Blog 1: Buenas Tardes, Bogotá!

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Hanna und Bogotá

“Papa Noel non existe!” Samuel ist fünf Jahre alt, wippt von einem Bein auf das andere und nimmt mir jegliche Begeisterung, dass ich mein eingerostetes Spanisch zum ersten Mal erfolgreich angewandt habe. Wann der Weihnachtsmann komme, wollte ich von ihm wissen.

Wir sind in Bogotá, Hauptstadt von Kolumbien und Heimatort von Ricardo, dem Freund meiner Kommilitonin und Freundin Mies, die ich drei Jahre, nachdem sie ausgewandert ist, das erste Mal besuche. Das erste Mal bin ich auf dem amerikanischen Kontinent, Lateinamerika, Karibik.

Fast drei Wochen liegen vor mir. Urlaub, bevor der neue Job beginnt, Abschluss eines nervenaufreibenden Jahres, Reisen, gute Gespräche mit der Freundin, die ich in den letzten drei Jahren nur zu den Beerdigungen ihrer Eltern in Holland und auf Skype gesehen habe.

Natürlich gehört es da dazu, ihre Schwiegerfamilie und Freunde zu treffen. Spannend ist es, endlich ein Gesicht zu den Menschen zu haben, von denen Mies so viel erzählt, die ihr wichtig geworden sind, seit sie nach unserem gemeinsamen Studium beschlossen hat, in Zukunft an der kolumbianischen Karibikküste zu leben.

Im Süden Bogotás, wo offiziell über 10 Millionen Menschen wohnen, liegt der Stadtteil Fontibón. Einfache, aber pragmatische Häuser, viel Herzlichkeit und immerzu hängen finanzielle Probleme in der Luft, der tägliche Kampf, den die Großfamilien führen, mit all ihren Schulgebühren, Lebenshaltungskosten, Steuern und andere Ausgaben.

Hier ist Mies Freund Ricardo aufgewachsen, hier lebt seine Familie und natürlich können Mies und ich die drei Tage bis zum Weiterflug nach Santa Marta (Kolumbien ist drei Mal so groß wie Deutschland!) bei der Familie wohnen. Der kleine Samuel, der die Existenz des Weihnachtsmanns leugnet, ist Ricardos Neffe und auf meine Nachfrage erklärt er, seine Lehrerin habe den Kindern verraten, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gebe. Ganz überzeugt scheint der kleine Kerl aber nicht zu sein, denn etwas unsicher ist er schon, als er fragt, ob die Lehrerin doch Unrecht haben könnte. Pädagogisch sehr wertvoll mache ich ihm klar, dass man nicht alles glauben muss, was man in der Schule lernt und frage ihn, ob er denn keine Geschenke erwarte.

Samuel gibt zu, dass er nicht glaube, dass es den Weihnachtsmann gibt, aber am 25. Dezember verhalte sich die Sache dann doch eventuell anders. Erleichtert und etwas übermotiviert von der Tatsache, dass die Kommunikation so gut klappt, frage ich ihn, wie der Weihnachtsmann denn ins Haus komme. Diese Mär ist offensichtlich auf der ganzen Welt gleich, und auch das Wort für Kamin erkenne ich mit Leichtigkeit und schon schnappt die Kinderfalle wieder zu. Als ich Samuel frage, wo denn wohl der Kamin sei, fällt auch dem kecken 5-jährigen auf, dass es in dem Haus gar keinen gibt.

Es ist wirklich gut, dass ich keine Lehrerin oder Erzieherin geworden bin. Als ich Mies im März das letzte Mal gesehen habe, damals war sie sechs Wochen in Holland, weil der Vater gestorben war, verbrachte ich die meiste Zeit mit ihr dort. An einem Tag begleitete ich die Nachbarin und Freundin der Familie in die örtliche Grundschule. Voll der Neugier lernte ich das Grundschulsystem der Niederlande kennen, das Kindergarten ab 4 Jahren freiwillig und ab 5 Jahren mit der Grundschule verpflichtend vereint. Als die Lehrerin kurz den Gruppenraum verlies und mich bat, ein Auge auf die Kinder zu haben, war ich sicher die Situation handeln zu können. Als Letty damals nach 5 Minuten wieder kam, war das Zimmer voller Blut, weil der eine Zwerg dem anderen einen auf die Nase gegeben hatte. Den Täter habe ich im Affekt auf Deutsch angepammt, worauf hin dieser anfing zu heulen.

In der niederländischen Basisschool

Das Buch hatte ich als Kind auf Deutsch!

