Essen im Dunkeln

Es hat mal wieder ein erstes Mal gegeben. Mein erstes Mal Essen im Dunkeln. Im komplett dunkeln. “Sinnreich essen” ist der Slogan vom Finster in Essen-Holsterhausen und erst dachte ich das wär ein weiteres Experiment der Erlebnisgastronomie. Aber das stimmt nur zum Teil! Die Kellner sind tatsächlich blind und das macht das Ganze etwas weniger zu einem lustigen Spaß und mehr zu einer Veranstaltung, auf die man sich einlassen wollen muss.

Aber von vorne.

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Das “Finster” sieht von außen vor allem erst einmal geschlossen aus. Das liegt daran, dass die Rollläden natürlich heruntergelassen sind, damit man wirklich nichts sieht. Zunächst betritt man ein Foyer, wo man noch sehen kann. An der Garderobe gibt man nicht nur seine Jacke, sondern auch seine Essenbestellung auf, sowie die erste Runde Getränke. Macht Sinn, denn eine Karte könnte man ja drinnen gar nicht lesen. Die Karte ist aber auch recht übersichtlich: Rind, Hühnchen, Schwein, Italienisch, Vegan, Vegetarisch – wahlweise drei oder vier Gänge. Unverträglichkeiten und Allergien kann man hier auch angeben, oder wer wirklich viele Sonderwünsche hat macht das direkt bei der Reservierung. Wir haben uns für Italienisch (mit Suppe als Vorspeise) und Fisch (mit Häppchen als Vorspeise) entschieden.

Unsere Handys machen wir am Empfang aus, drinnen ist wirklich keine Lichtquelle erlaubt. Dann kommt auch schon Anne, unsere Kellnerin. Sie erfragt unsere Namen und führt uns in eine Schleuse. Erst wenn die erste Tür geschlossen ist und wir in der absoluten Dunkelheit stehen, öffnet Anne die zweite Tür. Ich fasse sie an den Schultern und Henning meine und so ziehen wir in einer merkwürdigen, weil sehr langsamen Polonaise durch den Gastraum. Der Geräuschkulisse nach könnte der sehr klein oder sehr groß sein. Gar nicht leicht zu beurteilen. Anne erklärt uns alles genau: “Hier stehen wir vor eurem Tisch, da ist der Stuhl. Vor euch: Je ein Teller, Besteck, Dessertlöffel liegt oben. Neben euch kommt niemand mehr, aber ich habe noch nicht abgeräumt von den Gästen zu vor. Ich hole jetzt eure Vorspeisen, bis dahin genießt Baguette mit Rucccula-Pesto vor euch.”

Es ist wirklich absolut dunkel. Ich glaube zwar kleine weiße Stippen vor den Augen tanzen zu sehen, aber das ist vermutlich Einbildung. Wirklich keine Lichtquelle erreicht die Augen und immer wieder merke ich, dass ich gar nicht weiß, ob die Augen auf oder geschlossen sind. Wir tasten uns zu den Ruccula Baguette und schaffen es einigermaßen unfallfrei zu essen. Gar nicht so einfach abzuchecken, wie viele Brote da wohl auf dem Teller liegen. Man will ja nicht überall rumtatschen, oder sich massig Brote reinschieben und der andere hat nichts mehr.

Im Gastraum ist es relativ laut für ein Restaurant. Das liegt sicher zum einen daran, dass die Gäste ja nicht einfach nur in der Gegend, aufs Essen oder den Partner an gucken können. Anderseits gibt es halt auch viel Gesprächsstoff: immer wieder witzelt einer, dass er bereits die dritte leere Gabel zum Mund geführt habe oder Anne beschwert sich leicht tadelt, wenn sie jemand ruft und statt des Namens oder der Tischnummer nur “Hier” sagt. Dann kommen unsere Vorspeisen. Mit der Suppe habe ich alles richtig gemacht. Die Suppentasse ist klein und der Löffel liegt auf dem Rand, sodass ich recht systematisch meine Tomatensuppe mit Pinienkernen löffeln kann. Später stelle ich fest, dass ich keine Tomatensuppenflecken auf der Bluse habe. Beeindruckend, sehend passiert das immer.

Henning hat einen leichten Tick, dass er es nicht mag wenn Gläser zu nah am Tischrand stehen. In der Dunkelheit höre ich, wie er ständig den Tisch abtastet, ob sein Glas auch zentral steht. Hinter mir scheint eine Wand zu sein, denn es ist ruhig. Wir lauschen den Gesprächen der anderen: “Was machst du beruflich” oder “Beschreib mal deine Partnerin” schwappt es manchmal durch das absolut Schwarze rüber. Machen die Blinddates? In der Gruppe? Eine Swingerparty? Nein, es scheint eher, dass die Menschen sich mit ihren Tischnachbarn unterhalten. Henning isst erfolgreich Matjes, doch die dazugehörigen Zwiebeln findet er erst, als der Fisch schon weg ist. Egal, außerdem finden sich noch Apfelstücke und Cocktailtomaten auf seinem Teller.

