Buba wird in Gambia ein Herzfehler diagnostiziert und wir fliegen nach Deutschland

„Kaa-na kumbo.“ – Weine nicht. „Kumbota a mang betiya.“ – Weinen ist nicht gut. „I lafta sumenala?“ – Musst du mal Pipi? Zu Bubas Belustigung lerne ich Mandinika. Das ist gar nicht so einfach, denn es ist keine verschriftlichte Sprache. Das hat nicht nur zur Folge, dass ich lediglich Lautschrift notieren kann und es keine klassischen Lehrbücher gibt, sondern auch, dass ich immer und immer wieder nachfragen muss und die Menschen in der Hauptstadt manche Wörter völlig anders aussprechen als auf dem Dorf.

Kleine Phrasen hatte ich auf allen lokalen Sprachen Gambias gelernt, seit meiner Ankunft. Daran hatte ich Spaß. Aber je konkreter meine Reisepläne mit Buba nach Deutschland werden, desto überzeugter bin ich die Sprache richtig lernen zu müssen. Und es wurde schnell konkret.

Wie in meinem letzten Beitrag beschrieben, besprach ich irgendwann mit Bubas Eltern, dass ich den Jungen gerne einmal mit in die Hauptstadt nehmen würde, um ihn richtig durchchecken zu lassen. Sie stimmten sofort zu. Die Erziehung durch die afrikanische Großfamilie kam mir zu Gute: Für Buba war es fast einerlei, ob er bei seinem leiblichen Vater im Dorf oder mit seinem Onkel Lamin, den er auch mit ‚Baba‘ anredet, in der Hauptstadt ist. Dort wohnte eine entfernte Tante, die uns alle aufnahm. Ich hatte zudem auch eine Anlaufstelle im Verbindungsbüro der Buschklinik. Von dort wird der Kontakt nach Deutschland zum Verein gehalten, die Buchhaltung organisiert, Gehälter und Personalangelegenheiten sortiert.

Effizienz und Arbeitsschritte in Gambia – eine andere Welt 

Arbeit folgt in Gambia einem völlig anderen Konzept als in Deutschland, so sehr das nach Vorurteil klingt, besonders in Sachen Effizienz. Das liegt aber nicht daran, dass die Leute faul wären, die Umstände sind einfach sehr widrig. Wer sich ein Bild von den alltäglichen Herausforderungen in der gambischen Arbeitswelt machen kann, kann sich ausmalen, welch Odyssee es ist Dokumente für die Behandlung im Ausland eines Minderjährigen zu beantragen.

Nehmen wir das Beispiel Pünktlichkeit und Arbeitsbeginn. Wenn in Deutschland ein Büro ab 8 Uhr besetzt ist, sollten die Mitarbeiter in aller Regel um kurz vor acht dort aufschlagen und wer mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreist, sollte sich nach einigen Tagen erschlossen haben, um wie viel Uhr man welchen Bus nehmen sollte, um in etwa pünktlich bei der Arbeit zu sein.

In Gambia gab es 2006 als öffentliche Verkehrsmittel Taxis und Taxibusse. Man kann diese alleine nutzen und sehr viel für einen sogenannten „Towntrip“ zahlen. Oder man nutzt ein Auto, das immerzu auf einer vorgeschriebenen Strecke fährt. Von A nach B, Zustieg jeder Zeit möglich. Entweder sind diese Taxibusse PKW oder Busse mit acht bis 12 Sitzplätzen, zuzüglich Geflügel und Kleinkinder. Die zahlen nichts, bekommen aber auch keinen eigenen Platz. Reist eine Frau mit drei Kleinkindern und zwei Hühnern, wird es eng für die anderen Fahrgäste. Sehr kinderfreundlich, aber so hat man eigentlich immer ein Fremd-Huhn oder Kind auf dem Schoß.

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Taxichaos auf Gambias Straßen

Die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ist jeden Tag eine Herausforderung 

Ähnlich wie die Fähren, fahren auch diese Taxis oft erst los, wenn sie bis auf den letzten Platz besetzt sind, oder aber sich jemand erbarmt, für die Leersitze aufzukommen. Möchte man aussteigen nuschelt man dem Fahrer, oder in größeren Autos seinem Gehilfen, der in seinem Alter eher zur Schule gehen sollte, als sich aus einem Kleinbus zu hängen um Fahrgäste zu akquirieren, möglichst undeutlich den Haltewunsch zu, das durch ein kaum merkliches Nicken bestätigt und umgehend vergessen wird.

Naht die Ausstiegskreuzung dann tatsächlich, klopft man wahlweise dem Fahrer auf die Schulter oder mit der Hand gegen das Dach. Die Türen der Autos werden in der Regel von Seilen gehalten. So oft wurden sie schon geöffnet und geschlossen, dass die Türen oft genug an den Seilen und nicht in den Angeln hängen.

Erst gibt es kaum freien Plätze, später wird man fast zum Mitfahren gedrängt 

So kann es also vorkommen, auf dem Weg zur Arbeit, dass sich sofort ein Bus findet, der voll ist und losfährt. Wer nicht an einem Start- oder Endpunkt wohnt, kann unterwegs zusteigen, wenn zuvor mindestens ein Fahrgast ausgestiegen ist. Bis dahin steht der geneigte Mitarbeiter am Straßenrand, winkt, ruft sein Fahrziel und hofft, dass ein Auto anhält. Kann sofort passieren, kann nach zwei Stunden passieren. Denn da alle Taxis und Taxibusse in Privatbesitz sind, gibt es keinen Fahrplan, keine Bedarfserhebung, der Markt reguliert sich ausschließlich selbst. Bei Regen ist es schwerer ein Taxi zu bekommen, als bei guten Wetter. Immer bis zum März müssen Führerscheine verlängert werden, ein sehr sinnvolles System, da sowohl der Erwerb eines Führerscheins als auch die Verlängerung ohne jede Prüfung einher gehen.

Rund um die Frist zur Verlängerung fällt dann vielen Fahrern auf, dass der Termin justament vom Himmel gefallen ist und fallen aus. Ähnlich verhält es sich mit Straßensteuern und anderen Abgaben, es gibt ein Datum, an dem persönlich bezahlt wird und wer im Steuerbüro steht, kann kein Taxi fahren. Wenn irgendwann alle Arbeitnehmer bei der Arbeit sind, dreht sich das Phänomen ins Gegenteil: vom auf den Bus zurennenden Pulk um einen Sitz zu ergattern hin zu Fahrern beziehungsweise Gehilfen, die jedem Fußgänger lange und penetrant ihr Fahrziel hinterher rufen, immer in der Hoffnung, dass sich derjenige umentscheidet und vielleicht doch Bus fährt.

So kann es vorkommen, dass jemand zwar jeden Morgen pünktlich zur gleichen Zeit das Haus verlässt, aber mal kurz vor acht, oft genau um acht und nicht selten hoffnungslos nach acht im Büro aufschlägt. Da aber alle so zur Arbeit kommen, ist ein konstruktives Arbeiten eigentlich immer erst ab 9 möglich. Das ist dann aber wenigstens in allen Büros so.

Ankommen, Begrüßungsritual, Frühstücken – schon ist der Vormittag um

Der älteste oder aber der Mitarbeiter, der am meisten verdient, besorgt zudem für alle Frühstück. Gemeinsame Mahlzeiten sind in Westafrika von riesiger Bedeutung. Nebenbei snacken ist undenkbar in Gambia. Wenn also gegen neun alle Mitarbeiter eingetrudelt sind, beginnt zuerst einmal ein umfassendes Begrüßungsritual. Die Höflichkeit gebietet es, mindestens einen Guten Morgen zu wünschen, zu fragen wie die Nacht war, (in der Regel gut), wo die Kinder sind (vermutlich in der Schule), wie die Arbeit so ist (Gott sei Dank) und eine interessierte Nachfrage, ob man von zu Hause komme (ja).

Gambier haben die für uns etwas gewöhnungsbedürftige Eigenschaft Offensichtliches in Worte zu fassen. „Oh, du sitzt unter einem Baum,“ oder „Du warst am Büdchen und hast Brot gekauft,“ oder „Du gehst gerade zur Arbeit,“ klingt ein bisschen beschränkt, ist aber einfach höflich gemeint.

