir waren fassungslos. Denn der Grund war, dass natürlich auch die Ärzte nicht garantieren konnten, dass bei der OP alles glatt, laut Kostenvoranschlag, geht. Was, wenn Buba die Herz- Lungenmaschine länger als geplant brauchen würde? Was, wenn er ein künstliches Herz brauchen oder sein Leben lang ein Pflegefall bleiben würde? Würde die Meise – Stiftung zahlen? Oder meine Eltern? Praktisch wollte das Krankenhaus eine Zusage für die Übernahme aller möglichen Folgekosten, ohne Einschränkung. Wer kann das schon geben? Eine Stiftung darf nicht ihr Kapital antasten und auch wenn wir gewollt hätten, wer kann schon unbegrenzt Kosten tragen? Fast eine dreiviertel Stunde dauerte das Telefonat und ich musste danach Bubas Eltern informieren, dass ihr Kind doch nicht operiert worden war. Den Grund verstanden sie vielleicht besser als wir, in Gambia stirbt man halt, wenn man eine lebensrettende Operation nicht bezahlen kann. Dass so etwas aber auch in Deutschland vorkommt, schien mir ein Skandal zu sein.

Die Ärzte sagten klipp und klar: Ohne unbegrenzte Kostenzusage keine OP, außer der Junge würde zum medizinischen Notfall, weil beispielsweise sein Allgemeinzustand sich rabiat verschlechtern würde. Dann kämen sie in den Bereich der unterlassenen Hilfeleistung und müssten handeln. Wie sinnvoll eine so schwere Operation ist, wenn der Patient einen zusätzlich „schlechten Allgemeinzustand“ hat, lässt sich für den Laien erahnen. Darüber hinaus sei aber auch unklar, wann der nächste reguläre OP-Termin frei sei. Wir brauchten also eine Unterschrift, die niemand leisten konnte, zu einem Zeitpunkt den keiner kannte, oder eine extreme medizinische Verschlechterung.

Und wieder tagte der Familienrat

Bis tief in der Nacht saßen wir zusammen und beratschlagten, was zu tun sein. Am späten Abend rief mein Vater in einem Herzzentrum in den Niederlanden an. Tatsächlich hatte er recht schnell jemanden am Telefon, der ihm zusagte, das Kind zu operieren, für etwa 30 000 Euro und ohne Unterschrift. (Stellt euch dieses Telefonat vor! „Guten Tag, ich habe hier ein afrikanisches Kind, das müsste mal ein Loch in der Herzscheidewand versorgt bekommen, passt es Ihnen gerade?“)

Also teilten wir uns am nächsten Morgen auf: Ich blieb in der „Telefonzentrale“ zu Hause, während meine Eltern ins Krankenhaus fuhren, wo sie einen ziemlich fitten Buba antrafen. Von wegen, der schläft, Sie brauchen nicht zu kommen! Wir waren sauer. Buba war bereits intubiert und sediert gewesen, im allerletzten Moment hatte man sich gegen die OP entschieden. Ein schwer herzkrankes Kind praktisch für „nichts“ für eine Operation vorzubereiten, schien uns ungeheuerlich. Wir kündigten an, Buba in das Krankenhaus in Holland verlegen zu wollen. Das war nur leider nicht mehr möglich, so die Ärzte, denn in beiden Händen und beiden Füßen hatte er intravenöse Zugänge liegen und war – angeblich – noch so benebelt, dass ein Transport nur mit einem Krankenwagen zu verantworten gewesen wäre. Doch woher bekommt man für ein nicht-krankenversichertes Kind einen Kranken- möglicherweise Intenisvtransport ins Nachbarland, möglichst sofort?

