Blog 2: The plan is, that there is no plan – eine kulturelle Expedition in Kolumbien

Hasta Mañana

Die Uhren ticken in der Karibik einfach anders 

Strand santa marta

Road trippin‘ with my two favorite allies (naja, einer hat das Foto gemacht!)

Eine schnelle Zusammenfassung der vergangenen Woche: Nach drei super intensiven Tagen in Bogotá sind wir eineinhalb Stunden nach Santa Marta geflogen, auch das ist Kolumbien, auch hier könnte das Land kaum gegensätzlicher sein. Die Menschen sehen anders aus, ihr Spanisch ist selbst für Mies anfangs kaum verständlich gewesen, es sind immer rund 30 Grad warm und alles ist rundum karibisch. Wir haben im Vergleich zur Hauptstadt in sämtlichen Belangen zwei Gänge zurückgeschaltet, allein wegen der Hitze ist hier kein großes Programm möglich. Überschaubare Tagesausflüge, ein paar Stunden Strand, ein Spaziergang durch eine der ältesten Städte Südamerikas –  mehr als genug Input für einen Tag. Es liegt aber nicht nur an der Hitze, dass man hier nicht viel am Tag schafft. Eine interkulturelle Exkursion.

 

Marina

Am Yachthafen von Santa Marta. Alles ist deutlich entspannter, als in Bogotá

Freitag, 18. Dezember. 

Es ist ein typischer Tag, der gewohnt früh beginnt, anders geht es bei der Hitze kaum, auch wenn wir zumindest stundenweise unsere Zimmer per Klimaanlage runterkühlen. Nach einem Eier-lastigen Frühstück auf Maisbrot (sehr reichhaltig!) duschen wir erst einmal, denn nach jeder Nacht fühlt sich der Körper an, wie nach intensiven Sportprogramm und vermutlich riecht er auch ähnlich. Bis wir alle fertig sind, etwas im Haus gerödelt haben und mit dem Hund (einem großen Labrador-Verschnitt, der mir gerne mal in einem Satz auf den Schoß springt) draußen waren, schmieden wir Pläne für den Tag. Eigentlich ein überschaubares Programm: Hundefutter kaufen, Tickets für Freunde organisieren, die bei einer großen Silvesterparty das Jahr ausklingen lassen möchten. Ricardo, der jetzt Urlaub hat, muss nochmal kurz ins Büro und kann mir bei der Gelegenheit die kleine Universität von Santa Marta zeigen, wo er in der Abteilung für Internationalisierung arbeitet. Außerdem planen wir einen Besuch in einem Vorort von Santa Marta, der bei Backpackern (über die ich mich später noch auslasse) sehr beliebt ist. Während in der Küche für das Mittagessen gewerkelt wird, beschließe ich Ricardo zum Hundefutterkauf zu begleiten und plane (Fressnapf-verwöhnt) etwa eine halbe Stunde dafür ein. Danach könnten wir direkt essen, sehr effizient, in einer halben Stunde sei auch das Essen fertig.

Das Auto wird stets im Hof geparkt. Anfänglich wunderte ich mich darüber, dass man auf den Straßen kaum parkende Autos sieht, aber wer auch nur über wenige Quadratmeter Vorgarten verfügt, stellt sein Auto hier ab, hinter Gittern und Mauern, die Häuser sind zusätzlich vergittert. Kein noch so bescheidenes Haus und sei es eher Kategorie Lehm und Wellblech kommt hier ohne Zaun aus. Wenn die Menschen das Haus verlassen, schließen sie immer das Tor hinter sich ab, auch wenn noch jemand zu Hause ist, oder man nur kurz die Straße runter geht. Also, Tor auf, Auto raus, Tor zu, zwischendurch Smalltalk mit fünf Nachbarn und nochmal Sonnenbrille holen und Müll entsorgen, da ist die erwartete halbe Stunde schon fast um.