Nach einiger Zeit räumt Anne ab. Habt ihr aufgegessen? Vermutlich. Sie bringt unsere Hauptgänge. Ich freue mich über einen Teller Tortellini. Tapfer pickse ich eine gefüllte Nudeltasche nach der anderen auf, als ich plötzlich auf eine geschmorte Paprika beiße. Oh da ist ja noch was? Tatsächlich – Gemüse. Oh und Fleisch. Wie zur Hölle isst man das? Ich steche einmal in die gefühlte Mitte des Fleischs hebe die Gabel auf und esse drumherum. Zum ersten Mal bin ich froh über die Dunkelheit, das sieht sicher komisch aus. Henning kämpft derweil mit Lachs, freut sich über Drillinge-Kartoffeln und schimpft über Reis. Ich komme ziemlich gut zurecht und gebe an: “Ich arbeite einfach mit zwei Gabeln!” Aber woher habe ich eigentlich die zweite Gabel….? Plötzlich kommt mir Annes Info in Erinnerung, dass sie den Tisch am anderen Ende noch nicht abgeräumt habe. Etwas angeekelt merke ich, dass ich nicht nur mit zwei Gabeln sondern auch zwei Servierten arbeite, vermutlich vom Vorgänger. Hm.

Ganz aufessen schaffe ich nicht und biete Henning etwas an. Der tastet sich mit den Händen bis zu meinen Teller und greift in das Gemüse bevor er zum Fleisch kommt. Er vermutet es sei Wild, ich tippe auf Rind. Gar nicht so leicht.

Die Teller werden abgeräumt und wir bestellen noch eine Cola. Da muss man sich entscheiden, aus der Flasche zu trinken oder mit dem Glas experimentieren, wann es voll ist. Am Nachbartisch quatsch ein Typ in einer Tour. Er philosophiert, dass es bestimmt prima Fotos gebe mit Infrarotkameras oder bei einer Spiegelreflex mit Langzeitbelichtung. “Mindestens 20 Sekunden oder eine Minute!” erklärt er. Watt n Horst, auch ne Langzeitbelichtung braucht wohl irgendeine Lichtquelle. “Ich bin nicht so der Plauderer” merkt er jetzt an und wir spüren, dass wir beide grinsen.

Unser Nachtisch kommt und ist eine wahre Geschmacksexplosion. Mousse au Chocolat, Jogurtcreme, Früchte, was ist da alles drauf? Der Nachtisch ist ziemlich schwer zu essen, so ohne etwas zu sehen. Ich bin mir sicher Eis zu haben, aber es flutscht dauernd über den Teller. Langsam leert der Laden sich. Wir hören, dass Anne und Mahmoud, der zweite Kellner sich absprechen: “Pass auf, mein Wagen steht hinten an Tisch 165,” okay weiß ich Bescheid. Manchmal klirrt es etwas, aber selten.

Am Ende des Abends haben wir fast das Zeitgefühl verloren. Ohne die Handys und Uhren ist man ganz schön aufgeschmissen, aber es ist auch mal schön, nicht dauernd auf das Gerät zu gucken. Anne geleitet uns zur Schleuse und wir verabschieden uns – dann geht das große Zwinkern los. In der wenig beleuchteten Lobby ist es gefühlt super hell und bei einem Espresso dürfen wir aufzählen, was wir glauben gegessen zu haben. Bei den meisten Gerichten liegen wir sogar ziemlich gut, aber ein paar Überraschungen sind schon dabei. Auf einem Aushang steht, dass viele Gäste Dinge essen, die sie “eigentlich” nicht mögen und dann doch überrascht sind, wenn sie es unwissentlich gegessen haben.

Ein durchaus witzig Experiment, das ohne erhobenen Zeigefinger einen “Einblick” in die Welt von Blinden gibt. Vielleicht auch, weil die Kellner so locker mit dem Thema umgehen. Immer mal wieder rufen sie ein: “Sorry nicht gesehen” oder so in den Raum und alle lachen.

Zwar war es preislich schon recht hoch angesiedelt, aber es ist echt ein Erlebnis für das man gerne mal bezahlen kann.

Das war mein erstes Mal im dunkeln dinieren. Ich danke für die Einladung und bereite mich jetzt auf mein erstes Mal Israel vor. Shalom.

Würde ich es noch einmal machen?

Es ist sicherlich kein regelmäßiges Event. Aber ich habe schon Lust bekommen, davon zu erzählen und es vielleicht einmal anderen zu „zeigen.“ Für Regelmäßigkeiten ist es dann aber doch etwas zu teuer und zu kompliziert.

Hanna

PS: Fotos gibt es logischerweise keine 🙂

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