Der Geschäftsführer der Stiftung, der schon zahlreiche Kinder in Deutschland hat operieren lassen, sagte, dass er so etwas noch nie erlebt habe. Aus den Gesprächen erfuhren wir, dass das Krankenhaus in der Vergangenheit auf Kosten sitzengeblieben sei, deshalb so verhalten reagierte. Das hätten sie sich nur weiß Gott überlegen können, bevor sie das Kind in den OP schoben. Auch nach einem ganzen Tag der Verhandlungen hatten wir nichts erreicht, außer einem weiteren Gesprächstermin für den nächsten Tag in der Verwaltung.

Und plötzlich ist das Unmögliche möglich

Noch bevor wir zu diesem Termin das Haus am nächsten Morgen aber verlassen wollten, rief das Krankenhaus an. Knapp teilten sie uns mit, dass Buba umgehend operiert würde. Ohne Unterschrift. Und ohne Notfall. Und ohne Platz auf dem engen OP-Plan. Wir wissen bis heute nicht, warum.

Ziemlich genau 48 Stunden nach dem Anruf, in dem man mitgeteilt hatte, dass sie nicht operieren würden, rief der Chefarzt selbst an und meldete ein zu 100 Prozent zufriedenstellendes Ergebnis. Er klang erschöpft, bildete ich mir ein.

Ich nenne den Namen der Klinik hier mit Absicht nicht. Es ist kein Geheimnis, aber er muss auch nicht öffentlich im Netz stehen. Trotz dem ganzen Chaos haben die Ärzte Buba das Leben gerettet und die Betreuung war rund herum liebevoll und professionell, sodass nach zehn Jahren das ganze Negative nicht unnötig mit dem Namen der Klinik in Verbindung gebracht werden muss.

Bergauf mit jedem Tag

Drei Tage blieb Buba auf der Intensivstation. Medikamentendosierer, Infusionen, Monitore, Geräte, Drainagen und Schläuche standen so dicht um sein Bett, dass man den kleinen Jungen in dem Bett fast übersehen konnte.

Nach der OP lag Buba einige Tage auf der Intensiv-Station.

Doch täglich wurden es weniger Medikamente und Schläuche und dann endlich wurde er auf die Normalstation verlegt. Ab da wechselten wir uns ab, wer bei ihm übernachtete. Gerade einmal zehn Tage blieb er noch stationär in der Klinik. Der Arzt sagte bei der Entlassung, dass ältere Menschen nach einer Herz-OP eigentlich immer eine Reha-Maßnahme bekommen. Kinder aber wollten einfach spielen und würden sich so quasi selbst rehabilitieren.

Buba war nicht wieder zuerkennen. Zwei Wochen war er im Krankenhaus gewesen und jetzt flitzte er durch unseren Garten als habe er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Unermüdlich fuhr er mit einem kleinen Dreirad, das er CylcO nannte, die Auffahrt hoch- und runter. Er rannte, spielte Fußball, lernte jeden Tag neue Wörter auf Deutsch. Er trennte mit großer Hingabe den Müll und wollte abends partout nicht ins Bett gehen, so fit war er. Er nahm schnell zu, außerdem wirkte er plötzlich etwas mollig, weil die vielen Medikamente zu Wassereinlagerungen geführt hatten. Einmal war ich mit meinem Bruder Nils und Buba in Sprockhövel unterwegs. Vor der Sparkasse begann Buba von einem Bein auf das andere zu wippen. Wenn er in dieser Zeit musste, dann musste er. Er erleichterte sich vor der Bank an einem Gebüsch. Es muss ein Bild für die Götter gewesen sein, wie der kleine schwarze Junge vor die Sparkasse pinkelte. Im Supermarkt fragte eine Kassiererin dann interessiert, ob wir das Fleischwurst essende Kind behalten werden würden und wir merkten, dass es Zeit wurde, sich klar zu machen, dass Buba – wie jedes Kind, wenn es geht – zu seinen Eltern gehört und nicht zu uns nach Sprockhövel. Auch fragte sich Nils damals nachdenklich, ob die Sprockhöveler wohl auch wollen würden, dass Buba in Sprockhövel lebt, wenn er 20 Jahre älter und als Flüchtling in Griechenland ankommen würde, wie so viele Gambier jedes Jahr.