Alle sind irgendwie da, egal wo sie tatsächlich sind

Die ganze Grüßerei ist eine direkte Übersetzung aus den lokalen Sprachen. Eine adäquate Antwort auf die Frage, wo der Partner, die Kinder, die Eltern, etc sind, ist eigentlich auf jeder Sprache. „Er/sie ist da.“ Die Mandinkas sagen „Abiije“ beziehungsweise ein Dorf weiter „abijang“ die Wolof antworten mit „Mangfi„, die Fulani mit „Jamtang„, die Serahule sagen „Majam„. Auch dieses „ist da“ mag im ersten Moment etwas komisch klingen, später habe ich gelesen, dass es tatsächlich eine Jahrhunderte alte Tradition hat.

Früher gab es eigentlich nur zwei Möglichkeiten, wo man so sein konnte: Zu Hause (da!) oder im Reisfeld (nicht da!) Da es in der Hauptstadt kaum Reisfelder gibt, ist davon lediglich das „Ist da“ als Antwort für alles übrig geblieben. Gambier, die nie in der Schule waren und die Landessprache Englisch eher aufgeschnappt, als gelernt haben, übersetzen dann gerne die lokale Sprache eins zu eins ins Englische und so wird „is there“ zu einer häufigen, völlig sinnfreien Antwort, die eigentlich „is fine“ lauten sollte. Denn auch nach dem Morgen wird gefragt und oft bekommt man zur Antwort, dass auch der Morgen „da“ ist.

Anderseits schützt „Ist da“ auch vor allzu neugierigen Fragen. Weil die Antwort so etabliert ist, kann man eine Ehefrau, die den Gatten sucht, mit der Antwort „ist da“ eine ganze Weile hinhalten. Wenn ich andersrum jetzt in Gambia bin und nach Praktikanten aus dem Projekt gefragt werde, zu denen ich gar keinen Kontakt mehr habe, das aber nicht groß erklären will, ist ein „ist da“ oder „ist in Deutschland“ eine völlig zufriedenstellende Antwort.

Das Gesicht wahren oder Höflichkeit ist wichtiger als Ehrlichkeit

Oft wurde ich bei einem Kennenlernen auch gefragt, wo mein Mann sei. Ist es eine flüchtige Bekanntschaft, ist „ist da“ oder ein unbestimmtes „ist zu Hause“ aus zwei Gründen eine strategische Antwort. Zum ersten verhindert es teils intensive Heiratsgesuche junger Männer und deren Mütter. Zum anderen ist in Westafrika der Höflichkeitsgehalt einer Aussage viel wichtiger, als der Wahrheitsgehalt. In Deutschland würde man es -auch einer flüchtigen Bekanntschaft- tendenziell übel nehmen, wenn bei einer Frage nach dem Familienstatus gelogen wird. Besonderes älteren Menschen in Gambia sollte man aber nicht die ganze, dreckige Wahrheit zumuten, wenn man mit 20 noch nicht verheiratet ist. Da ist eine kleine Lüge höflicher und gesellschaftlich akzeptiertert.

Ich weiß, von einem europäischen Standpunkt ist das schwer zu verstehen. Die erste Reaktion war auch von mir, dass es doch ganz allein meine Entscheidung ist, wann ich heirate und ob ich heirate und ob ich dabei Mann oder Frau liebe und wie ich mich selbst verstehe. Diese Gedanken macht sich in Gambia aber einfach kaum jemand. Ist eine junge Frau früh verheiratet, ist das prinzipiell ein gutes Zeichen, dass sie hübsch und fleißig ist und bald Kinder bekommen kann, was in Gambia Riester-Rente und betriebliche Alterversorge ersetzen muss. Klar: ein Vorteil.

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Das Bild passt hier nur halb hin, aber es war mir etwas viel Text und deshalb erinnere ich noch mal daran, warum ihr das alles lest: Buba am Strand

Anders als in Europa sind nicht zahlreiche Kinder ein Armutsfaktor, sondern wenige, denn deine Kinder sind deine Altersabsicherung. Dazu kommt sicherlich auch der Gedanke an ein gottgefälliges Leben, das ebenfalls viele Kinder vorsieht. Wenn ich also in meiner Leichtigkeit auf die Frage nach dem Ehemann mit einem entrüsteten „ich bin doch gerade mal 20!“ reagiere, bringe ich den Gegenüber in die unangenehme Situation, möglichst mitleidig zu gucken, weil er sich vermutlich ganz schuldig fühlt, selbst mit 20 schon ein Kind gehabt zu haben und der arme Tropf aus Deutschland ist noch nicht einmal verheiratet. Da kommen Höflichkeitsantworten beiden Kulturen zu Gute.

Drei afrikanische Sprachen gemischt mit Englisch und Französisch noch vor dem ersten Kaffee

Zurück zu einem ganz normalen Morgen im Büro der NGO, des Vereins. Übrigens habe ich dort die Arbeit im Ganzen als ziemlich strukturiert erfahren im Gegensatz zu manch anderen Orten. Auf dem Weg vom Wohnhaus bis zum Büro begrüßte ich auf die oben beschriebene Art zwei Gärtner, den Maurer, den Schreiner und dessen Frau auf drei verschiedenen, afrikanischen Sprachen. Die beiden Gärtner sprechen zwar die selbe Sprache wie der Maurer, doch die Gärtner kommen aus dem Senegal. Die mischen also französische Wörter statt englische in den morgendlichen Dialog.

Nakam – heißt auf Wolof einfach wie. Nakam ist eine vollständige Frage für Morgenmuffel. Nakam? Fine! Nakam work-bi? Wie ist deine Arbeit? In Wolof benutzen sie gerne Englische Wörter zwischen drin. Der Gärtner ist aber Senegalese also: „Nakam Travaille-bi?“

Im Büro dann kurzer Check wer schon vor Ort ist, ob es stabiles Internet und ein funktionierendes Telefon gibt. Sind alle da, dauert es nicht lange, bis jemand einen der Gärtner losschickt, etwas zu Essen zu kaufen. Belegte Brote zum Beispiel, oder eine Art Milchsuppe, die dann alle gemeinsam löffeln. Dazu gibt es eine Tasse Zucker mit etwas Kaffee und Wasser, wahlweise mit Tee.

Wie man einen ganzen Tag lang eine Email ausdruckt

Es geht nicht jeden Tag ganz dramatisch weiter, aber exemplarisch möchte ich von einem Tag berichten, der mich schier zur Verzweiflung gebracht hat. Ich hoffe ich bekomme das noch ganz zusammen. Die Vertreter des deutschen Vereins in Deutschland hatten über Nacht eine Mail mit einer Liste im Anhang geschickt, die ausgedruckt werden musste. Leider war der Drucker zur Reparatur in einem Computerladen. Technik geht prinzipiell ständig kaputt. Das kann natürlich an der Hitze und dem vielen Sand und Staub liegen, vielleicht auch an nicht immer ganz sachgemäßer Bedienung.

Der Drucker war also nicht da und Anrufe beim Computerladen führten ins Leere. Noch nicht im Büro, noch keinen Platz im Bus bekommen vielleicht auch gerade beim Begrüßungsritual oder beim Frühstück. Das wäre aber auch kein Grund entnervt zu sein. Stellt euch folgendes Beispiel vor: Ihr fahrt zu schnell, gelangt in eine Verkehrskontrolle. Der Polizist fragt, warum ihr es so eilig hattet. Die Antwort lautet: „Es tut mir sehr leid, Herr Wachtmeister, meine Mutter ist ganz schrecklich krank und ich war in Gedanken, wollte schnell zu ihr.“ Vermutlich würde ein deutscher Polizist dann auf die Straßenverkehrsordnung verweisen, und dass man emotional aufgewühlt am besten gar nicht Auto fährt. Ein afrikanischer Polizist würde eventuell der Mutter eine gute Besserung wünschen und Verständnis aufbringen. So ähnlich ist das, wenn jemand nicht am Platz ist, wegen Begrüßungsritual, Essen, Gebet, Telefonat etc. Das sind alles wichtige Gründe, für die die Menschen Verständnis haben. Auch bei Behörden mit festen Arbeitszeiten ist das so.

Als endlich jemand im Computerladen erreichbar ist, weiß derjenige nichts von einem Drucker. Der Mitarbeiter, der das Gerät entgegen genommen hat, ist im Senegal. Offensichtlich mit Drucker, denn der ist auch nicht auffindbar. Memo des Tages: Drucker für Reparatur künftig vom IT- Menschen quittieren lassen, sonst Drucker fort.

Wir beschließen also, in ein Internet Café zu fahren, um dort die Liste auszudrucken. Der Fahrer ist gerade mit einem Auto bei der Inspektion, darum fährt der Bürochef selbst und ich verstehe, warum es einen Fahrer gibt. Er fährt wirklich sehr vorsichtig und umsichtig mit dem guten Projekt-Geländewagen. In einem Land, in dem nicht rechts vor links, sondern schneller vor langsamer gilt, steht man mit einem umsichtigen Fahrer lange, sehr lange an einer Kreuzung.

