Von Frieden und Sicherheit in Europa und Israel

„Ein Ei kann zum Omlette werden, aber ein Omelett wird nie wieder ein Ei. Syrien und den Irak gibt es nicht mehr.“ Der Leiter der Centers for Strategic Studies sagt solche Dinge und er sagt noch ganz andere Sätze. In einem gut klimatisierten Teil der Bar Ilan Universität erklärt er uns, warum für Deutsche Frieden vielleicht das höchste Gut sei, für ihn und seine Landsleute aber Sicherheit an erster Stelle stehe. Davon, dass die beiden Sachen nicht das selbe bedeuten, ist er überzeugt. In knapp 1,5 Stunden erklärt er warum. Natürlich führt er die Hamas und Iran an, beide wollten Israel schaden. Syrien und Irak seien als Staaten nicht mehr existent und der Gaza Streifen sehe „nicht besonders gut aus“, besonders nicht unter der Hamas. Deshalb sei ein gutes „Conflict Management“ nötig, wie er es nennt. Und er sieht selber, dass die Beziehungen zwischen Zivilgesellschaft und dem Militär in Deutschland und in Israel doch sehr unterschiedlich sind.

Und wieder ist alles ziemlich kompliziert:

Die Armee, die Israel Defence Force spielt eine wichtige Rolle im Leben aller Israelis. An jeder Ecke kann man „Fan-Artikel“ kaufen, Mützen, T-Shirts etc. Auf einigen stehen Dinge wie: „Keine Sorge Amerika, die IDF steht hinter euch.“  Männer dienen drei, Frauen zwei Jahre. Die Armee bereitet auf den Job vor und die eigene Stellung und der Gesellschaft zu finden. Und da kommt das erste Problem, denn palästinensische Israelis haben zwar einen israelischen Pass – sie werden aber nicht gezogen. Das heißt, dass viele säkulare Juden nach der Schule beim Militär nicht nur gut ausgebildet werden, Freundschaften schließen und gesellschaftliche Anerkennung erfahren, während ihre Alterskameraden mit arabischen/palästinensischen/muslimischen Hintergrund diese Erfahrungen nicht machen. Vor einiger Zeit haben die Vereinten Nationen Israel sogar aufgefordert, diese Art der Diskriminierung zu bekämpfen, doch das ist gar nicht so einfach – Israel hat bei zum heutigen Tag gar keine Verfassung. Es gibt nur eine Vielzahl von Gesetzen und einen Obersten Gerichtshof, der entsprechend etwas mehr zu tun hat, als das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Auch dafür kann sich der Referent für strategische Fragen nicht erwärmen. Denn das Gericht oder die Politiker entscheiden bei Zeiten über Militäreinsätze, und das wo die Profis doch die Vertreter des Militärs selbst sei. Ein Beispiel? Im 2014 Gaza Krieg sei eine Militäroperation gestoppt worden, weil man Babies mit Milch habe versorgen wollen. Seine Aussage hängt in der Luft. Ist da was schlimmes dran? Der Mann mit der farblich perfekt auf sein Hemd abgestimmten Kippa ergänzt: „Ich glaube die Amerikaner haben auch keine Milch an deutsche Babies verteilt….“ Sein Vergleich scheint noch immer nicht bei uns anzukommen zu sein, auch wenn ich den Herrn auch tatsächlich irgendwie verstehe. Israel ist ein souveräner, weltoffener, demokratischer Staat. Gerade vorgestern feierten ausgelassen Tausende Menschen die Gay-Pride Parade und doch wird dieser Staat immer wieder von Raketen angegriffen. Ich versuche an das beschauliche Emmerich-Eltern an der niederländischen Grenze zu denken und wie es wäre, wenn die Holländer dorthin Tunnel graben und Emmericher entführen oder immer Mal wieder mit Raketen abschießen würden. Es herrschte innerhalb weniger Stunden Krieg. Problem ist nur, dass aus dem Gaza keine Armee die israelische angreift, nach den Regeln  der Genfer Konvention, sondern es sich um Terroristen handelt. Menschen, denen es egal ist, Waffen in Krankenhäusern oder Schulen zu verstecken. „Menschliche Schutzschilde“ nennt man das dann und wenn diese doch beschossen werden und gar sterben Kollateralschaden. Dabei erklärt der Leiter des Instituts, versuche Israel dennoch internationales Recht einzuhalten. So warne man vor Angriffen. Zwei Tage vorher Flyer. Anrufe: „Muhammad, are you still in your house? Your mother is sick? Well you should not be at home, because we are targeting your house.“ Und schlussendlich der „Knock on the roof„. Das ist eine Rakete, die eine halbe Stunde vor dem Angriff losgeschickt wird, um Zivilisten zu warnen. Außerdem werde der Feind mit humanitären Hilfsgütern versorgt. „Ist das moralisch? Den Feind zu versorgen, auf Kosten unserer eigenen Soldaten?“ Wenn er solche Dinge sagt, kann ich das zwar nur schwer nachvollziehen, aber irgendwo doch verstehen. Schon mehrfach habe ich jetzt gehört, dass jede Familie Geschichten zu erzählen hat, von Brüdern, Schwestern, Onkeln, Tanten, die gedient haben und nicht mehr leben. Außerdem, und auch das hört man hier häufig, sei Israel mit einem neurotischen-traumatisierten Psycho-Patienten vergleichbar. Dann sagt man vielleicht Dinge wie: „Wir versuchen ja so human wie möglich zu sein. Aber uns ist egal, was die internationale Gemeinschaft sagt. Nicht die EU oder die UN zählen. Wir wollen morgens noch in den Spiegel gucken wollen.