Es war der Tag der partiellen Sonnenfinsternis in Europa und in der Frühstückspause standen wir im Hof und starrten in den Wolkenhimmel, um ab und an einen Blick auf die Sonne zu erhaschen. Anders als in Deutschland, wo in der gesamten Woche davon Verhaltensrichtlinien durch die Presse gingen, nach denen Kinder ohne Schutzbrille am besten im Klassenraum und die Vorhänge geschlossen bleiben, waren die niederländischen Lehrer entspannter und hielten die Kinder nur an, nicht zu lange direkt in die Sonne zu gucken. Übertriebene Hysterie in Deutschland oder haben in 15 Jahren eine ganze Generation von Niederländern eine Netzhautablösung? Vermutlich wird sich das nie klären, denn die Wolken verhinderten ohnehin den direkten Blick. Trotzdem folgte ich dem Beispiel der niederländischen Lehrer und ermahnte Kinder nicht direkt in die Sonne zu gucken. Eine altkluge 4-jährige machte mich schließlich darauf aufmerksam, dass ich genau das selber tat und verlangte von mir eine Erklärung für eine Sonnenfinsternis. In meinem besten ik-wil-graag-een-frikanel-Holländisch versuchte ich das Naturphänomen zu erklären und erntete nur verständnislose Blicke. Als der Zwerg mit der blutigen Nase später abgeholt wurde, versteckte ich mich vorsichtshalber vor der Mutter und beschloss, lieber keine Kindergartentante mehr zu werden.

Wie Sie sehen, sehen Sie nichts

Sonnenfinsternis in Bussum

Mit dem gleichen linguistischen Geschick von damals, nur jetzt auf Vamos-a-la-playa-Spanisch, versuchte ich nun Samuel eine Alternativerklärung zum Kamin anzubieten. Papa Noel habe so etwas wie einen Generalschlüssel und komme deshalb auch in die Häuser ohne Kamin. Seinem Blick nach zu urteilen, glaubt er seiner Lehrerin doch mehr als mir. Der Gedanke eines Generalschlüssels scheint in Kolumbien, wo die Kriminalität im Alltag der Menschen schon sehr präsent ist, eher erschreckend als pragmatisch zu wirken.

Dabei lief meine Kommunikation mit den Kolumbianern bisher gar nicht so schlecht. Elf Stunden lang dauert der Flug von Amsterdam und 11 Stunden lang haben meine Sitznachbarinnen und ich es geschafft uns anzuschweigen. Flüge sind schon eine merkwürdige Angelegenheit. Was ist eigentlich so schwer daran, sich kurz vorzustellen, oder Smalltalk zu halten, wenn man sich einen Tag lang einen Quadratmeter Platz teilt? Erfreulicherweise hielt das Bordprogramm die gesamte dritte Staffel ‚Game of Thrones‘ parat, sodass man sämtliche soziale Interaktion vermeiden konnte. Ob die Menschen eigentlich wissen, dass man auf dem Weg von der Toilette sehen kann, wer die Board-Monitore nutzt um Shades of Grey zu gucken? Das tun viele.

So ist meine erste Begegnung mit der Sprache, die ich in der Uni drei Jahre lang gelernt habe, mit der Dame am Einreiseschalter. Allen meinen Vorurteilen entsprechend, erneuert die Beamtin erst einmal kurz ihr Make-Up und telefoniert, bevor sie mir bedeutet, zum Einreise-Interview vorzutreten:

“Buenas Noches!”

“Hola!”

Die erste Frage beantworte ich souverän und offensichtlich richtig:

“Tourisme?”

“Sí!”

Bei der zweiten Frage handelt es sich offenbar um eine Fangfrage:

“Hotel?”

“No, Gracias!” antworte ich freundlich und an ihrer Reaktion merke ich, dass die nette Dame mir gar keine Unterkunft anbietet, sondern wissen will, wo ich meine Zeit verbringe. Sie wiederholt die Frage und ich stammele zusammen, dass ich meine Freundin besuche. Nach einer längeren Abhandlung über Mies und Ricardo und die Tatsache, dass ich außer dem Namen der Stadt eigentlich auch nicht so genau weiß, wo ich wohnen werde, notiert sich die Dame, die offenbar nicht in der Hotel-Vermittlung arbeitet, Ricardos Namen aus meinem Handy und ich darf endlich das erste Mal Fuß auf südamerikanischen Boden setzen.

Mies nach über 9 Monaten wiederzusehen ist toll. Als wir uns im März verabschiedeten, schworen wir uns, dass wir uns nicht nur zu Trauerfällen sehen. Trotz Skype, Whats App und Facebook ist nicht immer einfach in Kontakt zu bleiben und einen Besuch dann auch durchzuziehen, ist gar nicht so leicht. Als wir uns nun wieder sehen, vergesse ich fast, dass ich in Kolumbien bin. Mies ist da und es ist wie immer, auch wenn wir uns lange nicht gesehen haben. Nach der Beerdigung ihres Vaters und meinem Jobverlust haben wir Anfang des Jahres unser eigenes Programm zu Ablenkung aufgestellt. Wir haben Ausflüge unternommen und nebenbei alles mögliche geregelt. Wir merken beide sofort, dass es keinen Unterschied macht, ob wir in Den Haag in der Vorlesung, in Bussum in Mies’ Elternhaus, im Skilift in Winterberg, oder eben in Bogotá im Taxi sitzen.

