Was ist eigentlich der Nahostkonflikt?

Israel hat dutzende Probleme. Eine deutsche Reisegruppe in Tel Aviv gehört nicht dazu. Ein bisschen hatte ich damit gerechnet, dass Deutsche in Israel nicht die beliebtesten Besucher seien. Aber nach fast drei Tagen hier kann ich sagen: Weit gefehlt. Aber auch:

Hand auf’s Herz: Was wissen wir eigentlich über Israel? Es ist der dritte Tag meiner Studienreise „Israel – Jenseits der Schlagzeilen“ und ich habe praktisch stündlich das Gefühl weniger zu wissen. Je mehr Orte wir besuchen, je kompetenter die Referenten, um so schlimmer wird es.

Der Reiseleiter sprach in seiner Eingangsansprache davon, dass wir vermutlich mit mehr Fragen zurückkehren, als wir hingefahren sind. Erstens hat er das abgelesen, weil die eigentliche Frau für tragende Ankündigungen erkrankt war, zweitens hielt ich das für unmöglich. Da ja immer alles mit Hessen verglichen wird (Gambia ist halb so groß wie Hessen, Israel genauso groß): was sollte es schon so viel geben über ein so kleines Land, dass man es in zwei Wochen Studienreise nicht intensiv beleuchten könnte? Böse gesprochen: Holocaust und Palis und Juden haben sich anne Köppe. Kompliziert? Naja. Zwei-Staaten-Lösung klingt kompetent und reflektiert, fertig. Oh, ich Unwissende.

Frisch und lokal: der Dattel-Banana Smoothie

Zu den Fakten:

Ich reise mit 21 jungen Journalisten und drei Reiseleitern nach Israel. Die Bundeszentrale für politische Bildung organisiert diese und bezuschusst sie vor allem, sodass nur 750 Euro Teilnehmerbeitrag fällig werden. Inklusive Hotels, Halbpension und Transport, da kann man nicht meckern. Meckern tue ich eigentlich nur an Tag 1, als ich kurz nach der Anreise merke, dass ich mit der einzige Depp bin, der die Reise bezahlt und dafür Urlaub genommen hat. Von Nachwuchsredakteuren bei TV über Volos bei Lokalblättern: Jeder Verlag scheint eine solche Reise zu unterstützen, nur meiner nicht. Schade. Aber ich will mich nicht ärgern, sondern über die Reise freuen. Urlaub nach der ersten Volo-Station ist schließlich auch was Feines. Also reise ich mit dem ICE von Duisburg nach Frankfurt. Die Fahrt verläuft weitestgehend unspektakulär. Screen Shot 2016-05-30 at 23.50.39

Vom Flughafen Frankfurt nehme ich nach einigem Suchen den Hotel-Shuttlebus und bald lesen wir eine weitere junge Frau auf. Rucksack, Schlapphut, Schal — ich spreche sie an und – Bingo, auch sie will zum Treffen im Frankfurter Tagungshotel. Dort treffen wir auf den Rest der Gruppe: Etwas mehr Frauen als Männer, Rundfunk, Fernsehen, Zeitung, Volos und Jungredakteure. Nach einem kurzen Snack und einer Vorstellungsrunde geht es los: Eine Uniprofessorin referiert über Israel. Geschichte, aktuelle Entwicklungen, ich denke an meine 15 Punkte im Geschichtsabitur und warte den Vortrag gelassen ab.

Vielleicht hätte ich die Geschichtsunterlagen doch noch einmal durchgehen sollen. Ich erinnere mich an meine Prüfung, in der ich nach dem Text „Existenzrecht Israel“ gefragt wurde. Einen Text, den ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch nie gesehen hatte. Ich reimte mir damals zusammen, was in einem Text mit diesem Titel wohl stehen könnte und traf ins Schwarze: 1 Plus.  Dass wir damals maximal eine Mini-Spitze des Eisberges behandelt haben, wurde mir während dieses ersten Vortrags klar. Sehr didaktisch wertvoll ließ die Dozentin immer mal wieder Pausen, um offensichtliche historische Sachverhalte durch die Gruppe ergänzen zu lassen, was leider nicht immer glückte. „Erste Intifada“, „Camp David“, „Abkommen von Oslo“ waren diese Wörter zum Beispiel.

