15 Monate nach dem Asylantrag: Ausbildung ohne Aufenthaltsgenehmigung

„Mamy“ steht im gesprungenen Display des kleinen Tablets. Immer wieder drückt Heba verzweifelt auf das grüne Hörer-Symbol neben dem Bild einer hübschen Frau mittleren Alters, die auf dem Foto mit Sonnenbrille in die Kamera lächelt. Es klingelt, unendliche Mal, die Verbindung reißt ab, Heba wählt wieder.

„Halosti“, „es ist doch vorbei“, wiederholt ihr Mann Owis gebetsmühlenartig beruhigend.

Endlich nimmt Hebas Mutter den Anruf in Damaskus entgegen. Heba sagt einen Satz auf Arabisch, ich verstehe ihn, vielleicht intuitiv, vielleicht weil ich die Sprache seit Wochen täglich höre, wahrscheinlich, weil das auf jeder Sprache der Welt verständlich ist: „Ich will nach Hause, ich will nach Syrien.“ Wer traurig ist, und die Stimme der Mutter hört, will nach Hause. Zu Hause ist es am schönsten, spricht der Volksmund. In Hebas Fall ist das Syrien.

Wer schon einmal eine nahestehende Person am Rande der Verzweiflung erlebt hat, kennt auch das Gefühl der Hilflosigkeit und das Bedürfnis der Person zu versichern, dass alles besser werde. Dasselbe Heba in dieser Situation zu sagen, kommt mir fast hämisch vor. Ich will sie drücken, trösten, aufbauen, ihr ein Teil ihres Leids, ihres Schmerzes, ihrer Angst nehmen, doch kann ich nicht mehr machen, als ihr Notfall-Medikament zu suchen und ein Glas Wasser zu organisieren.

Die Mutter redet auf ihre Tochter ein, will sie beruhigen, dann weint auch sie. Mehr als drei Jahre vermisst sie ihre Tochter schon und dann geht es ihr auch noch schlecht. Die Situation wird für Beobachter unerträglich.

Heba hatte letzte Woche wieder eine Panik-Attacke. Da kann kein Psychologe helfen, da waren wir schon, vor Monaten. Sie erträgt die Unsicherheit, das Warten nicht länger.

 

Ordnung schaffen ist unmöglich durch die ungeklärte Situation

Der Therapieansatz wäre wohl, ihr Leben zu ortnen, vielleicht Strukturen schaffen. Das ist schwierig, wenn alles vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abhängt und das seit nunmehr 15 Monaten. Die äußeren Umstände müssten sich bessern, dann würde es auch Heba vermutlich bald besser gehen. Dabei haben Heba (23) und ihr Mann Owis (25) es vergleichsweise gut angetroffen und sie geben sich alle Mühe ein wirkliches Integrationsbeispiel zu werden.

Sie hat nach einem kurzen Praktikum eine Ausbildungsstelle angeboten bekommen. Auf einem Golfplatz, in Neukirchen-Vluyn, der kleinen Stadt am Niederrhein, der sie von der Erstaufnahmeunterkunft aus zugewiesen wurden. Die herzliche Besitzerin des Golfplatzes und ihr Team haben Heba gleich in ihr Herz geschlossen. Sie verkauft Greenfees und Golfkleidung, verwaltet die Spinde, lernt die Buchhaltung.

Als sie alle Mitglieder anschreiben soll, muss sie fast jeden Vornamen googeln, um zu erfahren, ob der Empfänger ein Mann oder eine Frau ist. Beim Oktoberfest-Turnier lernt Heba das Wort „Glücksfee“, denn sie soll auslosen, wer gegen wen spielt. Alles ist neu, aber ihre Aufgaben machen ihr Spaß und sie gibt sich viel Mühe.

Er, Owis, hat in Damaskus Informatik studiert. Sieben Semester lang. Anerkannt wird davon in Deutschland nicht eines. Er wollte bleiben, in Syrien, das Studium abschließen. Doch auch er hatte sich an den Studentenprotesten gegen Machthaber Assad beteiligt und eines Tages erhielt er einen Anruf: Ein entfernter Onkel kannte jemanden beim Geheimdienst. Sein Name stehe auf einer Liste.

Owis verließ Syrien nur zwei Tage später, seine damalige Verlobte Heba folgte nach wenigen Tagen, in Ägypten heirateten sie dann endlich. Von Ägypten zogen sie weiter in die Türkei, dort konnten sie zwar jobben, aber eine Perspektive fanden sie nicht.

Im August 2015 erreichten sie schließlich Deutschland. In Mülheim wird Owis nun zum Informationselektroniker ausgebildet. In dem inhabergeführten Betrieb werden Musikanlagen hergestellt, es ist zunächst eine Einstiegsqualifizierung. In der Berufsschule baut er Stromkreise und lernt, dass genau wie im Arabischen, das Wort Widerstand zwei Bedeutungen hat.

Bei den theoretischen Fächern hat er noch Schwierigkeiten, aber es ist besser als das Rumsitzen. Woche um Woche, Monat um Monat hatten die beiden gewartet. Die erste Anhörung war im März, sieben Monate nach der Ankunft am Niederrhein. Da hatten sie noch Glück, Zimmerkollegen aus der Unterkunft waren zu dem Zeitpunkt nicht einmal als Asyl suchend erfasst.

Beim ersten Termin erfuhren sie vor allem eins, nämlich, dass es eine zweite Anhörung geben werde. Als der Brief endlich kam, die Vorladung zur zweiten Anhörung, freuten sie sich wie zwei kleine Kinder. Denn nach der zweiten Anhörung, so glaubten ganz viele zu wissen, dauere es nur wenige Wochen bis der Bescheid vorliege.