Fressnapf hat scheinbar keine Filiale in der Gegend, obwohl hier wirklich jeder mindestens einen Hund hält, aber der gemeine kolumbianische Straßenhund frisst eher Essensreste, als Pressfleisch-Brocken. Also fahren wir fast eine halbe Stunde zum Baumarkt, wo wir einen sage und schreibe 30 Kilogramm schweren Sack Hundefutter in den Einkaufswagen wuchten. Einmal im Baumarkt, erkundigt sich Ricardo nach Deckenventilatoren für das traute Heim. Während Baumarkt-Mitarbeiter in Deutschland als festen Bestandteil ihrer Ausbildung lernen, sich im entscheidenen Moment vor Kunden zu verstecken, ist hier das Pokerface eine wichtige Kernkompetenz. „Guten Tag, haben Sie Deckenventilatoren?“ Zunächst gibt es ein unangenehmes Schweigen. Ob Ricardos Hauptstadt-Spanisch so klingt, als habe er nach illegalen Drogen gefragt hat? Korrigiere, die sind hier leicht und an jeder Ecke zu bekommen. Ein härterer Vergleich muss her, Koks hätte er vermutlich sofort bekommen. Nicht aber einen Deckenventilator in der Karibik? Der Pokerface-Gesichtsausdruck verfinstert sich also so, als habe er nach Kindersklaven gefragt, bevor sich plötzlich das Gesicht doch aufhellt: „Claro, que si!“ und man zeigt uns mir völlig unbekannte Marken, aber deutlich Deckenventilatoren. Diese sind aber recht teuer und wir beschließen hier nicht zu kaufen, sondern nur die 30 Kilogramm Hundefutter und einen Lampenschirm für die Außenanlage mitzunehmen. Wir gehen also weiter zu einer von geschätzten 20 Kassen, von denen 3 besetzt sind. Eine Familie vor uns, das geht schnell. Nicht. Denn die Menschen vor uns bezahlen mit drei verschiedenen Kreditkarten, stets mit Pin und Unterschrift. Vor der allerletzten Unterschrift sieht die Kundin hinter ihr einige Bekannte. Mit großem Hallo und ausgiebig begrüßt man einander, die Unterschrift ist vergessen, wir warten, die erwartete halbe Stunde ist bereits ums dreifache überschritten. Endlich dürfen auch wir bezahlen, weil der Lampenschirm für die gemeinsame Außenanlage ist, und meine Gastgeber diesen Posten später abrechnen, werden zwei Bons verlangt – dauert.

Endlich sind unsere Einkäufe wieder im Wagen und wir wollen zum Parkplatz. Zunächst müssen wir aber am Sicherheitsdienst vorbei, hier wird nochmal geprüft, ob alle Gegenstände, die im Einkaufswagen liegen, auch auf dem Kassenzettel stehen. Praktisch, dass die Plastiktüten um jeden Artikel gut zugeknotet und der Lampenschirm mehrfach eingewickelt ist. Wir dürfen den Parkplatz verlassen, nicht ohne zuvor ein zuvor empfangenes Parkticket wieder abzugeben. Das musste nicht bezahlt werden, dient nur dem Abgleich, dass kein Auto den Parkplatz mit jemand anderen verlässt, als es gekommen ist. Die Parkkarte identifiziert lediglich den rechtmäßigen Autobesitzer und schafft Arbeit für zwei Menschen: den Ausgeber der Tickets und den Einsammler. Ähnlich effiziente Jobs habe ich schon am Flughafen beobachtet. Der KLM-Maschine flog nach Bogota noch weiter nach Cali, alle Passagier mussten aber in der Hauptstadt den Flieger verlassen. Neben drei Wegweisern, standen fünf Mitarbeiter im Gang, die „Cali, Cali, Cali“ riefen und so den Weg zeigten.

Auch wenn die Mission Hundefutter erfüllt ist, scheint der Deckenventilator jetzt eine höhere Anziehungskraft zu haben, als das Mittagessen, das jetzt bereits seit 1,5 Stunden fertig sein dürfte. Also fahren wir in die Stadtmitte von Santa Marta. In der Mitte der Einkaufsmeile befindet sich eine Art Graben mit bunten Artikeln, Spielzeug, Weihnachtsdekoration und allerlei unnützen Zeug. Am Rande des Grabens sitzen die Verkäufer, dahinter reihen sich Geschäfte auf. Im ersten Geschäft gibt es Elektrokram und nach dem bereits bekannten Pokerface, gibt man zu, auch hier Ventilatoren zu verkaufen. Umständlich werden diese ausgepackt und darauf hingewiesen, dass auf jedem Einzelteil, der (mir wiederum unbekannte) Markenname steht und es sich somit um ein Original handelt. Ein Ventilator hat viele Einzelteile. Ricardo will noch schnell Preise vergleichen. Auch im nächsten Geschäft gibt es Deckenventilatoren, hier wird das Pokerface aber durch die weibliche Komponente ersetzt. Die Mitarbeiterin telefoniert konsequent, auf einem Gartenstuhl sitzend. Sie unterbricht ihr Gespräch nur einmal um mit einem Wort die Qualität des Objekts der Begierde zu beurteilen: „excellente!“ Ein anderes Pokerface erklärt sich bereit, den Ventilator zu demonstrieren. Zu diesem Zweck schaltet er das Licht im Verkaufsraum ein und wieder aus, ohne dass ich spürbar merken würde, dass die Luft so mehr oder weniger in Bewegung wäre. Die Installation sieht aber abenteuerlich aus, ein wahres Alleinstellungsmerkmal für das Geschäft, das auch den Anbring-Service durch geschultes Personal verkaufen möchte.