Vier bis fünf Faktoren für das Interesse an dem Gebiet Palästina, wofür sich bis Anfang des 20. Jahrhundert niemand so recht interessiert hat? Antisemitismus, zunächst in Russland und dann in Westeuropa, klar darauf kann man kommen. Zionismus. Doch, an Theodor Herzl erinnere ich mich auch aus der Schule. Auch die Zunahme des Nationalismus in Europa ist ein logischer Grund für das Interesse an einem Juden-Staat (Zionimus). Nicht gekommen wäre ich auf den Einfluss der Modernisierung. Durch die Industrialisierung wuchs das Interesse an Öl und logischerweise an dem Nahen Osten. Mehr Kapitalismus bedeutet mehr Handelsrouten und dafür braucht man stabile Regierungen, außerdem galt es zu der Zeit auch noch die eigenen Kolonien zu sichern.

Bei der Balfour-Deklaration klingelt es zwar irgendwie, aber erklären könnte ich diese nicht. Dass es zu der Zeit in Europa bereits Nationalstaaten gibt, im Osmanischen Reich aber nicht, ist zumindest logisch.

Einige Worte lernen wir hier kennen, die uns immer wieder in den nächsten Tagen über den Weg laufen. „Alijah“ sind Einwanderungswellen, derer gab bzw. gibt es in Israel viele. Das zweite ist „Shoah„. Uns bekannt unter Holocaust, wird dieser Begriff hier viel häufiger verwendet, weil er eindeutiger ist. Auch „Nakba“ ist ein wichtiger Begriff. Er steht für die arabische Bevölkerung für die Katastrophe, für Juden für Erfüllung.

Am wichtigsten finde ich vielleicht den Begriff „Narrative„. Schon am ersten Abend hören  wir dieses Wort immer wieder. Es steht für die unterschiedliche Wahrnehmung und irgendwie auch für die unterschiedlichen Realitäten der Menschen. Die Vielzahl an Narrativen macht deutlich, wie vielschichtig dieser Konflikt ist. Vielleicht auch, dass es nicht „den“ Nahostkonflikt gibt. Es gibt so unendlich viele Faktoren und Einzelschauplätze, und, wie Reisen es so an sich hat, verschiebt sich der Blick auf die eigenen Probleme massiv.

„Allein“ im Konflikt zwischen Israel und Palästina gibt es schon die Streitpunkte der Grenze, des völkerrechtlichen Status, der Siedlungen, der Sicherheit, der Stadt Jerusalem dem Umgang mit palästinensischen Flüchtlingen. Doch auch innerhalb der jüdisch-israelischen Gesellschaft gibt es viele „Herausforderungen“ wie unser Referent heute es nannte, zu dem ich später komme.

Sehr spanend fand ich außerdem die unterschiedlichen Wahrnehmungen. Für Israelis steht die Selbstverteidigung oft im Mittelpunkt, für Palästinenser, dass sie überhaupt einen lebensfähigen Staat, beziehungsweise wirtschaftliche Unabhängigkeit haben.

Aber auch was den zweiten Weltkrieg angehet, gibt es unterschiedliche Realitäten. „Wir“ Deutschen haben die Konsequenz oder die Haltung „Nie wieder Krieg“ danach entwickelt, während für die Juden, logischerweise, „Nie wieder Holocaust/Shoah“ zum Ziel wurde. Um das zu erreichen, muss Israel möglichst stark sein, auch und vor allem, in Sachen Verteidigung und das wird hier immer wieder deutlich.

Der zweite Referent an diesem ersten Abend in Frankfurt war einmal Korrespondent in Israel. Heute ist heute aber als Professor für Musik tätig. Dennoch kann er viel über Israel erzählen und er zieht einigen in der Gruppe direkt einen ziemlich festsitzenden Zahn. Er erzählt nämlich, dass ihn besonders ärgert, wenn Reporter nur kurz vor Ort sind und über „den Nahostkonflikt“ berichten, ohne umfangreiches Hintergrundwissen zu haben. Auch das sollen wir in den kommenden Tagen noch häufiger hören. Ohne Fachwissen kann man natürlich nach Israel reisen und sicher auch schöne Texte schreiben. Diese aber in einen vernünftigen Kontext einordnen, meiner Meinung eine der Hautaufgaben von Medien, ist eine Herausforderung. Einige aus der Gruppe haben die Aufgabe im Gepäck „Geschichten mitzubringen„. Schwierig oder? Aber auch ich habe ich mich entschieden zumindest hier zu schreiben, wie ich es ja auch Reisen immer tue. Erstens ist mein privater Blog ja kein Massenmedium (leider) und zweitens ist es halt ein Reisebericht, kein unabhängiger Beitrag. Ich bin trotzdem natürlich bemüht, alles richtig wieder zu geben und nichts durcheinander zu werfen.

