„Wir wollen einfach wieder leben können.“

Seit genau einem Jahr begleiten Henning und ich ein junges Paar aus Syrien, seit einem halben Jahr leben wir (mit Ausnahme, wenn wir in meiner Wohnung in Dinslaken sind) zu viert mit einem Hund in Hennings Junggesellenbude. Erst vorübergehend, für ein Praktikum, das die beiden nun mal in Essen hatten, und nicht Neukirchen-Vluyn, wohin sie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zugeteilt hat. Aus dem Praktikum wurden eine Ausbildungsstelle und eine Einstiegsqualifizierung, in den Betrieben von Bekannten von mir, dankend angenommen von den beiden jungen Syrern.

Als die Lehrverträge unterschrieben wurden, waren die beiden bereits ein Jahr in Deutschland und warteten auf ihre zweite Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bei der Unterzeichnung war auch eine Dame der IHK anwesend, betraut mit der betrieblichen Integration junger Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt.
Die junge Syrerin hatte Zweifel, ob sie die Berufsschule ohne fließende Sprachkenntnisse packen könnte und wie sie die Ausbildung durchziehen sollte, während sie beide weiter – zumindest ja offiziell – im Flüchtlingsheim, ohne eigene Toilette, ohne Internetzugang lebten. Man würde ihr helfen. Sich für sie einsetzen. Das Bundesamt würde sicher bald entscheiden. Syrer dürfen ohnehin bleiben. Und nach der zweiten Anhörung, ja danach liege der Bescheid nach wenigen Wochen vor.

SPOILER: Die beiden wohnen seit sechs Monaten bei uns. Die zweite Anhörung hat Anfang Oktober stattgefunden. Seitdem haben wir nichts mehr gehört. Es gibt noch immer keine Wohnung und keine Möglichkeiten, das Ausbildungsgehalt aufzustocken für die beiden. Die Schulbücher und Fahrtkosten müssen sie von 400 Euro Lehrgeld selber bezahlen, weil sie offiziell nicht einmal als Sozialhilfeempfänger gelten. Gestern Abend haben mir die beiden gesagt, dass sie gar in Erwägung ziehen, die Ausbildung abzubrechen. Sie hätten unsere Gastfreundschaft von sechs Wochen bereits auf sechs Monate ausgedehnt genutzt, hätten das Gefühl, nicht voran zu kommen. Und eine klare Aussage, ob sie nach Erhalt der Papiere überhaupt in die Nähe der Lehrstellen ziehen dürfen (Stichwort Wohnsitzauflage) kann niemand bei den Ämtern beantworten. Als die jüngsten Bilder aus Amerika am Wochenende über die Tablets flimmerten, fragten sie mich, wie sicher ich sei, dass eine komplette Kehrtwende der deutschen Flüchtlingspolitik auch für Syrer in Deutschland unmöglich sei.

Ich kann die Frustration absolut verstehen. Ich kann nachvollziehen, dass die beiden überlegen, sich lieber „Aushilfsjobs“ zu suchen, in denen sie den Mindestlohn beziehen und sich eine Wohnung ohne staatliche Unterstützung mieten können. Und ich schäme mich gegenüber meinen Bekannten, denen ich die beiden als Lehrlinge vermittelt habe, in dem Glauben, dass die Papiere bald kommen und der Staat ihnen bei der Integration zur Seite stünde. Seit fünf Monaten beschäftigen die Betriebe nun Lehrlinge mit Sprachdefiziten, ohne irgendeine Unterstützung oder Förderung zu erhalten, aber in dem Wissen, dass sie zu wenig Geld zum Leben haben, weil die staatliche Unterstützung, die anderen Auszubildenden in Deutschland zusteht, ihnen genauso verwehrt wird wie die eigenen vier Wände.

Ich bin tieftraurig. Wir haben so viel gekämpft. Wir wollten das schaffen. Wir, die wir die zwei jungen Menschen, die auch Träume hatten, aufgenommen und unterstützt haben. Die wir sie ausgebildet und ihnen Deutsch gelehrt haben. Alles ehrenamtlich, natürlich.

Die beiden werden finanziell dadurch schlechter gestellt, dass sie sich um eine Ausbildung und Integration bemüht haben. Denn durch die Ausbildung bzw. die Einstiegsqualifizierung haben sie kein Recht mehr auf Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, durch die fehlende Aufenthaltsgestattung aber auch kein Recht auf Wohngeld, BAB oder andere andere Maßnahmen das schmale Lehrgeld aufzustocken.

Ich habe dem Bürgermeister von NeukirchenVluyn im Oktober in der Sache angeschrieben. Bis heute keine Antwort. Ich habe die Bundestagsabgeordnete der Grünen im Kreis Wesel, Ulle Schauws in der Sache im November kontaktiert, es gab zwar freundlichen, bemühten Kontakt, aber keine Lösungen. Das Büro des Landtagsabgeordneten der SPD, Ibrahim Yetim hat das BAMF im Dezember kontaktiert und nach dem Stand der Dinge gefragt, die Antwort aus Düsseldorf kam nach wenigen Tagen und lautete: „Es dauert jetzt nicht mehr lange.“
Wir haben immer wieder mit den für Flüchtlinge in der Ausbildung zuständigen Stellen vorgesprochen, bei der IHK, bei den Ämtern. Immer lautet die Antwort: „Syrer kriegen zeitnah ihren Aufenthaltstitel, bis dahin müssen sie im Heim leben. Uns sind die Hände gebunden. Oder auch: Im Moment gibt es formal- rechtlich wenig Spielraum, solange der BAMF Bescheid nicht vorliegt.
Nach 16 Monaten des Wartens und vier Monate der Ausbildung frage ich mich, wann ist das, zeitnah?

Das junge Paar glaubt kaum mehr, eine solche Antwort vom BAMF zu bekommen, dass sie die Kraft haben, ihre Ausbildung fortführen zu können. Die Verzweiflung dieser jungen Menschen, die übrigens vor einem schrecklichen Bürgerkrieg geflohen sind und die den Traum hatten, sich hier ein neues Leben aufzubauen, ist unerträglich. Gestern sagten sie zu mir: „Wir wollen doch keine 1000 Euro im Monat, oder Luxusgüter. Wir wollen einfach zum ersten Mal seit zwei Jahren etwas Privatsphäre, damit wir wieder leben können.“
Das ist doch -eigentlich- nicht zu viel verlangt.

Die ganze Geschichte der beiden findet ihr hier zum nachlesen:

Ein Bilder der beiden, leicht verfremdet, damit es ihnen nirgends zum Nachteil wird. Auch in Deutschland fühlen sie sich noch nicht frei.

Ein Bilder der beiden, leicht verfremdet, damit es ihnen nirgends zum Nachteil wird. Auch in Deutschland fühlen sie sich noch nicht frei.

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