Marktmeile Santa Marta

Einkaufsmeile in Santa Marta: im Graben Klüngel, daneben Verkäufer, dahinter Geschäfte, drumherum Verkäufer mit Generatorenwagen

Kokosunusverkäufer

Kokosnussverkäufer. Trotz offensichtlich vorhandenem Stromnetz, hat er einen Generator für laute Musik. Steigert den Umsatz.

Man wird sich handelseinig, kann aber nicht mit Karte bezahlen, also wird die nächste Bank aufgesucht. Drei Menschen warten vor uns am Geldautomaten, das sollte doch schnell gehen. Ungefähr so schnell, wie der Hundefutter-Kauf. Denn aus Sicherheitsgründen, kann man an vielen Automaten nur begrenzt Geld abheben. Eine Vorsichtsmaßnahme zum „Millionaire’s Trip“, wie Mies es nennt: man ruft ein Taxi und bekommt auf der Rückbank Gesellschaft von einem netten Herrn mit Knarre, der dich zwingt so lange die Banken der Stadt abzuklappern bis dein Konto leer und die Hosen voll sind. Durch die Beschränkung zur Abhebung, dauert das Vergnügen wenigstens richtig lange und man kann längere Zeit auf Rettung hoffen. So heben viele Kolumbianer mehrmals hintereinander am Automaten mit verschiedenen Karten Geld ab und das dauert. Auch, weil der Automat jedes Mal zu einer Spende an eine lokale Hilfsorganisation auffordert. Mit Weihnachten wird die moralische Druckskala dabei ins unermessliche geöffnet. Vor der Bank tummeln sich Polizisten, was mir ein unbehagliches Gefühl macht. Nicht so den Kolumbianern, Polizeipräsenz ist hier ein Zeichen von Sicherheit, während wir in Europa ja eher verunsichert sind, wenn irgendwo die bewaffnete Hundertschaft wartet.

Nachdem wir „eben“ Geld abgeholt haben, gehen wir zurück zum ersten Geschäft, das die günstigeren Ventilatoren verkauft. Leider hat man jetzt aber nur noch einen. Den kaufen wir und umständlich wird von Hand eine Rechnung ausgefüllt, für den Ricardo seinen Namen viermal buchstabieren muss. Nach kurzer Diskussion wird man sich einig, welches Datum ist. Beim herausreißen aus dem Quittungsblock zerreißt diese und muss geflickt werden. Wir gehen zurück zum ersten Geschäft, wo ein neues Pokerface fragt, was wir wünschen. Endlich identifizieren wir unserer vorherigen Ansprechpartner, der sich sichtlich freut, dass wir nach dem Konkurrenzbesuch doch zurück gekommen sind. Wiederrum werden vor unseren Augen alle Teile einmal aus und wieder eingepackt und kurz erklärt. Der Quittungsblock ist hier zwar stabiler, aber auch hier dauert das buchstabieren des Namens eine gefühlte Hundefutter-Kauflänge. Ich stelle mir vor, ich hätte den Ventilator gekauft, mit „Stadt Sprockhövel“ als Passausstellungs-Behörde wäre das ein lustiger Spaß.

Als alle Einzelteile in Plastikbeuteln verstaut sind, möchte Pokerface 2 alles etwas richten und stellt die Tüte mit Schwung auf den Tresen. Der Tresen ist, weil es sich um ein Elektrofachgeschäft handelt, ein Herd mit Glasabdeckung. Das entstandene Geräusch ist unschön. Erschrocken hebt der Mitarbeiter die Tüte erneut hoch, um sie mit minimal weniger Kraft wieder abzustellen und das Geräusch erinnert diesmal noch mehr als vorher an springendes Glas oder brechende Deckenventilatoren-Einzelteile.