Der Referent ist super. Gut verständlich macht er einen Kurzabriss über die ersten Jahre Israels bis heute. Diplomatische Anerkennung, Anekdoten auch aus der Bundesrepublik und so weiter. Natürlich war das Verhältnis Deutschland – Israel anfangs schwierig. „Valid for all countries but Germany“ stand in den ersten israelischen Pässen vermerkt. Dann aber kamen „Wiedergutmachungszahlungen“ die auch in Warenlieferungen geschahen. Nach und nach entwickelten sich so auch persönliche Beziehungen und das Tor für einen kulturellen Austausch wurde geöffnet.

Deutsch und Deutschland sei kein Feindbild mehr in Israel. Im Gegenteil, besonders Berlin übt eine magische Anziehungskraft auf junge Israelis aus. Der Referent macht uns auf „Carolina Lemke“ aufmerksam. Mit dem Zusatz „Berlin“ wirbt man mit diesem Namen für Sonnenbrillen am Flughafen Tel Aviv. Der Witz: Carolina Lemke gibt es nicht, schon gar nicht in Berlin. Sie ist Produkt der Marketing-Maschinerie und funktioniert gut: schon am ersten Tag trägt eine Referentin eine solche Sonnenbrille, die in Israel designt, hergestellt und gekauft wurde.

 

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An diesem Abend schaut ein Großteil der Gruppe Championsleague, einige andere tauschen sich im Tagungshotel, das ziemlich nobel ist, aus. Woher kommst du, wo arbeitest du? Es sind immer die selben Fragen und merken kann ich mir doch kaum was. Immerhin, meine Zimmergenossin für die nächsten zwei Wochen mag ich auf Anhieb sehr, ich glaube das wird nett.

Die Nacht ist um halb 6 vorbei. In einer Gruppe unterwegs zu sein heißt auch, alles sehr früh zu tun, weil ständig einer auf Toilette muss oder Geld tauschen will. Ich mein‘ das nicht einmal böse, aber ich muss mich an diese Art zu reisen erst gewöhnen. Also fahren wir um 7 Uhr vom Flughafen Hotel zum Flughafen, um noch vor den Mitarbeitern von Lufthansa beim Gruppen Check-In zu sein und lange zu warten. Der Flug nach Tel Aviv ist der einzige, der über das Gate abgehandelt wird. Gelten für Israel etwa striktere Kontrollen als für andere Zielorte? Was sagt das über die Flugsicherheit dieser Ziele aus, wenn da nachlässig(er) kontrolliert wird?

Nicht einmal vier Stunden dauert der Flug von Frankfurt nach Tel Aviv, eine Stunde Zeitunterschied. Vor der Einreise sind doch einige nervös, viele Geschichten kursieren. „Ich habe einen marokkanischen Stempel,“ sagt einer, der nächste hat ein Buch bei, das „Die Attentäterin“ heiße. Israel ist vielleicht streng, aber nicht doof. Kein Marokko-Tourist und keine Leseratte wird vom Mossad abgeführt und wenig später sitzen wir im vollklimatisierten Bus mit Wifi. Unser Reiseführer für die kommenden zwei Wochen gibt uns eine erste Einführung in Land und Leute und nach kurzer Fahrt sind wir auch am Hotel. Die Bundeszentrale lässt sich unsere politische Bildung einiges kosten: Das Metropolitan liegt in zweiter Reihe zum Strand und ist ziemlich nobel: Der Blick vom Hotelzimmer ist gigantisch und die Mahlzeiten bieten eine riesige Auswahl und das trotz der Einschränkung, dass alles Essen koscher ist. Nach den jüdischen Regeln dürfen Milch und Fleisch nicht zusammen serviert werden, sodass es abends keine Milchprodukte gibt und morgens kein Fleisch. Stattdessen gibt es zum Frühstück eine riesige Käseauswahl um die abwesende Wurst zu überspielen.