Zwischen Herzzentrum und Kindergarten

Zunächst standen aber noch ein paar Kontrolltermine an, vorher würde Buba nicht nach Hause können. Mit jedem Tag wurde er jedoch fitter und wir merkten auch, dass ihm die Gesellschaft anderer Kinder fehlte. Endlich wollte auch er spielen, rennen, Ball spielen. Also fragten wir in unserem Gemeinde-Kindergarten an und erhielten sofort grünes Licht. Rund zwei Wochen besuchte Buba also morgens den Kindergarten, schloß Freundschaften, lernte immer mehr Deutsch. Wie selbstverständlich öffnete er seine Tupperdose mit den Äpfeln darin beim gemeinsamen Frühstück, schulterte seine Tasche und bedeutete uns, wir dürften ruhig nach Hause gehen. Kinder lernen so unglaublich schnell und sind so anpassungsfähig!

In der Zwischenzeit hatte ich einen Studienplatz in Holland bekommen, am 1. September sollte es schon los gehen. Als Bubas Arzt grünes Licht gab, war die Zeit gekommen, seinen Rückflug zu organisieren. Ich kannte eine Gruppe Deutscher, die bald reisen würde, die den Jungen mitnehmen könnten. Doch Buba hatte viele Freunde und Unterstützer und einer fand, dass ich den Jungen selbst nach Hause begleiten müsse. Und so trat ich meine kürzeste Reise nach Gambia an. Für nur drei Tage buchten wir ein Ticket, für mich diesmal „round“ für Buba „one-way“.

Abschied und Heimat

Es wurde Zeit, dass Buba nach Hause kam. Denn manchmal, wenn man ihn nach seinem Namen fragte, so antwortete er „Buba Lohmann“. Das war natürlich unendlich süß, aber eben auch ein Alarmzeichen. Schließlich sollte er doch sein gesundes Leben zu Hause genießen und nicht sich an uns gewöhnen.

Bubas Vater Modou war am Flughafen, als wir landeten. Er war völlig überwältigt, Buba zu sehen und festzustellen, dass er ihn gar nicht tragen musste, denn er hatte ein schwerkrankes Kind nach Deutschland geschickt und ein Energiebündel zurück bekommen.

Buba hatte auf dem Flug einige Give-Aways abgestaubt. Sein Vater konnte stundenlang gar nicht fassen, dass das Kind zu Hause ist.

Früh am nächsten Morgen fuhren wir die etwa 300 Kilometer nach Sankulay Kunda, in Bubas Heimatdorf. Als der Projektwagen der Hattinger Buschklinik, der uns zum Glück fuhr, auf die sandige Dorfstraße einbog war das ganze afrikanische Dorf auf den Beinen.

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Sie klatschten, tanzen, schrien. „Buba nata. Hanna nata.“ Buba ist gekommen, Hanna ist gekommen. Bubas Mutter Mariama bahnte sich einen Weg durch die vielen Leute, schob einige Kinder einfach beiseite. Sie klatschte und weinte und konnte nicht fassen, dass ihr Kind wieder zu Hause war.

Immer und immer wieder musste Buba an diesem Tag sein T-Shirt hochziehen und seine Narbe zeigen und erzählen, so gut ein Vierjähriger nur erzählen kann. Ich berichtete der Familie alles, erklärte worauf sie jetzt achten müssten. Während ich redete, duschte Buba. Da die Familie kein fließendes Wasser hat, scheppte er mit einer Blechdose Wasser aus einem Bottich über seinen Kopf.