Als wir im Taxi sind, frage ich mich, wie man in dieser riesigen Stadt wohl Adressen findet. In Gambia bedient man sich in der Regel markanter Orte, wie Taxistände oder große Bäume, um einen Ort zu beschreiben. Die Tatsache, dass an jeder Ecke Taxistände und Bäume sind, ist dabei unerheblich.

 

Kolumbien ist da gut aufgestellt. Die komplette Stadt ist praktisch durchnummeriert und in Blöcke und Ecke gegliedert, sodass man einfach vom Zentrum wegzählen, und so sein Ziel schnell finden kann. Außerdem lerne ich den kommenden drei Tagen, dass jeder Taxifahrer mindestens ein Navi und ein Handy und oder Tablet im Auto hat. Diese Technik-Affinität ist gut erklärbar, rufen doch viele Menschen per App ein Taxi, das zufällig in der Nähe ist. Die App teilt dem besorgten Fahrgast im Vorfeld Namen und Nummernschild des Fahrers mit.

Mi Casa es tu casa

Gehört habe ich den Ausdruck für “Mein Haus ist dein Haus” zwar schon in Europa, aber hier wird es praktisch zur Grußformel und geht gefühlt tatsächlich über das deutsche Äquivalent zu “fühl dich ganz wie zu Hause” hinaus. Ich werde ebenso herzlich begrüßt wie Mies selbst, muss gleich die (für unsere Verhältnisse unglaublich kitschige) Weihnachtsdeko bewundern und werde ins Gespräch, (dem ich halberlei folgen kann) eingebunden, als gehöre auch ich zur Familie.

Nach dem langen Flug und für mich immerhin um 1 Uhr nachts müssen wir dringend ein Bier trinken und Ricardos Schwester Martha begleitet uns in eine lokale Bar. Einfache Holzbänke und Tische, große Kühlschränke voller Bierkästen und Preise, die eine positive Bilanz der Kneipe fast unmöglich scheinen lassen, sind ein prima Start in den Urlaub. Nur die überlaute Juke-Box, die ständig mit Münzgeld gefüllt wird, ist etwas anstrengend. Müde und kaum Spanisch verstehend macht der laute Reggeaton fast jede Unterhaltung unmöglich. Außerdem fühle ich mich leicht schwindelig, vermutlich wegen des langen Flugs und der hervorragenden Idee, möglichst viele der kolumbianischen Biere am ersten Abend zu probieren.

wiedersehen

Das erste gemeinsame Bier in Bogotá

Als das Gefühl am nächsten Morgen immer noch nicht weg ist, wird mir klar, dass ich das habe, womit Heike und ich uns letztes Jahr in Georgien unsere Kurzatmigkeit erklärt haben: “Sorche” nennen die Kolumbianer die Höhenkrankheit, die Europäer auf den 2600 Höhenmetern über dem Meeresspiegel befällt. Im Gegenteil zu Georgien, wo wir uns letztendlich eingestehen mussten, dass wir gar nicht so hoch sind und einfach nur keine Kondition haben, sind die Symptome hier in den ersten Tagen normal.

frühstück

Kolumbianisches Frühstück: Suppe mit Spiegeleiern

Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Bus ins Stadtzentrum. Bei über einer Stunde Busfahrt, bekomme ich einen ersten Eindruck, wie riesig Bogota ist, und wie unterschiedlich. Als wir schließlich durchs Zentrum schlendern, fühle ich mich wie einer der Fünf Freunde in der Hörspielfolge vom “im alten Turm”, in dem Autos auf wundersame Weise einen Berg nur hochschleichen können, als halte sie etwas zurück. Die Fünf Freunde finden schließlich raus, dass in dem Berg ein seltenes Erzvorkommen Autos magnetisch anzieht und so verlangsamt. Jeder Schritt fühlt sich an, als habe ich Gewichte an den Füßen. Wir atmen nach wenigen Schritten wie nach einem Marathon und  als wir einige Treppenstufen zu Mies’ Universität hochgeschlichen sind, müssen wir beide unter den bemitleidenden Blicken der Kolumbianer pausieren.

Auch Mies, die die meiste Zeit an der Küste lebt, spürt die Höhenmeter. Da Reiseführer in diesem Fall empfehlen viel zu trinken, ruhen wir bei drei Bier aus. Diese werden uns in Tassen serviert, weil man in der Öffentlichkeit nicht trinken darf, und dazu gehören auch Terrassen von Kneipen.