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Die anderen Gäste im Hotel sind größtenteils Amerikaner, soweit ich das einschätzen kann.

Unser erster Weg nach dem Beziehen der Zimmer führt uns – natürlich – an den Strand. Super fein ist der Sand und das Mittelmeer klar und warm. „Tel Aviv ist nicht Israel“ werden wir in den nächsten Tagen noch mehrfach hören. Tel Aviv ist hedonistisch, weltoffen, modern. Wie eine x-beliebige europäische Großstadt wirkt Tel Aviv. Juden mit Kippa sieht man nur vereinzelt, ultraorthodoxe kaum. Die Menschen kleiden sich freizügig, feiern, trinken. Am kommenden Wochenende findet die „Gay Pride“ Parade statt, überall wehen Regenbogenflaggen. Die amerikanische Botschaft ist ebenfalls geschmückt und verkündet sich auf das Fest für Homosexuelle zu freuen.

 

Regenbogen Tel Aviv Gaypride

Regenbogenflaggen an jeder Ampel und jeder Laterne – Tel Aviv bereitet sich auf die Gay Pride vor

Krav Maga

Krav Maga – gehört habe ich von „dem“ Kampfsport der israelischen Armee schon oft. Am Strand sehe ich, wie er trainiert wird.

Mittelmeer, Tel Aviv

Hanna am Mittelmeer!

Tel Aviv American embassy

Das ist Tel Aviv: Knutschen in der Öffentlichkeit, amerikanische Botschaft mit Gay Pride Flaggen und Schwimmen verboten auf drei Sprachen, wegen des Streiks der Bademeister. Das geht in jerusalem wohl eher nicht.

American embassy Gay Pride

United States embassy celebrates Tel Aviv Pride… Vielleicht sollten die United States das auch mal in allen ihrer eigener Staaten celebraten….


Merkwürdig ist allein: Der Gaza-Streifen ist keine 100 Kilometer von hier entfernt. Reportagen über nur stundenweise verfügbaren Strom, Wasserknappheit, katastrophale humanitäre Zustände schießen mir in den Kopf. Die Menschen genießen ausgelassen den Strand, spielen Ballspiele, Joggen, mit Flatterband ist ein Sandburgenwettbewerb abgesperrt. Ich rufe mir in Erinnerung, dass es dennoch (theoretisch) passieren kann, dass Raketen aus dem Gaza abgefeuert werden. 70 Sekunden bleiben dann, um das Strandtreiben zu beenden. Nur: Das muss im Grunde niemand, denn der Iron Dome schützt Tel Aviv. Ein Frühwarnsystem, das Raketen erkennt und „abfängt“  und zerstört – ein einzigartiges Gerät in der Militärgeschichte.

Nach dem wirklich reichhaltigen Abendessen lernen wir unseren Guide Itzik  formal kennen und besprechen das Programm. Nach dem Essen ziehen wir noch einmal in Kleingrüppchen los. Erste Eindrücke von Tel Aviv: Es ist echt klein. Klar, gibt es Verkehr und auf den Straßen ist was los, aber im Vergleich ist es überschaubar. Und die Israelis sitzen echt in einer Blase in Tel Aviv, bzw. Israel. Mal eben ins Nachbarland ist nicht. Überall Krieg. Und klar: Das Mittelmeer ist super und der Strand toll, aber genauso toll ist es sich morgens zu überlegen, mal nach Holland auf nen Kaffee zu fahren. Das geht hier nicht.

 

Am Montag morgen lernen wir Anita, Daniel und Betty kennen. Anita ist Reiseleiterin auf israelischer Seite, sie spricht gut Deutsch und begleitet uns noch weitere Tage. Mit den dreien sollen wir unterschiedliche israelische Identitäten kennenlernen. Das bedeutet vor Allem eins: noch mehr Konflikte. Anita zeigt eine Karikatur, die mit „Zwei-Staaten-Lösung“ betitelt ist. Die zwei Staaten sind hier Tel Aviv und Jerusalem. Zwei Städte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Obwohl Jerusalem die Hauptstadt Israels ist, sind die meisten Botschaften in Tel Aviv ansässig.

Auch wird mir hier klar: Juden sind nicht gleich Juden. Natürlich ist Israel ein Einwanderungsland, aber das heißt nicht, dass sich alle verstehen und lieben.