Dusche auf afrikanisch: Wenn es kein fließendes Wasser gibt

War das der gleiche Junge, der noch vor drei Tagen sich bei jedem Stück Müll genau erkundigte, in welche Tonne er es werfen müsse? Der mit kleinen Sprockhövelern im Kindergarten Deutsche Kinderlieder sang? Buba hat mich immer wieder überrascht und berührt. Aber auch sein Großvater war beeindruckend. Ich erzählte von der Stiftung und, dass sie schon wieder für ein anderes Kind aus dem Irak sammeln würde. Der Vater kündigte an, für dieses Kind zu beten und ließ sich sehr genau vorrechnen, was der Eingriff in gambischen Dalasi gekostet hätte.

Buba sitzt auf dem Schoß seines Großvaters, der mit zwei anderen wichtigen Männern aus dem Dorf für das Foto posiert. Viele kamen um mir zu danken, die ich gar nicht kannte.

Zum Dank eine Ziege

Am nächsten Morgen verpasste ich knapp hohen Besuch. Der Imam und der Dorfälteste waren gekommen, um mir zu danken. Zunächst verstand ich nicht, warum man mich nicht gerufen hatte. Da kommt so eine Art Bürgermeister zu einem Termin und man sagt gar nicht Bescheid? Das war natürlich wieder sehr Deutsch gedacht. Ich hätte mir nicht besonders viel zu sagen gehabt mit diesen Männern, die allgemein wenig Kontakt zu jungen Frauen, schon gar nicht Weißen pflegen. Bevor es krampfig geworden wäre, sprachen sie lieber mit Bubas Großvater. Der überreichte mir als ich frisch nach der Blechdosen-Bottich-Dusche vor die Hütte trat, einen Strick an dessen anderem Ende ein Zicklein gebunden war. „Was du getan hast, können wir nicht bezahlen,“ so hätten die beiden Herren ausrichten lassen. „Gott wird dich entlohnen. Wir aus dem Dorf haben nur diese kleine Ziege als Zeichen unseres Dankes.“

Zum Danke ’ne eigene Ziege

Mein Zicklein merkte wohl, dass ich es nicht mitnehmen wollte… Viel dran war nicht an dem armen Tier.

Da ich nach meinen Erlebnissen mit einem afrikanischen Kind zu reisen, kein Verlangen spürte als nächstes mit einer Ziege nach Europa zu fliegen, schlug ich ein kleines Willkommensfest vor. Buba beobachtete ohne mit der Wmper zu zucken das Ende des Tieres und half sogar beim Zerlegen. Wirklich unglaublich, wie schnell er sich eingefunden hat.

Dabei war er ja jetzt auch noch großer Bruder! Denn während er im Krankenhaus lag, hat seine Mutter die kleine Mama Elli auf die Welt gebracht. Sie nannten das Kind tatsächlich genau wie meine Mutter, aber einige Jahre später meinte ich gehört zu haben, dass sich der Rufname Aysatu etabliert hat, was vollkommen in Ordnung ist.

Die kleine Mama Elli auf dem elterlichen Bett. Gut geschützt vor den Malaria-Mücken.

Bubas Mutter kratzte ihr ganzes Englisch zusammen und sagte von Herzen: „Du hast Buba ebenso das Leben geschenkt, wie ich. Es ist genauso dein Sohn, wie meiner.“ Das mag in deutschen Ohren etwas herzlos klingen. In Gambia aber, wo Kinder durch das Großfamilien-Konzept und polygam lebende Eltern oft mehrere Menschen mit Mutter und Vater ansprechen, ist das einfach nur eine liebevoll Geste. Natürlich habe ich betont, dass es ihr Kind sei und ich Buba niemals mit nach Deutschland nehmen werde. Aber ein bisschen gefreut habe ich mich auch, über „meinen Sohn“.

Buba gewöhnte sich wahnsinnig schnell wieder an zu Hause. Hier isst er mit seinen Eltern Reis. Natürlich mit der Hand.

Das Fest war toll. Immer wieder schauten sich die Gäste das kleine Fotoalbum an, das wir Buba mitgegeben haben und fragten nach Namen und Orten auf den Bildern.

Immer wieder bestaunen die Familienmitglieder Bubas Fotos.