Das erste Internet Café hat gerade keinen Strom, das zweite kein Internet. Wir fahren zurück ins Büro, ziehen die Liste auf einen USB- Stick und fahren zurück in das Internetcafé ohne Internet in der Hoffnung, das Dokument drucken zu dürfen. Dürfen wir nicht. Das dritte Internetcafé hat, richtig, keinen Drucker angeschlossen, vermutlich ist der im Senegal. Das verraten sie uns aber erst nachdem wir uns eingeloggt haben, zahlen müssen wir also trotzdem, obwohl wir ja gar nichts gedruckt haben. Der Bürochef bittet um einen Zahlungsbeleg, schließlich möchte der deutsche Verein alles akkurat abrechnen und die Kasse muss stimmen.

Die Mitarbeiterin hat keinen Quittungsblock, der Chef betet gerade. Geduldig warten wir. Als es nach zwanzig Minuten immer noch keine Quittung gibt, bezahlen wir die „Nutzung“ aus eigner Tasche, statt aus der Kasse, brauchen keine Quittung und verschwinden, sehr zum Unmut der Mitarbeiterin, die jetzt schon „so viel Arbeit“ mit uns hatte. Drei Internet Cafés aufzusuchen dauert in Gambia und es ist ganz plötzlich Lunch Time! Das gemeinsame Mittagessen ist mindestens so wichtig, wie das gemeinsame Frühstück. Also erst einmal zurück zum Büro und Meldung nach Deutschland machen. Wir haben: einen verlorenen Drucker, vermutlich im Senegal, und keine gedruckte Liste. „Fahrt doch in eins der Hotels, dort hilft man euch.“ Super Idee.

Wenn es im Internetcafé kein Internet gibt, fährt man in ein Hotel. Logisch. 

Nach dem Mittagessen und dem Mittagsgebet fahren wir also in ein Hotel, wir kennen den Besitzer. Er führt mich in eine Art Besenkammer, wo ich, nachdem ich zwei Softdrinks wegen der Hitze zu mir nehmen musste, endlich einen Computer vor mir stehen habe. Auf Nachfrage gibt es Internet und sogar einen Drucker. Der Bekannte ruft yahoo.co.uk auf und fordert mich auf, meine Email Adresse einzutragen. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, dass ich bei Hotmail bin und mich leider auch dort anmelden muss. Sagenhaft, was dieses Internet alles kann. Glaubt er mir leider nicht. Es erfordert einiges an Diskussion und einen weiteren Softdrink bis sich Stück für Stück mein Email-Eingang aufbaut, ich die Liste herunterladen und tatsächlich drucken kann.

Die Höflichkeit gebietet einen kurzen Aufenthalt und einen Austausch über die eklatante Internetsituation im Land. Als wir endlich wieder im Büro ankommen, ist es schon fast 17 Uhr und somit eigentlich dringend Zeit nach Hause zu gehen. Die Liste kriegt man heute ohnehin nicht mehr ausgefüllt. Tschüss.

Faule Afrikaner? Nein. Irgendwie nicht. Und das ständige Grüßen und Smalltalken gehört halt dazu. Es ist nicht so leicht, effizient zu sein wie man glaubt.

Die deutsche Erwartungshaltung bleibt am besten zu Hause

In diesem wohlorganisierten Land suchte ich also mit dem kleinen Buba an der Hand und Lamin im Schlepptau ein größeres Krankenhaus auf. Früh am Morgen waren wir vor Ort. Obwohl ich auch endlich mal von dem Kind-zahlt-nix-Tarif in öffentlichen Verkehrsmitteln hätte profitieren können, investierten wir in einen Towntrip und hatten das Taxi für uns alleine. Da saßen wir also in der Registrierungsschlange und warteten. Worauf oder auf wen war nicht ersichtlich, aber wir warteten und wir warteten ewig. Nach welchem System Patienten aufgerufen und registriert wurden, erschloss sich mir nicht, aber es dauerte. Die Sonne ging auf, die Hitze wurde stündlich drückender. Einige Frauen verkauften Snacks und belegte Brote vor dem Krankenhauseingang, Essen gegen die Langeweile. Endlich darf Buba zur Registrierung vor.

Die Tatsache, dass der Mitarbeiter mich fragt, ob der kleine Afrikaner wohl mein leibliches Kind wäre, lässt meine Hoffnung in eine gute medizinische Versorgung nicht gerade wachsen. Buba wird abgehorcht, man guckt ihm in die Augen und notiert einige Daten und wir warten wieder. Stunde um Stunde. Buba ist schwach, er hatte damals gute und schlechte Tage, an schlechten trage ich ihn, obwohl er damals ja schon vier Jahre alt ist.

Übrigens rufe ich ihn nicht Buba, sondern Dad. Das liegt daran, dass Buba nach seinem Opa mütterlicherseits benannt wurde. Dabei wird nicht nur der Geburtsname, sondern auch ein Spitzname übernommen, sodass die eigene Mutter den Sohn ‚Dad‘ oder ‚Daddy‘ nennt.

Endlich gibt es eine Diagnose, doch die ist niederschmetternd

Endlich, am späten Nachmittag werden wir zu einer weißen Ärztin mit englischen Namen vorgelassen. Wir unterhalten uns kurz und stellen fest, dass wir beide aus Deutschland kommen. Sie hat einen Briten geheiratet. Auch sie hört Buba ab und immerhin versteht sie ziemlich schnell, dass ich nicht die Mutter bin. Eigentlich, so erklärt sie mir, müsste man ein Herzecho durchführen. Ein entsprechendes Gerät gibt es aber im Haus nicht, doch in der Geburtsklinik hat es zumindest ein Ultraschallgerät, das vom Prinzip her gleich funktioniere. Geht doch mal gucken. Erschöpft trage ich Buba über den Hof, wo der Sonograph vom Dienst mit Geräten der Schwangerschaftsdiagnostik Bubas Herz schallt. Ausdruck (gut, dass der Drucker nicht im Senegal ist) und zurück zur Ärztin.

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Das Ultraschallbild, das alles verändert.

Die guckt auf das Bild. Lange. Dann sagt sie langsam: „Angeborene Stenose der Aorta.“ Also eine Verengung der Ader, die das Blut aus der linken Herzkammer in die Gefäße des Blutkreislaufs leitet. Behandlungsmöglichkeit im Land: keine.

In der Annahme, dass Lamin der Vater ist, holt sie eine Ernährungschart hervor, auf der symbolisch ein Fisch, Reis, Erdnüsse dargestellt sind. Vermutlich schlägt sie allen Eltern, die zu ihr kommen, eine ausgewogene Ernährung für ihre Kinder vor. Egal, ob sie angeborene Aorta-Stenosen oder Schnupfen haben. Und ich wette die meisten gambischen Eltern würden ihre Kinder auch total gerne gesund ernähren, wenn sie denn könnten. Mangelernährung ist leider besonders auf dem Land ein großes Problem.

Zu mir sagt sie auf Deutsch: Machen Sie der Familie keine Hoffnung. Das ist weder in Gambia noch im Senegal in Kliniken zu behandeln. Selbst wenn die Familie das Geld hätte, es geht nicht. Die sollen dem Jungen ein schönes Leben machen, lange wird es nicht mehr sein.

Kein Asthma. Kein Spray. Dafür eine schwerwiegende Diagnose ohne Behandlungsoption.

Internet-Recherche um überhaupt irgendwas für Buba zu tun

Erinnert ihr euch an das Geräusch, das Modems machen, wenn sie sich ins Internet einwählen? Immer und immer wieder versuche ich es an diesem Abend und irgendwann klappt es. Ich versuche zu recherchieren, wie man Kindern ein schönes Leben macht, die bald sterben müssen. Ich stoße auf den Dachverband der deutschen Herzgesellschaft, schreibe eine Mail. Als Antwort erhalte ich einen Standardsatz, dass man keine Operation von Kindern aus dem Ausland bezahle. Soweit hatte ich zu dem Zeitpunkt gar nicht gedacht! Ich wollte Tipps, wie man dem Jungen das Atmen erleichtert, wenn die Sauerstoffsättigung abfällt, was er Essen kann, ohne dass es den Organismus belastet.