 

Subsidiärer Schutz oder voller Asylstatus – fast ist es egal, Hauptsache endlich eine Antwort

Die zweite Anhörung ist nun über sechs Wochen her und noch immer haben die zwei keine Antwort. Sie wissen nicht, ob ihnen subsidiärer Schutz zugesichert wird, was bedeutet dass sie ein Jahr bleiben dürften oder ob sie den vollen Asylstatus anerkannt bekommen. Fast ist das schon nebensächlich, doch die Papiere sind so immens wichtig, weil die beiden aktuell durch die Ausbildung in eine kleine Finanzfalle getappt sind.

Denn obwohl das Arbeitsamt einen Integrationspunkt eingerichtet und sogar eine arabisch sprechende Mitarbeiterin eingesetzt hat, war niemanden klar, was es bedeutet, wenn sie denn eine Lehrstelle finden. Sie bekommen jetzt Lehrgeld und beziehen deshalb keine Leistungen mehr nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Das heißt die 349,96€ im Monat entfallen, pro Person versteht sich. Dafür bekommen sie jetzt ein Ausbildungsgehalt. Das ist allerdings zur Hälfte für den ersten Monat weg, kauften sie ihre Schulbücher und die Busfahrkarten auf einen Streich.

Die Bücher, so haben wir recherchiert, sind offiziell zu teuer. Da hat die Schulkonferenz vermutlich Mist gebaut. Und nun? Soll Heba, die Neue, die noch nicht so gut Deutsch spricht und für die alles neu ist, erstmal zum Direx gehen und auf das Lehrmittelfreiheitsgesetz hinweisen? Vermutlich nicht so klug.

 

Wegen der Ausbildung durch das Netz des Sozialgesetzbuches gefallen

Auf der Bücherliste steht, dass die Schule die Bücher verleiht, an Sozialhilfeempfänger. Das sind die zwei nur leider nicht mehr. Der Förderverein der Schule springt schließlich ein, denn staatliche Hilfen können die beiden mit ihrem Warte-Status nicht in Anspruch nehmen. Das schlimmste: Wir waren uns so sicher, dass mit der Ausbildung der Umzug aus dem Heim gewährt werden muss.

Schließlich sind die zwei doch ohnehin mit die letzten Syrer in ihrer Unterkunft, die auf den Bescheid warten, fast alle anderen sind schon in Wohnungen umgezogen. Doch nun stellt sich das Sozialamt quer. Was denn wäre, wenn die zwei die Ausbildung abbrechen würden. Das geht so nicht. Außerdem seien sie doch aus Syrien. Die Zustimmung aus Düsseldorf reine Formsache, wenige Tage. Man solle sich nicht so anstellen und warten.

Das Zimmer: Ein Stapelbett, ein Schrank, ein Tisch, zwei Stühle. Es gibt ein Bad, aber keine Toilette. Die ist über den Gang. Dafür stapeln sich in der Dusche die Teller und Tassen, woanders spülen können sie nicht. Auf einem Badezimmer-Schrank haben die zwei eine Herdplatte gestellt, in der Gemeinschaftsküche kochen sie nicht gern. Internet verspricht die Stadt immer einmal wieder, es gibt auch ein Wlan, mit dem Internet verbinden kann sich der Nutzer aber nicht.

Im Flüchtlingsheim

Das Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft: Ein Stapelbett, Tisch, Schrank. Foto: Sandro Somigli

Mit den Folgen werden auch die Ausbildungsbetriebe ziemlich allein gelassen. Ihre Lehrlinge sind dauerpleite, weil sie anders als deutsche Azubis, die keine Unterstützung von zu Hause bekommen nicht mit staatlichen Hilfen aufstocken können. Kein BAB, kein Hartz IV, kein Wohnberechtigungsschein. Einen Zuschuss vom Staat gibt es nicht, für die Ausbildung eines Flüchtlings. Arbeiteten sie als ungelernte Kraft, das Arbeitsamt bezuschusste den Job mit bis zu 4,50 Euro – pro Stunde.

Motivierend sich ausbilden zu lassen ist das nicht. Heba äußerte letzte Woche erstmals ihre Ausbildung abbrechen zu wollen. „Ich würde es mir nie verzeihen, ich weiß wie große diese Chance ist,“ sagte sie zu mir, aber ergänzte auch: „Ich kann einfach nicht mehr. Das Warten, die Unsicherheit ertrage ich keinen Tag länger.“

Ich kann es ihr nicht übel nehmen und ich kann ihr auch nicht helfen. Ich kann nur das tun, was sie und Owis seit 15 Monaten tun. Jeden Tag warten auf den einen Brief aus Düsseldorf, wo drin steht, was längst klar ist, denn bleiben, das dürfen sie so oder so. Nur der schriftliche Bescheid muss her, damit sie Unterstützung bei der Ausbildung und endlich eine eigene Wohnung bekommen können.

Auf das Badezimmer-Schränkchen haben die beiden eine Doppel-Herdplatte gestellt. Die Toilette ist über den Flur.

Auf das Badezimmer-Schränkchen haben die beiden eine Doppel-Herdplatte gestellt. Die Toilette ist über den Flur.

Zwischen Dusche und Waschbecken lagern die zwei ihr Geschirr.

Zwischen Dusche und Waschbecken lagern die zwei ihr Geschirr.

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