Daniels Vater lebte mal in Italien, die Mutter in Österreich. Sie trafen sich an der Uni, wanderten nach Israel aus, sie waren Zionisten, also Juden, die glaubten Israel sei der versprochene Staat. Derweil glauben ultraorthodoxe Juden nicht, dass Israel dieser Staat sei. Was Gott gegeben ist, müsste friedlich sein und so warten die Traditionalisten bis heute auf den Messias, erkennen Israel nicht als „den“ Juden-Staat an und sprechen auch kein hebräisch, sondern Jiddisch. Daniel ist in einer religiösen Familie aufgewachsen, hat eine religiöse Schule besucht. Während seines Militärdienstes begann er zu zweifeln, heute studiert er Philosophie und hat seine Kippa in einem Plastiktütchen dabei – um sie zu zeigen. Tragen tut er sie nicht mehr. Er ist säkularer Israeli, kein religiöser Mensch. Er hat nach der Schule beim Militär gedient. Das haben sie hier alle. Die Männer zwei, die Frauen drei Jahre. Dabei stimmt alle wieder nicht, den Orthodoxe dienen nicht (die beten eher für die Kämpfenden) und die arabisch-stämmigen Israelis werden aus Misstrauen nicht gezogen. Nach seinem Wehrdienst war Daniel im Sommer 2014 freigestellt, er hatte seinen Jahresurlaub ganz am Ende. Er lag am Strand von Tel Aviv, als sie ihn anriefen. „Protection Edge“ nennt die Israelische Armee den Gaza Krieg 2014. Er erzählt, wie er im Panzer saß. 23,5 Stunden am Tag. Erwähnt nebenbei, dass er Terroristen getötet hat. Wie er aus der Zeitung erfuhr, dass zwei seiner Kammeraden tot seien. Wie er Briefe von israelischen Schulkindern empfing, die sich bedanken, dass er und seine Kammeraden für sie bereit waren zu sterben. Mir ist das, was Daniel beschreibt völlig unbekannt. Ein 25-jähriger wird vom Strand in den Krieg beordert? Bringt Menschen um? Ich erinnere mich an die Kinder aus Gaza, die wir damals in meinem alten Job zur medizinischen Behandlung nach Deutschland holten. Kinder voller Bombensplitter und ohne Gliedmaßen.

Daniel erklärt, dass er als Bürger natürlich um die Vielschichtigkeit der Problematik wisse. Aber als Soldat gebe es nur schwarz oder weiß und da funktioniere er halt. Nach dem Einsatz bereiste er Süd-Ostasien.

Betty ist in der Lesbisch-Schwulen Szene aktiv. Sie ist Aktivistin, iranische Wurzeln, aber Jüdin. „I am Persian“ sagt sie über sich selbst, aber kann als lesbische Jüdin aktuell wohl nur von einem Besuch in dem Heimatland ihrer Eltern träumen. Sie ist in Jerusalem geboren und ärgert sich aktuell über 11 Millionen Schekel für die Gay-Pride Parade in Tel Aviv. Die sollen Touristen anziehen und zeigen, wie weltoffen Israel ist. Warum der Ärger?  Die Summe sei so viel, wie die gesamte Vereinigung in Acht Jahren an öffentlichen Geldern bekomme. Völlig unerwähnt bleibe bei der Kampagne, dass sich Homosexuelle in Jerusalem, was nicht weit entfernt ist, eben nicht offen auf der Straße zeigen können. Betty ist Aktivistin und nach unseren Maßstäben sicher „links-alternativ“. Aber als ich nach den Kriegsverbrechen frage, die man Israel 2014 vorgeworfen hat, antwortet nicht der Soldat der Reserve Daniel, sondern Betty. Auch sie hat gedient und weiß: „Most Soldiers do their best not to hurt civilians.“

Die Israelis sind stolz auf ihre Armee. Kritik, wie sie die Bundeswehr bei uns erfährt, ist hier völlig fremd.