Im Anhang eine Liste mit Stiftungen. Auch die Meise Stiftung für das herzkranke Kind. Ich lese alles durch und gehe niedergeschlagen zu Bett. Mit Lamin bespreche ich, dass Buba so schnell es geht zurück ins Dorf soll. Er soll bei den Eltern sein, nicht bei mir. Am nächsten Tag, am 4. April 2007 schreibe ich Herrn Meise von der Stiftung an. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand einem afrikanischen Kind ohne Krankenversicherung hilft, doch ich muss etwas tun, gegen das Gefühl nichts tun zu können. Denn inzwischen habe ich herausgefunden: In Deutschland würde eine Aortenstenose schnell behandelt. Es ist keine große Sache, kein schwerer Herzfehler. Kaum der Erwähnung wert, doch Buba soll daran sterben, weil er nicht in Deutschland, in die gesetzliche Krankenversicherung hinein geboren ist, sondern in Sankulay Kunda und sein Vater zwar einen wichtigen Job in einem staatlichen Krankenhaus hat, das Gesundheitssystem in seinem Land ihm aber nicht einmal eine vernünftige Diagnostik vorhält.

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Der Arztbrief, der alles verändern sollte. Die Diagnose war falsch. Zum Glück.

Ich bin wütend. Traurig. Und schreibe Herrn Meise knapp die Infos und ob er einen Tipp für mich habe. Nach vier Stunden erhalte ich seine Antwort:

bitte senden Sie mir möglichst schnell den Brief der deutschen Ärztin. Wir
werden dann zusammen mit anderen Stiftungen versuchen, die Kosten für die
notwendige Herzoperation in Deutschland aufzubringen.
Informationen über unsere Stiftung finden Sie unter www.meise-stiftung.de.

Ich bin sprachlos. Ich rufe Lamin an. „Sag deinem Bruder noch nichts, aber ich glaube Dad hat eine Chance.“ Mit diesen vier Zeilen gab mir Herr Meise die Zuversicht es versuchen zu müssen. Es gab keinen Moment, wo ich heldenhaft gekämpft habe, oder eine romantisierte Spendenaktion vor Augen hatte, oder Lebensretterin spielen wollte. Aber plötzlich war da dieser eine Satz, der sagte: Bringen Sie Buba nach Deutschland und wir übernehmen die Kosten. Und plötzlich fand ich, dass ich handeln muss, wo ich doch die Möglichkeit habe, diese Operation zu organisieren, die Bubas Eltern niemals hätten.

Ich schrieb an diesem 4. April 2007 eine weitere Email an meine Eltern. Die waren gerade in Wien im Urlaub, als ich sie darüber in Kenntnis setzte, dass wir Buba helfen können, dass ich dafür aber ihre Hilfe brauche. Mein Vater antwortete in einer Mail:

Mit dem Buba das werden wir schon hinkriegen, wäre doch gelacht.

Ich habe eine großartige Familie.

Das Kapitel Behandlung im Ausland ist aufgeschlagen

Ich kontaktiere also die deutsche Ärztin erneut, bitte sie ihre Diagnose zu verschriftlichen, den Befund des notdürftig geschallten Herzes mitzugeben und über Besucher des Hilfsprojektes gelangen die Unterlagen nach Deutschland. Das Warten und das Planen beginnt. Es gibt so viel zu organisieren. Würde Buba überhaupt einfach so mit mir reisen? Überlegungen seine Mutter mitzunehmen werden schnell wieder bei Seite geschoben. Mariama hat noch zwei Töchter, schmeißt den Haushalt daheim und ist kaum je auch nur in der Hauptstadt gewesen, geschweige denn im Ausland. Sie spricht wenig Englisch. Als Übersetzerin wäre sie also auch nur bedingt geeignet, außerdem würde das alles natürlich zusätzlich kosten.

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Bubas Mutter Mariama besucht uns, während wir mit Buba zur Diagnostik in der Hauptstadt sind. Sie hat ihre schicksten Sachen an und ist schwanger.

Ich habe Mariama Geld im Dorf hinterlassen, etwa 20 Euro umgerechnet, ein Wochenlohn ihres Mannes. Wenn sie es nicht mehr aushält, dass Buba allein in der Hauptstadt ist, soll sie nach Kombo, in die Hauptstadtregion kommen. Eines Tages ist sie tatsächlich da. Sie hat ihre beste Kleidung an und ist ziemlich aufgeregt. Wir entscheiden, dass wir Buba darauf vorbereiten, dass er mit mir fliegt. Mit den Unterlagen der Ärztin hat Bubas Familie auch afrikanische Kleidung nach Sprockhövel geschickt. Meine Eltern schicken Fotos in ihren neuen Klamotten, die etwas an Schlafanzüge erinnern. Die Gambier sind entzückt und fragen nach ihren Namen. Aus Jux und weil es einfacher auszusprechen ist, antworte ich „Mama Elli“ und „Papa Willi.“

Bereitwillig haben meine Eltern die afrikanischen Kleider für ein Foto angezogen.

Mit Hilfe von Fotos lernt Buba meine Eltern kennen: Papa Willi und Mama Elli

„Ui-lli?“ – ungefähr so klingt es, wenn Buba Willi sagen möchte. Er lacht und scheint den Gedanken nach Deutschland zu reisen gar nicht schlimm zu finden. Wir organisieren einen Pass für Buba, was nicht so einfach ist. Zwar hat er dadurch, dass sein Vater im Krankenhaus arbeitet, wenigstens eine Geburtsurkunde, was ein deutlicher Vorteil ist. Aber dass ein alleinreisendes Kind einen Pass bekommt, hat man bei der Passbehörde noch nicht so häufig gehört.

Ich erinnere an den alltäglichen Bürowahnsinn in Gambia oben und daran, dass „unser“ Vereinsbüro für örtliche Verhältnisse ziemlich effektiv arbeitet. Den Pass auf normalen Wege zu bekommen, scheint fast aussichtslos. Ich will mich eigentlich nicht an irgendeiner Korruption beteiligen, doch die Zeit drängt. Deshalb trage ich Lamin und Bubas Vater Modou auf, sich um den Pass zu kümmern und hinterfrage nicht, wie sie es gemacht haben, als sie nach wenigen Tagen mit vor stolz geschwellter Brust und einem druckfrischen Pass vor mir stehen.

Derweil haben meine Eltern in Deutschland ein Krankenhaus mit Kinderkardiologie in Wuppertal kontaktiert und die Unterlagen vorgelegt. Für die Diagnose – Aortenstenose– wird eine Ballon-Dilatation vorgeschlagen. Das bedeutet, dass ein Herzkatheter über die Leiste eingeführt und an der richtigen Stelle der Ballon „aufgepumpt“ wird, ähnlich wie bei einem Stent. Das ganze ist sogar ohne Vollnarkose möglich, soll schnell gehen und nach einer Kontrolle nach wenigen Tagen soll Buba wieder zurück können. Es gibt ein standardisiertes Merkblatt vom Krankenhaus, einen Kostenvoranschlag und eine Behandlungszusage.

Besuch aus der Heimat: Planen, Papiere überbringen und eine kleine Party 

Mein Bruder besucht mich in Gambia und bringt unsere gemeinsame Freundin Carolin mit. Damals studierte sie noch Medizin, heute ist sie Ärztin. Es ist schon das zweite Mal, dass mein Bruder Nils mich in Afrika besucht, nur diesmal gibt es eine Mission. Er soll Buba auch kennenlernen und die wichtigen Dokumente mitbringen. Meine Eltern haben im Bürgerbüro eine „Einladung“ für Buba ausgesprochen, genaugenommen ist das eine Verpflichtungserklärung. Sie weisen ihr eigenes Einkommen nach, dass sie über ausreichend Platz verfügen und sich um Buba kümmern wollen. Außerdem schließen sie eine Reisekrankenversicherung für ihn ab. Nur mit diesem Papier können wir bei der deutschen Vertretung das Visum beantragen. Es ist eines von ziemlich vielen Papieren.

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Als Nils und Carolin ankommen, reisen wir zusammen nach Sankulay Kunda. Auch Nils, Carolin und ich kriegen jetzt afrikanische Kleidung, es gibt Tanz und Musik zu unseren Ehren, was uns ziemlich unangenehm ist. Ich finde, dass die Familie ihr weniges Geld nicht für uns und für Klamotten, die wir ziemlich wahrscheinlich nie wieder anziehen werden, ausgeben soll. Aber vermutlich ist das ihre Art „danke“ zu sagen und auch ein Stück Auseinandersetzen mit der schweren Krankheit von Buba.