Buba war wie ein kleiner König. Am zweiten Morgen verließ ich das Dorf kurz nach dem es hell wurde. Buba – und viele andere – schliefen noch. Wie es für die Mandinka üblich ist, verabschiedete ich mich nicht großartig. Am Abend des gleichen Tages saß ich im Flieger nach Frankfurt. Von dort fuhr ich nur noch nach Sprockhövel, um ein paar Dinge zu packen. Am gleichen Tag fuhr ich nach Den Haag. Mein Studium hatte bereits zwei Tage begonnen.

Verbindung fürs Leben

Was geblieben ist? Noch mehrmals habe ich Buba besucht, bekomme regelmäßig Fotos von ihm und seinen Geschwistern. Einmal sind meine Eltern auch nach Gambia gekommen und haben Sankulay Kunda besucht. Das war sehr berührend und auch sie bekamen eine Ziege. Wenn ich nach Gambia reise, und es der Familie ankündigte, schickt man mir Buba für einige Tage. Erst freute ich mich darüber, aber Fakt ist auch, dass der Junge seine Zeit in Deutschland längst vergessen hat. Und ich glaube ihm geht es am besten, wenn er keine Höflichkeitsanrufe bei mir machen muss. Die Narbe auf seiner Brust wird ihn immer an die Reise nach Deutschland erinnern. Aber ich habe für mich entschieden, dass das das einzige sein soll. Wenn wir ihn gezielt unterstützen oder fördern, wird er (wieder) etwas besonderes im Dorf sein. Die Reise nach Deutschland gab es aber nur, weil er eine schwere Krankheit hatte. Und das soll niemals in Vergessenheit geraten. Kein Kind in Sankulay Kunda soll sich sehnen auch nach Deutschland zu reisen. Denn am schönsten wäre, wenn man Kindern wie Buba irgendwann einmal zu Hause helfen könnte. Denn es gibt sie und sie haben nicht so viel Glück. Kurz vor meiner Abreise saßen damals ein Vater mit seinem Sohn im Büro. Der Sohn hatte die Beine an den Körper gezogen, in Hockstellung. Ein Bild, das viele Mediziner in Deutschland nur noch aus den Lehrbüchern kennen. Typisch für die Fallotsche Herzkrankheit.

Diesem Jungen konnte ich leider nicht helfen… es gibt so viele, die Hilfe brauchen.

Bubas Eltern finden, dass ich ihm das Leben gerettet habe. Ich finde, ich habe nur reagiert, als ich eine Möglichkeit hatte. Ich konnte Buba etwas ermöglichen, was für Kinder in Deutschland völlig normal ist. Persönlich finde ich viel beeindruckender, wie viele Menschen die Aktion unterstützt haben. Wir haben eine Spendenliste von der Stiftung erhalten, auf der zumindest die Leute drauf stehen, die eine Spendenquittung bekommen haben. Viele kenne ich nicht, aber nicht wenige haben einen dreistelligen Betrag überwiesen. Unsere Kirchengemeinde hat einfach so den Flug übernommen, diakonische Zwecke. Und meine großartige Familie hat ihre kompletten Sommerferien mit der Pflege eines fremden, schwerkranken Kindes verbracht. Neben meinen Eltern hat ihn auch meine liebe Tante mehrmals im Krankenhaus besucht und sich gekümmert. Bei mehreren Familienfesten (Silberhochzeit meiner Eltern, Geburtstag meines Vaters und unser „Sippentreffen“) wurde er immer von allen wie ein Familienmitglied behandelt. Das war toll.

Und alleine hätte ich das niemals geschafft. 30.000 Euro sind eine Stange Geld. Vielleicht mehr,  als alle Menschen von Sankulay Kunda gemeinsam haben. Aber den Wert eines Menschenlebens will ich nicht beziffern. Ich konnte helfen und habe es getan. Für die Eltern war es vielleicht auch ein Zeichen. Einigen Menschen hier im fernen Deutschland ist euer eines Kind wichtig.

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