Ohne zu fragen, ob Herd-Ausstellungsstücke gerade im Angebot sind, verlassen wir das Geschäft. Es ist heiß und voll. Neben den vielen Verkäufern tummeln sich etliche Menschen mit kleinen Wagen, die Getränke und Obstschnacks verkaufen. Um alles zu kühlen und Musik dabei abzuspielen, haben die Wagen integrierte Generatoren, die zum Lärm und Gestank sehr zuträglich sind. Die Gerätschaften, zum Kühlen und zur Musikwiedergabe erinnern etwas an selbstgebastelte Bomben, in Europa würde man für sowas den örtlichen Bahnhof sperren. Als wir endlich im Auto sitzen und losfahren wollen, entdeckt Ricardo ein Zoogeschäft und überlegt Mies ein Meerschweinchen zu kaufen, das habe sie schon immer gewollt. In Anbetracht des inzwischen sicherlich zur Unkenntlichkeit zerkochten Mittagessens, verschieben wir den Plan dann doch und fahren zurück nach Hause.

Mies hat alleine gegessen, und obwohl sie mit der Hasta-Manana und Nicht-zu-viel-Planen Mentalität seit Jahren lebt, wundert sie sich doch etwas, wie man über vier Stunden Hundefutter kaufen kann. Es ist Nachmittag geworden und die Karten für die Silvesterparty sind auch noch nicht gekauft. Also fahren Mies und Ricardo zurück nach Santa Martha (20 Minuten höchstens!) nur um vor Ort mitgeteilt zu bekommen, dass anders als im Internet angekündigt, die Karten jetzt 100 statt 50 Euro kosten. Gründe gibt es ebenso wenig wie Aufmerksamkeit, Kategorie Verkäuferin-telefoniert. Die Universität hat inzwischen geschlossen, außerdem müsste man dann ja nochmal durch das Stadtzentrum fahren und ich bin ja blöderweise zu Hause geblieben, weil man ja nur die Karten abholen wollte.

Wir brechen in den Vorort Taganga auf und müssen wieder durch das wuselige Stadtzentrum von Santa Marta. Es ist voll, es wird gehupt und geschimpft, auch wenn keiner etwas für das Chaos in der rasant wachsenden Stadt kann. Als einmal ein Pick-Up von links einscheren will, fragt Mies entrüstet was das solle, es sehe nicht nach einem Notfall aus. Interessiert frage ich, wie ein Notfall aussieht und erfahre, wie sie jemanden vor einigen Wochen die Vorfahrt gewehrt haben, der einen angeschossenen Beifahrer transportierte. Memo: Vorfahrt hat, wer die schwerer verwundeten Menschen im Auto hat! Pünktlich fünf Minuten nach einsetzen des im Lonely Planet umschwärmten Sonnenuntergangs erreichen wir Taganga. Bei einem Bier beobachten wir anstatt des Sonnenuntergangs gestrandete Europäer, wie Mies sie nennt. Sehen aus, wie indigene Bergbewohner, die barfuß und in weißen Kleidern manchmal durch die Stadt irren, sind aber hängengebliebene Aussteiger. Doch die beschreibe ich im nächsten Blog. Denn es ist jetzt fast 13 Uhr und heute morgen, als wir zeitig wie immer aufgestanden sind, haben wir beschlossen, nach dem Frühstück gleich zum Strand zu gehen und nachmittags etwas zu Hause an den Computern zu schaffen. Inzwischen habe ich sechs Kaffee getrunken und nicht gefrühstückt, aber in der Küche wird bereits Mittagessen zubereitet. Mies und Ricardo machen irgendetwas, was ich nicht verstehe. Ich glaube sie erwarten (kolumbianische!) Freunde über Silvester, die, für die Partytickets gekauft werden sollten. Da diese ja jetzt plötzlich doppelt so viel kosten, wurden sie gebeten Optionen zu suchen. Es erinnert eher an eine Bachelor-Arbeit, wenn man sich die Informationen, Diagramme und Protokolle der geführten Telefonate anguckt. Aber Mein-Haus-ist-Dein-Haus beinhaltet auch ein rundum Entertainment-Prgramm für angekündigte Gäste und das wird sehr ernst genommen. Auf jeden Fall arbeiten sie konzentriert seit Stunden und jetzt lohnt es sich wahrlich auch nicht mehr, zum Strand zu gehen. Es läuft also wieder alles nach Plan in Santa Marta.

 

taganga sonnenuntergag

Die Sonne ist schon hinter den Bergen verschwunden, der Abend in Taganga ist trotzdem schön.

Ich sende warme Grüße in die ebenfalls warme Heimat. Und schreibe heute nachmittag dann mehr. Ganz bestimmt.

 

 

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