Nils hat man ein Kind aus dem Dorf abgestellt, das neben seinem eigens nach draußen getragenen Wohnzimmersessel steht und ihm allen Ernstes mit einem Fächer Luft zuwedelt, was meinem Bruder verständlicherweise ziemlich unangenehm ist, denn das sieht schon sehr komisch aus. Ich mache Fotos und freue mich über die neue Machtposition in der Geschwisterbeziehung.

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OP-Aufklärung und Einwilligung auf afrikanische Art

Der Tanz ist ziemlich wild und szenisch. Worum es geht verstehe ich nicht, aber es ist ein tolles Fest. Schließlich sitzen wir im kleinen Wohnzimmer von Bubas Eltern und Carolin erklärt in einfachen Worten die geplante Ballon-Dilatation. Ihre Worte werden auf Mandinka übersetzt und die halbe Großfamilie sitzt staunend und murmelnd drum herum. Schließlich sind sich alle einig, dass sie zustimmen zu diesem notwendigen Eingriff und kichern etwas, als Mutter und Vater unterschreiben sollen. Nach gambischer Logik hätte wohl eher Lamin unterschreiben sollen, weil er der Onkel ist und in Deutschland studieren soll oder der Opa, weil er so alt ist, oder der andere Opa, weil Buba nach dem benannt ist.

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Carolin studierte damals Medizin und ist heute Ärztin. Zusammen mit Nils hat sie uns besucht und Bubas Eltern so gut es ging erklärt, welcher Eingriff ihm bevor steht.

Buba verbringt einige Tage mit uns und hat augenscheinlich keine Berührungsängste mit den vielen Weißen. Sein Vater kauft ihm im Dorf jetzt oft Cola oder kleine Süßigkeiten. Meine Mutter hätte definitiv darüber die Nase gerümpft, einem Vierjährigen Cola zu kaufen. In Bubas Fall ist es irgendwie egal. Er ist sehr schmächtig und braucht Kalorien und Zucker. Säfte gibt es im Dorf nicht zu kaufen und ein bisschen kann ich es verstehen, dass Modou seinen Sohn verwöhnen will, bevor er die Reise in die Fremde antritt. Seine Möglichkeiten ihn anders zu verwöhnen sind beschränkt. Es gibt keinen Fernseher, weil es im Dorf keinen Strom gibt. Also fällt auch Eis raus.

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Ein bisschen verwöhnen muss sein: Buba kriegt häufiger mal einen Softdrink bevor es auf seine große Reise geht.

Visum beantragen im deutschen Verbindungsbüro

Mit allen Unterlagen, die mein Bruder mitgebracht hat, werde ich in der deutschen Botschaft vorstellig, die nur so heißt und eigentlich eine Außenstelle der Botschaft im Senegal ist. Dort wird nichts entschieden, sondern alles nach Dakar weitergeleitet. Wir sitzen und warten und beobachten die anderen Antragssteller.

Eine ziemlich korpulente Frau mittleren Alters wuschelt einem ziemlich drahtigen Rasta-Boy durch die Dreadlocks, während sie seinen Antrag ausfüllt. Sie haben geheiratet, wollen jetzt die Anerkennung und das Visum zur Familienzusammenführung. Sie habe einen guten Job, erstmal arbeite sie, bis er etwas findet. Die Botschaftsmitarbeiterin seufzt und erklärt ihnen, was sie brauchen. Nach fünf Jahren wird der Boy eine unbefristete Niederlassungserlaubnis haben, es wird sich zeigen, wie groß die Liebe dann noch ist. Ich sage das nicht zynisch. Aber ich habe diese Verbindungen zu dutzenden in Gambia gesehen und weiß, wie sie enden.

Viele Europäer finden im Urlaub in Gambia die große Liebe

Nicht wenige Frauen glauben über Monate oder gar Jahre ihre große Liebe in Afrika gefunden zu haben, reisen immer und immer wieder hin. Es sind oft Frauen, deren Ehe in Europa in die Brüche ging und die nach einer langen, einsamen Zeit plötzlich auf Typen treffen, die ihre Kinder sein könnten und so viel kiffen und so viel Scheiße labern, dass sie ihnen eine scheuern würden, wären es ihre Söhne. Aber sie sagen eben auch sehr charmante Dinge, sehen hervorragend aus und vermitteln mit jeder Faser ihres Körpers, dass das Alter doch nur eine Zahl und kein Hindernis sei.

Sie besuchen die Familien, lernen Geschwister kennen. Manche finden irgendwann heraus, dass die Schwester, die Cousine, die Freundin der Familie tatsächlich die Ehefrau ist, andere nie. Den meisten gambischen Frauen ist das egal. Viele sind in polygamen Familien aufgewachsen, kennen es nicht anders, als dass zwei Ehefrauen mit einem Mann unter einem Dach leben. Da ist es doch die bessere Variante, wenn die Zweitfrau nur ein paar Wochen im Jahr da ist und dann noch Geld da lässt.

Viele gambische Frauen haben mir auch gesagt, dass sie keine afrikanische Mitehefrau akzeptieren würden, weil sie das nicht mehr der Zeit angemessen finden, so zu leben wie ihre Elterngeneration. Gegen eine weiße Frau hätten sie aber keine Einwände. Ob das ein Kompliment an Europäerinnen oder ein „Nehme-ich-eh-nicht-ernst“ ist, weiß ich nicht.

Viele Familien leben in der Vielehe in Gambia. Ein Mann kann bis zu vier Frauen heiraten

Zur Polygamie an sich: Natürlich ist das (aus unserer Sicht) frauenverachtend, besonders im Hinblick auf die Tatsache, dass viele Männer in Gambia eine zweite Frau ehelichen, ohne die erste auch nur zu informieren. Mir war immer unbegreiflich, wie es so etwas wie Liebe und Verständnis zwischen Ehepartnern geben kann, wenn der Mann von heute auf Morgen eine andere mit heim bringen kann. Ich muss aber sagen, dass ich auch Familien getroffen habe, die sehr zufrieden waren, so zu leben.

Im konkreten Fall gab es zehn Kinder in der Familie und jede der beiden Frauen war für sich ziemlich froh, dass sie davon nur fünf zu Welt bringen musste. Viele Männer sehen es als großen Segen und Altersvorsorge an, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. Sich diese Arbeit zu teilen, empfinden viele Frauen als Erleichterung, zumal die Säuglingssterblichkeitsrate in Gambia viel höher ist als hier zu Lande. Auf die zehn Kinder kommen statistisch zwei, die bereits verstorben sind.

Auch argumentierten die Frauen dieser Familie, dass sie durch ihre Mitehefrau gewisse Freiheiten genießen. So haben sie jede ihre eignes Zimmer und der Mann schläft abwechselnd immer zwei Tage bei der einen, zwei Tage bei der anderen Frau. Die Frau, bei der er übernachtet, kocht an diesen Tagen, wäscht, versorgt die Familie. Die andere Frau hat „frei“. Besagte mir bekannte Familie, unterhielt damals einen kleinen Garten, der ziemlich viel Arbeit machte. Immer die Frau, die nicht den Haushalt schmiss, arbeitete im Garten und verkaufte die Überschüsse auf dem Markt. Da traditionelle Familien so leben, dass der Mann alle laufenden Kosten übernimmt und die Frauen eigene Einkünfte nicht zum Familienunterhalt beisteuern müssen, hatten sich die beiden Frauen auf diese Art eine beachtliche ökonomische Freiheit geschaffen. Oft stöhnte ihr Ehemann (im Spaß?) darüber, dass seine Frauen ihm wirtschaftlich deutlich überlegen seien. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es angemessen gewesen wäre, der Familie mitzuteilen, dass ich ihr Lebenskonzept frauenverachtend und unfeministisch finde.

Heiraten als soziale Absicherung 

Oft heiraten auch Männer ihre Schwägerinnen, wenn deren Mann verstorben ist. Es geht dann gar nicht um eine eheähnliche Gemeinschaft, oft ist das nur „auf dem Papier“ so, wobei es vermutlich nicht einmal ein Papier gibt. Heiratete aber niemand eine Witwe, müsste diese nach der Trauerzeit zu ihrer eigenen Familie zurück. Oft haben sich die Frauen (mit ihren Kindern) aber gut in der Schwiegerfamilie eingefunden, dass sie nach Jahrzehnten als alte Frau gar nicht zurück in ihr Elternhaus wollen. Damit niemand unverheiratet ist, nimmt dann ein Bruder oder Onkel die Witwe nach einiger Zeit zur „Mitehefrau“, damit klare Verhältnisse herrschen. Gläubige Muslime in Gambia haben Angst vor dem Tod, wenn sie nicht verheiratet sind. Es ist auch eine soziale Absicherung.