Wir machen uns auf zur Stadtführung. Hier lasse ich mal Bilder sprechen:

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Petrus Kirche

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Nahe am Meer gibt es in Jaffa eine ganz besondere Vegetation

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Ein Denkmal für die Jaffa-Orange

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Moschee in Jaffa

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Pali-Tücher kann man auf dem Markt auch kaufen…

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Touri-Klüngel…

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Schrömms-Läden auf dem Flohmarkt von Jaffa

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Schrömms-Läden auf dem Flohmarkt von Jaffa

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Schrömms-Läden auf dem Flohmarkt von Jaffa

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Schrömms auf dem Flohmarkt von Jaffa

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Wäre das in Berlin, wäre es ein Hipster-Stand 🙂

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Kindheitserinnerungen! Sowas hatte ich auch !

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Mosaikwand: Jona und der Wal

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Bauhaus in Tel Aviv

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Der Guide zeigt uns Jaffa und plötzlich werden Orte, die ich seit früher Kindheit aus dem Kinderbibelunterricht kenne, real. Jona und der Wal zum Beispiel. Nach der wirklich beeindruckenden Führung besuchen wir in Kleingruppen Redaktionen. Ich lerne die Korrespondentin der Zeit kennen. Seit 22 Jahren wohnt Frau Dachs in Israel. Auch der Nachmittag ist interessant, aber das wird alles viel zu lang, wenn ich über alles schreibe, denn gleich nach dem fulminanten Abendessen steht noch ein Programmpunkt auf dem Plan. Apropos Abendessen:

Kosher Shnitzel? Geht, ist aus Hähnchen steht im Reiseführer…

Kosher Snitzel

 

Am Abend haben wir den Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Handelskammer zu Gast. In Eineinhalb Stunden gibt er uns einen Einblick in Israel, den einfach jeder kennen sollte. Ohne einen kompletten Bericht schreiben zu wollen, möchte ich doch einiges wiedergeben, denn es war wirklich super.

Er erklärt, dass es unter den Juden auf der Welt schon immer zwei Wege gab: Orthodoxe und Assimilierte. Der Zionismus sollte eine Art dritter Weg werden, ein „Normalitätsversprechen„, ein eigener Staat halt, wo die beiden Wege vereint werden. Diesen dritten Weg habe es aber durch die Staatsgründung Israel nie gegeben, weil die Juden weiter orthodox oder assimiliert nebeneinanderher leben. Im multikulturellen Israel ist das Judentum der kleinste gemeinsame Nenner, aber es gebe überall Konflikte. Interessanterweise nannte er nicht der jüdisch – arabischen zu erst sondern den religiös – weltlichen.

Ultraorthodox“ das Wort ist mir geläufig und auch das Erscheinungsbild orthodoxer Juden: der Hut mit Krempe, der Bart, die schwarze Kleidung. Abgesehen davon, dass wir im Hotel koscher essen, gibt es übrigens auch einen Shabbat Aufzug.

Shabbat Aufzug

Der Shabbat Elevator hält Samstags auf JEDER Etage, sodass niemand auf den Knopf drücken muss

Der hält am Shabbat auf JEDEM der 16 Stockwerke, weil gläubige Juden an diesem Tag nicht Arbeiten dürfen bzw. nichts tun dürfen, was die Situation verändert. Dazu gehört neben dem Autofahren auch das Knopf drücken eines Aufzuges. Wie oben bereits kurz angerissen, haben die Ultraorthodoxen die Staatsgründung Israel nicht als Erfolg gewertet. Sie warten auf den Messias. Wir Christen glauben, dass das Jesus war. So lange die orthodoxen Juden auf die Ankunft des Messias warten, möchten sie nicht für den Staat Israel kämpfen, denn sie erkennen diesen nicht als den versprochenen Juden-Staat an. Sie fliegen auch nicht mit der israelischen Airline, wenn sie Familie im Ausland besuchen. Sie dienen, anders als andere jüdische Israelis, auch nicht in der Armee. Auf das Argument, dass die Israel Defence Force auch sie verteidige, erwidern sie: „Wenn wir nicht für euch beten würden, würdet ihr nicht gewinnen.“ Das ist natürlich ein scher zu widerlegendes Argument. Und außerdem ein Nährboden für: Fundamentalismus. Tatsächlich werden junge säkular lebende Juden von den Orthodoxen bekehrt. Ähnlich wie beim islamischen Extremismus suchen auch hier Jugendliche einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte. Und Religion kann manchmal einfache Antworten liefern. Jude sein, das ist nicht nur Religion, die Juden verstehen sich als Schicksalsgemeinschaft, als Volk.