Er führt aus, dass die viel zitierte Zwei-Staaten Lösung vielleicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist: Für zwei Staaten müssten beide Seiten Zugeständnisse machen. Derweil habe aber keine der beiden Seiten ein Interesse daran, den Forderungen der anderen nachzugeben. Außerdem vertritt er die Meinung, dass „die Araber“ ohnehin nicht in der Lage seien einen Staat zu führen. Zwar sei Ägypten eine Ausnahme, aber zahlreiche andere arabische Staaten bewiesen, dass Araber nicht in der Lage seien einen Staat zu lenken. Dazu ist er überzeugt, dass die Gesellschaften noch Energie zu kämpfen hätten. Er verstehe, dass wir Europäer in der friedlichen Union dauernd von Frieden träumen, das sei aber in der israelischen Gesellschaft einfach nicht das höchste Gut: „Jerusalem ist worth fighting for.

Gruselig.

Das ist ein ethno-religiöser Konflikt. Der endet, wenn eine Seite ermüdet. Aktuell sind Israelis und Palästinenser bereit zu kämpfen und in Blut zu zahlen.“

Sehr gruselig. (Und klingt wie bei Game of Thrones)

Und dann wirft er „uns Europäern“ vor, dass wir mal wieder unsere Werte anderen überstülpen wollen mit dem ewigen Friedens-Gelaber.

Hm. Hat er damit etwa recht?

Am Vortag hat bereits ein Kollege von dem Mann bei uns gesprochen und Dinge gesagt wie: „Im Vergleich zum kleinen Land hat Israel eine riesige Armee. Und sie ist noch nicht groß genug. Wir leben in einer schlechten Nachbarschaft hier mit Al Nusra und Hisbollah. Wir sind hier nicht in Deutschland, ohne unsere Armee würden wir nicht einen Tag überleben und die jungen Menschen verstehen das und dienen gerne

Sind wir alle Träumer? Hippies? Mit unserem Frieden über alles?

We are a villa in the jungle“ – auch diesen Satz hören wir. Es ist natürlich auch unwahrscheinlich sich anzunähern, wenn man die anderen als Dschungel bezeichnet, findet Hippie-Hanna.

Weil ich verwirrt bin und mich noch gut an die Kinder aus dem Gaza-Streifen erinnere, die 2014 zur medizinischen Behandlung in Düsseldorf landeten, frage ich Herrn Militär-Strategie, wo Muhammad (wir erinnern uns an das Telefonat oben) denn hingehen solle, mit seiner kranken Mutter, wenn die IDF in einer halben Stunde zunächst auf das Dach klopft und 10 Minuten später mit einer Präzisionsrakete alles in die Luft jagt. Der Referent guckt mich etwas mitleidig an. Wir Journalisten (wenigstens sagt er nicht Träumer oder Hippie…) sollten nicht alles glauben, was „die Araber“ erzählen. Wahrheit sei ein wichtiger Wert in der deutschen und israelischen Gesellschaft, bedeute den Arabern aber wenig. Bei Google Maps könne jeder sehen, dass es große landwirtschaftliche Flächen in Gaza gebe, die selbstverständlich nicht bombardiert würden. Die Antwort, ob Muhammad mit seiner kranken Mutter in 28 Minuten auf einen Acker ziehen soll, bleibt er mir schuldig.

 

Doch wir fahren danach ganz in die Nähe des Gaza-Streifens. In ein Kibbuz. Hier leben auch „Träumer“: Denn die Grundidee ist, dass jeder so viel arbeitet wie er kann und das nimmt was er braucht und alles funktioniert. Ein total beeindruckendes System, doch hier leben Menschen wirklich direkt am Gaza-Streifen. Zwar leben sie zu nah für Langstrecken-Raketen und zu weit weg für Kurzstrecken-Raketen, dennoch gab es 2014 zahlreiche Einschläge. Sirenen. 15 Sekunden um in den Bunker zu kommen. 15 Minuten bleiben. Normales Leben wieder aufnehmen. Ich spreche mit einer jungen Frau, Mutter zweier Kinder. Wenn die Sirenen abends heulten, merkte sie, dass sie nicht beide Kinder innerhalb der 15 Sekunden in Sicherheit bringen konnte. Sie wartete und hatte Glück. Dann lauschte sie, wie wenige Minuten später die israelischen Flugzeuge über die Grenze donnerten zum Gegenangriff. Natürlich hat auch sie gedient weiß, was es bedeutet Soldatin zu sein. Aber manchmal, so sagt sie, dachte sie in diesen Nächten, dass dort wenige Kilometer entfernt gerade eine palästinensische Mutter sitzt und ihre Kinder beschützen will und wie verrückt das alles ist.

Gaza

Blick auf den Gaza-Streifen, wenige Kilometer entfernt

Friede oder Sicherheit

Es ist ein Symbolbild. Hinter den Bäumchen links im Bild der Swimming Pool des Kibbuz. Ganz rechts die Stelle von der man auf den Gaza gucken kann…. Ganz schön nah.

Mehr über den Besuch im Kibbuz später. Es muss mehr geben, denn es hat mir wahnsinnig gut gefallen und mal wieder jede Menge erklärt, und natürlich: noch viel mehr Fragen aufgeworfen.

Ich muss schlafen. Morgen geht es nach Ramallah.

 

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