Botschaftsmitarbeiter brauchen viel Geduld: Das Mango-Business

In der Botschaft spricht auch ein selbsternannter Business-Man vor. Er möchte mit seinem seit Generationen überlieferten Wissen über Mangobäume eine Plantage in Deutschland eröffnen. Geduldig erklärt die Botschaftsmitarbeiterin ihm, dass das Klima in Deutschland für Mangos nicht so gut sei. Ob sie auch aus dem Mango-Business stamme, will der überzeugte Geschäftsmann interessiert wissen. Statt zu fachsimpeln, schickt sie ihn fort. Junge, unverheiratete Männer haben wenig Chance auf ein Visum nach Europa. Die Rückkehr-Wahrscheinlichkeit ist zu gering.

Endlich sind wird dran.

Die Voraussetzungen für ein Visum nach Deutschland umfassen viele Seiten, und noch eine mehr für Minderjährige. Wir gehen die Liste durch. Unter anderem wird ein Hin- und Rückflug verlangt, um sicherzugehen, dass der gambische Staatsbürger auch wieder dorthin verschwindet, wo er her gekommen ist. Ich versuche zu erklären, dass wir nicht absehen können, wie lange Bubas Behandlung dauern wird, das ist der Mitarbeiterin egal. Ebenso die Tatsache, dass Brussel Airlines ein Visum verlangt, wenn man ein Ticket kaufen möchte ist egal. Man braucht ein Ticket für ein Visum und ein Visum für ein Ticket. Irre. Wir legen den ausgefüllten Antrag vor und werden gebeten erst dann wieder zu kommen, wenn wir alle Dokumente beisammen haben.

Also besorgen wir eine Schulbescheinigung von Buba (er besucht einen Kindergarten, was in etwa einer Vorschule entspricht) sowie eine Befreiung des Leiters für die Zeit der Behandlung. Wir legen drei Nachweise über das regelmäßige Einkommen seines Vaters (keine 80 Euro im Monat!) vor, sowie eine Einverständniserklärung der Eltern, dass er mit mir reisen darf. Auch verlangt die Botschaft ebenfalls Arztbriefe, eine Behandlungs- und Kostenzusage. Es ist eine Mammutaufgabe alle Dokumente zu besorgen.

Endlich haben wir alles beisammen und eingereicht. Die Diakonie der Kirchengemeinde Sprockhövel hat zugesagt, Bubas Flugkosten zu übernehmen, also läuft auch das. Nun verlangt Brüssel Airlines einen Nachweis über die Flugtauglichkeit des jungen Patienten. Weil die nette deutsche Ärztin nicht erreichbar ist, fahren wir zu einer anderen Klinik. Der Arzt dort hat in der Schweiz studiert, spricht lustiges Deutsch und ist bereit die seitenlangen Formulare auszufüllen. Er lässt Buba eine Treppe hinaufklettern, als er keine akute Luftnot bekommt, findet der Arzt, dass er fliegen kann. Auch er hat kein Herzecho-Gerät.

Mit der Sprache lernt man die Kultur des Landes kennen

Der Tag des Abflugs rückt näher und ich versuche nicht nur die Sprache zu lernen, sondern auch die Mentalität dahinter. „Kaa-na kumbo!“ heißt Weine nicht. „Kumbota a mang betiya!“ heißt Weinen ist nicht gut. Mariama, Bubas Mutter, und alle anderen, die sich erziehungsberechtigt fühlen und das sind in Gambia eigentlich alle, ergänzen diesen Satz um: „Je fama ko!“ Das heißt: dein Vater sagt. Damit verleihen sie der Tatsache Nachdruck, dass weinen wirklich nicht gut ist.

Ich finde, dass Buba ziemlich oft, ziemlich viel Grund zum Weinen hat, denn er ist ein schwer krankes Kind. Und ich finde auch, dass ein Vierjähriger weinen darf, wenn er traurig ist, weil er alleine mit der weißen Tante zu Menschen in afrikanischen Schlafanzügen, die Mama Elli und Papa Ui-lli heißen, reisen soll, aber die Gambier finden das nicht. Die finden einfach, dass weinen nicht gut ist.

Wenn weder „Weinen ist nicht gut!“ noch die Steigerung „Dein Vater sagt, weinen ist nicht gut“ zieht, soll ich so tun als rufe ich Modou an und soll dann noch mal bestärkt ausrichten, dass sein Vater befunden habe, dass weinen tatsächlich nicht gut sei. Ich tue mich sehr schwer damit, den Jungen so zu veräppeln. Auch im Kindergarten in Jahaly habe ich gemerkt, dass man Kinder in Afrika einfach nicht ganz für voll nimmt. Manchmal drohen die Lehrer mit absurden Strafen („Wir hängen euch an der Telefonleitung dort auf, wenn ihr nicht den Lehrer ruft, wenn ihr eine Schlange findet, sondern damit spielt!) anstatt ihnen zu erklären, dass Schlangen böse beißen können. Ich beschließe für mich, Buba lieber die Wahrheit zu sagen und dass er weinen darf, wenn er eine Spritze bekommt. Auch den Rat ihn herzlich dafür auszulachen, schlage ich lieber aus. Leider kann ich nicht die Erziehung seiner Eltern komplett umstellen. Erstens ist es halt ihre Entscheidung, wie sie ihr Kind aufziehen und zweitens ist das Denken halt schon etwas in dem Jungen drin.

Unhaltbare Versprechen und unterschiedliche Erziehungsansätze 

Weiter oben habe ich erklärt, dass es in Gambia viel wichtiger ist, eine Aussage zu treffen, die den Gegenüber zufrieden stellt, als dass diese unbedingt der Wahrheit entsprechen muss. Und so fragt Buba, als die Abreise näher rückt, immer einmal wieder, ob sein Vater Modou auch mit nach Deutschland reise. Ich bin ein großer Freund davon, offen und direkt auszusprechen, dass das nicht geht. Das sieht Bubas Vater leider anders, er bringt es einfach nicht übers Herz seinem Jungen zu sagen, dass er ihn alleine schickt. Und so antwortet er: „Insche Allah,“ so Gott will, oder aber, dass er noch die Woche fertig arbeite und dann nachkomme. Diese Höflichkeitslüge wird mich – anders als die aber-natürlich-bin-ich-verheiratet-Lüge noch viele Wochen begleiten, denn natürlich fragt Buba oft nach, wann sein Vater denn nun komme.

Mariama ist hochschwanger als der Tag unserer Abreise endlich feststeht und wir uns verabschieden. Das heißt, eigentlich verabschieden wir uns gar nicht, denn während die persönliche Begrüßung jedes einzelnen bei der Ankunft im Dorf von so großer Bedeutung ist, verlassen wir es im Morgengrauen nahezu ungesehen, um niemanden den Abschied unnötig schwer zu machen. Während ich mich frage, wie es für Mariama sein mag, als sie an diesem Morgen aufsteht und ihr Junge ist weg, ist sie dann doch da, um sich zu verabschieden. Lamin besteht darauf Fotos zu machen, ich finde man sieht dem Bild an, wie es allen geht. Afrikanische Großfamilie hin oder her: Es sind alle ziemlich traurig.

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Buba mit seinen Eltern und Geschwistern. Mariama ist deutlich traurig, der Vater hat eine Sonnenbrille auf. Wegen der Sonne. Es weint natürlich niemals jemand… Auch Buba scheint zu ahnen, das etwas im Busch ist.

 Sie haben Buba einen ganzen Koffer voller Sachen eingepackt, er soll doch einen ordentlichen Eindruck machen, im fernen Deutschland.

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Glücklich sieht anders aus, aber Buba war sehr tapfer.

Bubas großer Flug ist auch meine Heimkehr nach acht Monaten Afrika 

Buba selbst ist guter Dinge als wir am frühen Morgen die Fähre in die Hauptstadt nehmen. Auch ich freue mich langsam auf zu Hause, über acht Monate war ich inzwischen in Gambia. Erst im Kindergarten, doch da habe ich bald gemerkt, dass ich zwar zusehen und lernen, aber nichts beitragen kann. Die Kinder sprechen ausschließlich die Sprache ihres Dorfes und sollen in der Vorschule Englisch lernen. Das machen die Lehrer auf ihre Art und ich finde die Klassen mit 40 Kindern, mit denen ich mich nicht verständigen kann einfach anstrengend.

