„Und dann kamen die Juden nicht mehr“ – Erinnerungen an meine Oma zum 9. November

Meine Oma sprach manchmal mit mir über den Krieg. Ich erinnere mich an Tage in der Wohnung in Bochum-Riemke. Mein Opa starb an meinem vierten Geburtstag, danach lebte Oma alleine in der zwei Zimmer Wohnung mit der Küche, in der die gemütliche Eckbank stand. In der Ecke ein Radio, das für mich schon als Kind wirkte, als müsse es mindestens so alt sein, wie Oma selbst. War ich bei ihr, gab es immer Hagebuttentee und Kaffee Hag und immer das Essen, was ich mir wünschte. Gegen Mittag erkundigte  ich mich für gewöhnlich, ob sie keine Nachrichten schauen wollen würde und wie zufällig lief danach das Kinderprogramm.

Doch manchmal bat ich Oma stattdessen, mir von früher zu erzählen. Sie erzählte dann vom Krieg, von dem Verwandten der „gefallen“ war und ich fragte mich, warum er wohl in all der Zeit nie einfach wieder aufgestanden war. Sprach Oma vom Krieg, stellte ich mir Männer mit langen Säbeln vor. Dass Oma manchmal auch von Luftangriffen und Nächten im Schutz-Bunkern sprach, brachte ich damals nie in Verbindung mit Bombenangriffen.

 

Keine Vorstellung vom Krieg

Ich war noch sehr klein, als sie vom Krieg erzählte. Ich habe auch vieles vergessen, aber eine Erzählung habe ich immer im Kopf. „Und dann kamen eines Tages die jüdischen Kinder nicht mehr zur Schule,“ pflegte sie immer und immer wieder zu erzählen. „Und auf dem Schulweg sahen wir, dass die Synagoge gebrannt hatte;“ so ging die Geschichte weiter. Auch das hinterfragte ich wohl nie als Kind, vielleicht erinnere ich mich auch nur nicht daran.

Diese Sätze, sie blieben. Die jüdischen Kinder kamen nicht mehr zur Schule. Auf dem Schulweg sahen wir, dass die Synagoge gebrannt hatte. Heute weiß ich, dass diese Erzählung auf den Tag genau 78 Jahre her sein muss, denn heute ist der 9. November. In Bochum ging die Synagoge gegen Mitternacht in Flammen auf, brannte drei lange Stunden.

Yad Vashem – bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung 

Im Mai diesen Jahres besuchte ich mit einer Gruppe junger Journalisten die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, Israel. Dort gibt es auch das „Tal der Gemeinden“. Auf einer Fläche von etwa einem Hektar wird hier auf 107 Steinwänden der über 5000 jüdischen Gemeinden, die während der Shoa ganz oder teilweise vernichtet wurden, gedacht. Aus Stein ist dort Europa und das jüdische Leben vor der Shoa nachgebaut. Osteuropa eine Ecke, Frankreich eine weitere, dann Deutschland. Jede Stadt, jede Gemeinde, in der es jüdisches Leben gab, ist hier in den Stein gemeißelt, auf Hebräisch und Deutsch.

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Auf dieser Steinwand finden sich viele NRW-Städte, der rote Punkt, das ist meine Rose bei „Bochum“.

Auch gibt es in Yad Vashem das Denkmal für die Kinder. Hier werden in einer Endlosschleife vom Tonband Namen verlesen, mit Geburtsort und Alter. Daten und Namen von Kindern, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Drei Monate braucht das Band, bevor es von vorne beginnt, so viele Milllionen Kinder waren es. Ob auch die Namen der Mitschüler meiner Oma aus Bochum hier verlesen wurden?

Mit der Gruppe legten wir Rosen an verschiedenen Orten im Tal der Gemeinden nieder, und mir gingen die Worte meiner inzwischen verstorbenen Großmutter nicht aus dem Kopf. „Die jüdischen Kinder kamen nicht mehr zur Schule. Auf dem Schulweg sahen wir, dass die Synagoge gebrannt hatte.“ Ich legte eine Rose vor dem Bochum-Stein nieder und tat dies für meine Oma. Sie hatte mir nie erzählt, ob sie diesen jüdischen Mitschülern nahe gestanden hatte, nicht einmal Namen hatte sie je erwähnt, aber irgendwie schloss sich so für mich ein Kreis.

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Eine Rose vor Bochum

Die Annette von Droste-Hülshoff Schule in Bochum kann nicht weiter helfen

In Deutschland versuchte ich diese Namen herauszufinden. Ich kontaktierte die Annette von Droste-Hülshoff Realschule. Gab es hier Schülerkarteien aus dem Jahr 1938, als die Schule noch an der ABC-Straße in Bochum Mitte lag? Ließen sich die Geburtsjahrgänge 1925 auflisten, sodass ich so die Namen der Klassenkameraden meiner Oma erfahren würde? Das alle ist doch keine 80 Jahre her, dachte ich, vor dem inneren Auge gab ich die Namen bereits in die Suchmaschinen ein, um die Schicksale dieser Familien zu erfahren. Doch die Antwort der Schulleitung fiel knapp und vernichtend aus. Keine Akten.

Ich versuchte es über die jüdische Gemeinde Bochum. Der Mann am Telefon war sehr nett, erklärte aber auch, dass damals allenfalls die Familien namentlich bekannt waren, nicht aber welche Kinder welche Schule besuchten, schon gar nicht wenn es kein Lyzeum war. Durch die Bombardements im zweiten Weltkrieg seien zudem viele Akten zerstört worden. Keine Chance also, die Namen zu erfahren, wer da nicht mehr zur Schule gekommen war.

Eine Rose für das Erinnern

Ich glaube trotzdem, dass die Rose vor dem Bochum-Stein in Yad Vashem gut aufgehoben war. Denn heute, 78 Jahre nach der Reichspogromnacht, haben wir kaum noch Zeitzeugen, die sich an damals erinnern können. Lebte meine Oma noch, ich würde sie jetzt gerne nach den Namen fragen, nach mehr Details von damals. So bleibt das Erinnern.

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