Als zweiten Punkt führt der Referent das Konfliktpotenzial zwischen aschkenasischen  und Orientalen Juden an. Also denen die aus Europa oder Amerika kommen und denen die aus Nordafrika oder arabischen Länden kommen. Der Zionismus, geprägt durch Theodor Herzl und anderen ist eine europäische Idee, bei deren Umsetzung viele oriental-geprägte Juden einfach „auf der Strecke blieben“.  Das hänge auch damit zusammen, dass diese meistens aus Ländern kamen, in denen sie nie eine Demokratie erlebt hatten.

Als drittes dann führt der Referent den Aspekt jüdisch-Nicht jüdisch an.

1948, bei der Staatsgründung seien die Araber im Gebiet von heute auf morgen Israelis gewesen und eine Minderheit. Nach dem 6 Tage Krieg habe eine Israelisierung der arabischen Bevölkerung, aber auch eine Palästinisierung der arabischen Israeli begonnen, die sich mit der ersten Intifada 1987 entladen hat. Parallel habe auch eine Islamisierung eingesetzt.

Weiter führt der Referent Unterschiede zwischen „neu“ und „alt“ an. Oft, wenn eine neue Einwanderungswelle nach Israel gekommen sei, habe sich die Mehrheiten verschoben und so langsam wird mir klar, was es bedeutet eine kulturelle Identität zu entwickeln, wenn man wirklich ein Einwanderungland ist. Dagegen sollten 1 Millionen Flüchtlinge doch zu händeln sein, sollte man meinen…..

Gegen Ende stellt der Referent noch die Frage in den Raum, ob Israel nicht eigentlich eher eine Stammesgemeinschaft sei, bestehend aus Arabern, Russen, Orthodoxen, Siedlern, Orientalischen und eben Israelis. Alle hätten ihr eigenes Denken, ihr eigenes Schulsystem, Religion, oftmals auch Sprache.

Ich weiß, ich habe meinen lieben Lesern superduber viel Input zugemutet, und ich habe noch viel ausgelassen. Wir bekommen hier wirklich mindestens fünf Mal am Tag neue Eindrücke und Sichtweisen vermittelt. Neue Hintergründe. Neue Konfliktfaktoren. Neue Absurditäten. Heute (und ich erzähle davon an anderer Stelle) lachte ein Referent laut los, als seine Co-Referentin erklärte, dass Menschen unterschiedlichen Glaubens oder gleichen Geschlechts zum Heiraten nach Zypern fliegen, weil sie in Israel nur religiös heiraten können. Eine ausländische Ehe wird aber anerkannt, auch wenn sie gleichgeschlechtlich oder nicht religiös ist. „Wenn man das mal so auf Englisch hört, wird mir erst klar wie absurd wir in Israel leben„, gibbelte er.

Meine Erwartungen und mein Wissen sind um ein vielfaches übertroffen worden, seit ich hier her gekommen bin. Der Konflikt ist einfach viel komplexer als gedacht und inzwischen ist „Zwei-Staaten-Lösung“ nicht mehr ein reflektierter Kommentar von jemanden der Ahnung hat, sondern wird hier teils schon wieder in Frage gestellt. Das einzige, was ich total überschätzt habe, ist das Deutsch sein und die Deutsche Sprache. Es war hier genau NULL mal Thema. Auf der Straße fragt niemand, keiner dreht sich am Büfett um, wenn die Reisegruppe auch mal lautet witzelt. Zwischenfazit daher:

Israel got a lot of problems – a German study group in Tel Aviv ain’t one of them….

Morgen fahren wir ins Kibbutz in der Nähe des Gaza-Streifens. Die Reiseleitung informierte gerade nocheinmal, dass dies aktuell relativ sicher sei, Teilnehmer sich aber melden können, wenn sie Bedenken haben. Ich bin gespannt und werde berichten.

Wer bis hier her gelesen hat – RESPEKT. Lasst mir einen Daumen hoch oder einen Kommentar (einen netten!) zum Dank da – ich freu mich!

 

 

 

Ein Gedanke zu “Was ist eigentlich der Nahostkonflikt?

  1. toller text! super, total spannend! 
    (aber du musst ihn unbedingt Korrektur lesen(lassen). am besten finde ich „israel ist stolz auf seine Arme.“)

    Von meinem iPhone gesendet

    Gefällt mir

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