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Die Kinder im Kindergarten Jahaly sind super niedlich. Beibringen konnte ich ihnen aber nicht viel. Dafür gibt es auch in Gambia Lehrer und Erzieher.

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Tanzen ist im Kindergarten ein Unterrichtsfach.

Als ich wegen Buba viel in der Hauptstadt bin, helfe ich im Büro des Vereins aus. Erstelle Tabellen, halte den Kontakt nach Deutschland, vermittele zwischen den gambischen Mitarbeitern und den Deutschen. Auch lehre ich Lamin und seiner Arbeitskollegin Ndye Deutsch. Die beiden Oral-Hygiene-Helfer sollen in Deutschland Zahnmedizin studieren und schließlich selber Helfer ausbilden und das zahnmedizinische Angebot vor Ort erweitern. Super Idee im Prinzip, schade nur, dass sich die Uni kaum um das Projekt kümmert. Die Beschaffung der Papiere zieht sich, einen Sprachkurs sollten die beiden auch längst absolviert haben. Also bemühe ich mich ihnen Alltägliches beizubringen.

Über meine alte Schule organisiere ich ein Bio- und ein Chemiebuch, denn wenn die beiden wirklich Zahnmedizin studieren sollen, reicht es nicht, wenn sie den Unterschied zwischen Dativ und Genitiv verstehen. Wobei selbst das schwierig ist, denn die lokalen Sprachen folgen komplett anderen Grammatikregeln als jede europäische Sprache und die Tatsache, dass auch das Englisch meiner Schüler alles andere als fließend ist, macht es nicht leichter.

Zwischen Medizin, Glaube und Voodoo

Einmal erfragt Lamin bei einem Arzt, der das Projekt besucht, warum manche Menschen vier, manche drei und andere gar keine Weisheitszähne haben. Auf die Antwort „Evolution“ lächelt er dankbar-afrikanisch-höflich und geht. Während der Erklärer zufrieden ist, merke ich, dass Lamin ihm kein Wort glaubt. Für einen gläubigen Muslim wie ihn gibt es die Evolution natürlich nicht und auch wenn er eine gute Schule besucht hat, hat er noch nie ein Periodensystem der Elemente gesehen, das auf der ersten Seite meines Chemiebuches abgedruckt ist. Das kann ja noch lustig werden, mit dem Studium.

Übrigens auch hier: Lieber dem Arzt das Gefühl geben, dass er gut erklärt hat, als auf Konfrontation zu gehen. Gesicht wahren, Höflichkeit ist wichtiger als Wahrheit. Dieses Prinzip musste ich immer und immer wieder lernen. Sitzt man abends zusammen und einer geht „kurz duschen“ oder „gucken, ob die Tür abgesperrt ist“ kommt er garantiert nicht zurück. Macht man das in Deutschland eins, zwei Mal finden die Leute einen bestenfalls komisch. Sagst du einer Runde Gambianer, „Sorry, Jungs ich bin echt müde und ziehe mich zurück.“ wirkt das ziemlich frech. Andere Länder, andere Sitten.

Vielleicht haben damals einige von euch mitbekommen, dass der gambische Präsident Yahya Jammeh damals verkündete er könne HIV heilen – übrigens nur an Donnerstagen. Damals las er aus dem Koran, gab den Menschen merkwürdige Säfte zu trinken und legte seine Hand auf. Das ganze Land, in dem so viele Menschen an Wunderheilung und Hexen glauben, war beeindruckt. Wir saßen vor unserem einen Fernseher in der Buschklinik und Lehrer wie Krankenpfleger dankten Gott für das Mittel gegen Aids. Ich war fassungslos. Tatsache ist, dass es den zuvor im (Staats-) Fernsehen gezeigten Menschen ziemlich dreckig ging, bis Jammeh seine Hand auflegte. Meine Theorie ist, dass er in die „Säften“ antivirale Medikamente gemischt hat, die die Viruslast fallen und es den Menschen prinzipiell besser gehen ließ.

Da diese Medikamente in der dritten Welt damals wie heute unerschwinglich waren und Jammeh das wusste, erfand er halt, dass er Aids heilen könne. So brachte er eine mögliche Gruppe, die die Medikamente in dem hoffnungslos unterfinanzierten Gesundheitssystem verlangt hätten, zum Schweigen und war selbst fein heraus. Dass er damit Tür und Tor öffnete, dass HIV-positive Menschen plötzlich glaubten sie seien gesundet und Dinge taten, von denen ihnen die Ärzte Jahre lang abgeraten hatte, war dem Präsidenten egal. Eine Kritikerin der Weltgesundheitsorganisation warf er aus dem Land, Kritiker in den Knast.

Es waren merkwürdige Zeiten damals in Gambia. Aber anders als jetzt, zehn Jahre später, wo sie den neuen Präsidenten nach 22 Jahren Jammeh-Diktatur feiern, war das Land damals noch anders. Kaum jemand hatte Zugang zu Medien. Ausser dem Staatssendern in Radio und Fernsehen gab es nur über Mittelwelle Zugang zur Deutschen Welle oder BBC World. So gut Englisch, das zu verstehen, sprachen aber damals die wenigsten.

Mitbringsel für die Familie, die ich später bereut habe 

Nach all diesen aberwitzigen Erfahrungen freute ich mich also auch sehr auf zu Hause und freundete mich mit dem Gedanken an, auch mal zu entscheiden, wie es mit mir weiter gehen sollte. Nachdem ich ja ursprünglich nur wenige Wochen in Gambia bleiben wollte, merkte ich, dass ich mich im Büro, im Sprachunterricht und nicht zu Letzt für Buba nützlich machen konnte und blieb immer länger. Dann aber war auch mein Rückflugtag gekommen.

Ich fuhr zum Fischmarkt nach Bakau und kaufte drei Kilo frischer afrikanischer Atlantik-Shrimps ein. Ich erinnerte mich, wie gerne meine Mutter Nordsee-Krabben isst, und da sie ja schon ausreichend afrikanische Schlafanzüge hatte, fand ich das ein prima Mitbringsel. Ja, ihr dürft an dieser Stelle lachen. Und ja, vielleicht bin auch ich etwas „verbuscht“ in der Zeit in Afrika und musste erst wieder lernen, dass man in Europa Ziegen nicht auf Autodächern und Atlantik-Krabben nicht im Koffer transportiert.

SPOILER: Mein Koffer kam etwa 14 Tage nach mir in Sprockhövel an. Mit DHL. Der Paketbote sagte, dass er niemals etwas transportiert habe, das so sehr gestunken habe. Über Brüssel Airlines Logistics hatte ich recht schnell rausgefunden, dass mein Koffer in Dakar stand. Offensichtlich nicht in einem Kühlraum, denn der Klotz mit tiefgfrorenen Shrimps war doch…. deutlich angetaut, als er ankam.

Aus Dankbarkeit sollte Bubas Geschwisterchen nach meinen Eltern benannt werden

Als die Shrimps und auch mein restliches Gepäck im Koffer verstaut waren, rief Brüssel Airlines an, um mir mitzuteilen, dass ich einen special medical service in Frankfurt habe. Auch gut. Dann teilte mir Bubas Vater mit, dass Mariama ungeborenes Kind entweder Willi oder Elli heißen würde, wenn es zur Welt kommt. Ich ärgerte mich etwas, Bubas Familie verschwiegen zu haben, dass mein Vater eigentlich August-Wilhelm heißt, denn die Vorstellung eines kleinen Au-Wis in Sankulay Kunda war wirklich sehr drollig. Jedenfalls beabsichtigten Bubas Eltern das neue Kind nach meinen Eltern zu benennen. Eine große Ehre. Die kleine Hanna war zu dem Zeitpunkt übrigens bereits geboren, eine Cousine von Buba hatte meinen Namen abbekommen.

Abschied mit der linken Hand am Flughafen

Zum Abschied gab Bubas Vater mir die linke Hand. Eigentlich wird ausschließlich mit rechts gegessen, gegrüßt, geschrieben. Doch in der Tradition der Mandinka reicht man sich zum Abschied die linke Hand, vom Herzen kommend, in der Hoffnung auf ein Wiedersehen. Lange standen wir so am Flughafen in Banjul, um uns herum geschäftiges Treiben. Ob auch die alte, korpulente Frau aus der Botschaft hier irgendwo mit ihrem Rasta-Boy darauf wartete einzuchecken? Zahllose ungleiche Paare hielten sich an den Händen, weinten ungeniert. Gambia ist einfach das afrikanische Thailand in Sachen Sextourismus. Auch ich hielt Modous Hand lange fest, während Buba unbeschwert wie ein kleiner König auf meinem Rucksack thronte. Er hielt Modous Handy am Ohr und das ganze Dorf verabschiedete sich von ihm. Für Modou, der wohl das erste Mal am Flughafen war, war das der Abschied seines ersten und einzigen Sohnes in die Fremde.

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Das Handy wurde Bubas großer Freund. Als wir in der Hauptstadt auf den Abflug warten, telefoniert er, bis die Leitung glüht.

Wir passierten die Zollkontrolle. Ich hatte getrocknete Hibiskusblätter in der Tasche, um Buba in Deutschland einige bekannte Geschmäcker anbieten zu können. Auch etwas Erdnusspaste fand sich in meinem Gepäck. Skeptisch fragte mich der Beamte, was ich da transportiere. Ich antwortete auf Mandinka, woraufhin er lachte, sich nicht mehr über das schwarze Kind mit gambischen Pass auf meinem Arm wunderte und uns passieren ließ. Zum ersten Mal seit acht Monaten fühlte ich mich alleine. In Gambia ist man nie alleine. Niemals. Ständig spricht dich jemand an, besucht dich, fragt dich wo du her kommst, wo du hin willst. Was ich anfangs extrem nervig fand, war plötzlich, in der Abfertigungshalle, ungewohnt. Wie sollte das alles werden? Was, wenn Buba auf dem ganzen Flug weinen würde?

Und plötzlich ist der kleine Junge aus dem afrikanischen Dorf in einem Flugzeug

Das Flugzeug war nahezu leer. Von Gambia flog es zuerst in den Senegal, wo mehr Touristen zusteigen sollten. Buba saß aufgekratzt am Fenster und brabbelte unentwegt auf Mandinka auf mich ein. Das hatte ja prima funktioniert, mit dem Sprache lernen, dachte ich niedergeschlagen. „Dein Vater sagt, weinen ist nicht gut,“ schien mir kein angemessener Satz für die Situation zu sein, da Buba nicht weinte. Endlich sprach unser Sitznachbar Buba an, auf Mandinka. Erleichtert jemanden zu finden, der seine Sprache sprach erkundigte ich mich, was Buba habe. „Dein Sohn will wissen, wann er endlich im Flugzeug ist. Er versteht nicht, dass es wir schon eingestiegen sind.“ Irgendwie logisch. Mir dämmerte, dass Gambia nur diesen einen Flughafen hat und Buba einfach noch nie ein Flugzeug gesehen hatte. Woher auch. „PlaneO-kono“ war unser Wort. Plane ist Englisch für Flugzeug, ein „O“ hängen die Gambier an alle fremden Wörter, die sie sonst nicht aussprechen können. „kono“ heißt drin.

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Linguistisch logisch, wurde mir bewusst, dass sich der kleine Junge neben mir überhaupt keine Vorstellung davon gemacht hatte, was „drin im PlanO“ bedeutet, da er natürlich keine Ahnung hat, was ein „plane“ ist, weil es ein englisches Wort ist, das es auf Mandinka nicht gibt. Für Buba haben wir damals einfach einen Raum betreten mit vielen Stühlen. Eine Stewardess bekam unsere Unterhaltung mit und informierte den Kapitän. „Seid ihr die, mit der special medizinischen Behandlung?“ fragte er. Ja. Kommt mit, sagte er und zeigte Buba das Cockpit. Plötzlich war Buba einfach nur ein kleiner Junge, der sehr viel Technik auf einmal sieht. Wieder auf unserem Platz blickte er in die Dunkelheit seines Heimatlandes und fragte, wo Mama Elli und Papa Willi seien. AirportO, antwortete ich, da es natürlich auch kein Wort für Flughafen auf Mandinka gibt. Zufrieden nickte Buba und schlief noch vor dem Start ein.

Und plötzlich Europa: Brüssel Flughafen

Als wir in Brüssel landeten, war ich auf einen Schlag wieder in Europa. War in Gambia noch fast jeder davon ausgegangen, dass Buba wohl mein Sohn sei, waren die belgischen Grenzbeamten etwas kritischer. Es kostete einiges an Überwindung ihnen zu verklickern, dass ich mir in Afrika keinen unerfüllten Kinderwunsch ermöglicht hatte. Schließlich zückte ich die Flugunbedenklichkeitsbescheinigung und sagte in meinem besten Französisch (das nicht sehr gut ist), dass ich mir jedes andere Kind in Gambia ausgesucht hätte, als dieses, weil es einen Herzfehler habe. Daraufhin durften wir nicht nur passieren, sondern bekamen eins von diesen Wagen, die man von Golfplätzen kennt, und wurden mit Chauffeur zu unserem Anschlussgate gefahren. Wir ließen die lange Schlange einfach stehen und durften als erste den Weiterflug nach Frankfurt besteigen.

An Board waren außer mir nur Geschäftsleute, die den Morgenflug von Brüssel nach Frankfurt nahmen, keine Urlauber. Mit großen Augen beobachtete Buba all die Menschen, so viele Weiße hatte er noch nie auf einmal gesehen. Auch konnte hier niemand mehr übersetzen, ich war völlig auf meine Sprachkenntnisse und Bubas Nachsicht angewiesen. Schließlich landeten wir in Frankfurt und wurden mit einem Rollstuhl empfangen. Weil ich Buba nicht das Gefühl geben wollte, kränker zu sein als er ohnehin schon ist, lehnte ich dankend ab. Ich nahm ihn Huckepack auf den Rücken, seine Tasche links, meinen Rucksack rechts. Mein Koffer war (inklusive Shrimps) ja leider in Dakar geblieben, was mich zwar ärgerte, das Vorwärtskommen aber entschieden erleichterte. Da wir ja in Brüssel bereits Europa betreten hatten, mussten wir in Frankfurt nicht einmal die Pässe zeigen.

Obwohl ich wusste, dass sie da sein würden. Es war großartig meine Eltern zu sehen.

Hinter der Absperrung standen: Meine Eltern. Mama Elli und Papa Willi. Wie oft hatte ich Buba die Fotos gezeigt, um ihn vorzubereiten? Überraschenderweise trugen sie nicht die afrikanischen Gewänder, die Bubas Eltern ihnen geschickt hatten. Trotzdem erkannte Buba sie gleich und von meinem Rücken sprang er meiner Mutter in die Arme, als kenne er sie sein Leben lang. Ich war unendlich erleichtert. Die Verantwortung wog mit meinen 20 Jahren schon schwer, endlich konnte ich ein bisschen abtreten.

Wir verfrachteten ihn in einen Kindersitz, den meine Eltern sich geliehen hatten und fuhren nach Sprockhövel. Erst hier fiel mir auf, dass Buba natürlich noch nie auf einem solchen Sitz gesessen hatte. In Gambia zahlen Kinder nichts im Bus, weil sie auf dem Schoss der Mutter sitzen, hier musste er natürlich altersgerecht angeschnallt werden.

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Ankunft in Sprockhövel. Wie selbstverständlich erkundigt Buba seine Heimat auf Zeit in Sprockhövel. Links im Bild mein Bruder Nils, rechts meine Eltern.

Endlich zu Hause. Schon am nächsten Tag, sollte die Voruntersuchung im Krankenhaus in Wuppertal stattfinden. Uns blieb ein Tag, an dem wir dachten, dass wir für wenige Tage einen afrikanischen Gast hätten. Ein Tag, an dem wir spielten, uns daran erfreuten, dass Buba viel und gerne aß, ein Tag an dem er nicht zu Bett gehen wollte, sondern sich einfach im Sessel neben meiner Mutter einkuschelte und wegdämmerte. So könnte es bis zu dem kleinen Eingriff doch weiter gehen.

Und plötzlich redeten wir von einer Operation am offenen Herzen – und 30.000 Euro

Eine Vorstellung, die jäh ein Ende fand, als der Professor endlich das Herz mit dem Gerät schallte, das dafür vorgesehen war und sein Gesicht immer ernster wurde. Bis er schließlich sagte, dass Buba ein Loch in der Herzscheidewand habe. Einen Ventrikel-Septum-Defekt. Sauerstoffarmes Blut mischte sich in seinem kleinen Körper permanent mit sauerstoffreichem Blut. Akute Lebensgefahr könnte jederzeit eintreten. Die einzige Hoffnung: Eine Operation am offenen Herzen. Mit Herz-Lungen-Maschine und einer nicht gerade geringen Wahrscheinlichkeit, dass er den Eingriff nicht überlebt. Kosten: etwa 30.000 Euro.

Wie es weiter geht, erfahrt ihr im nächsten Beitrag.

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