Bier in Tassen

Kein Alkohol in der Öffentlichkeit, auch nicht vor der Kneipe. Deshalb sieht das Bier eben aus wie Kaffee

Bogota Center

Platz in Bogotá

Touristisch hat Bogota nicht überragend viel zu bieten, aber die Seilbahn, die auf den Berg Monserrate (Nicht Masarati, wie ich fälschlicherweise verstehe) führt, ist sehr beliebt. Auf dem Weg zur Talstation wird deutlich, dass Bogotá nicht Oberhausen ist. An der ersten Ecke erzählt Mies mir, wie ihr Computer genau dort gestohlen wurde, immer wieder ermahnt sich mich auf meine Sachen aufzupassen. Überall stehen Polizisten mit Hunden und obwohl alles freundlich und sicher aussieht, vergewissert sich Mies, die seit drei Jahren hier lebt, mehrmals bei Passanten oder Polizisten, ob der Weg zur Bahn sicher sei. Ein älterer Herr begleitet uns den halben Weg. Obwohl Mies fließend Spanisch spreche, findet er, wir sähen einfach wie Touristen aus, und er könne es nicht ertragen, wenn uns etwas passiere, nachdem wir ihn nach dem Weg gefragt haben. Er behauptet auch ohnehin in die gleiche Richtung zu müssen, doch als die Bahnstation in Sichtweite ist, kehrt er um. Die Kolumbianer wissen um die Kriminalität und Gefahr, die von einigen Landsleuten ausgeht, die “Anständigen” geben sich daher besonders Mühe, freundlich zu sein und zu helfen.

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Wer noch nicht die Höhenkrankheit/Soroche hat, bekommt sie auf dem Berg Monserrate

Die Seilbahn bringt uns in wenigen Minuten auf über 3200 Höhenmeter, doch die Aussicht von dem Berg entschädigt für den leichten Schwindel, die Kopfschmerzen und die Kurzatmigkeit. Ein Wahnsinnsblick über die City, die nirgends zu enden scheint. Ganz oben auf dem Berg steht -natürlich- eine Kirche. Darin findet sich, wie eigentlich in allen Gebäuden im Dezember, eine Weihnachtskrippe. Sehr liebevoll um den Altar drapiert, bewegen sich die einzelnen Figuren sogar. Der Kitsch-Faktor hält sich hier fast in Grenzen, aber in einigen Häusern sieht man vor lauter Blicklichter die Plastikbäume darunter nicht mehr.

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Panormafoto von Bogota aus über 3000 Metern Höhe

Selfie Monserate

Selfie mit Teilen Bogotas im Hintergrund auf dem Berg Monserrate

 

Krippe Bogota

Krippe in der Kirche auf dem Berg. Die einzelnen Figuren bewegen sich

 

Nach der Abfahrt treffen wir einen Uni-Freund von Mies. Nestor ist 24 und hat bereits einen Master in Menschenrecht. Er ist schwul und schreibt seine Master-Arbeit über Homosexuelle in Kolumbien und deren Stellung in der Verfassung offiziell und der Gesellschaft tatsächlich. Vielleicht schreibe ich später einen eigenen Beitrag über ihn, wirklich ein beeindruckender junger Mann. Er hat mir gesagt, dass ich alles schreiben darf, was er erzählt hat, aber erwähnen soll, dass er noch zu haben ist.

Aguadiete

In Mexiko trinkt man Tequila, in Kolumbien Aguardiente

mit nestor

Einführung in die Alkohol-Kultur mit Mies und Nestor

Außer über Menschenrechte, kann Nestor ziemlich gut über die lokale Kultur und die Getränke informieren und schnell bleibt es nicht beim Bier, sondern es kommt Aguardiente hinzu. Das ist das kolumbianische Pendent zu Tequila, wird immer und viel und gerne getrunken und schmeckt etwas wie Raki und hat einen ähnlichen Effekt. Es ist keine 21 Uhr als die Flasche leer und wir mehr als voll sind. Per UBER ruft Nestor ein Taxi und wir fahren zu ihm. Ob er seine Mutter vorgewarnt hat, oder die Gastfreundlichkeit einfach keine Überraschungsmomente zulässt, ich weiß es nicht. Nestors Mutter bittet uns herein und scheint sich ehrlich über die Schnapsleichen in ihrem Haus zu freuen. Auf den ersten Blick wirkt die Familie fast gut situiert, ein riesiger Fernseher dominiert das geschmackvolle Wohnzimmer. Nach einer Runde Uno mit Nestors kleinen Geschwistern fällt mir die Nähmaschine in der Küche auf. Das hier ist kein Hobby, Nestors Mutter ist Näherin. Bis zu 48 Paar Schuhe näht sich am Tag zusammen, immer die gleichen Stiche und Abläufe, alles bis auf die Sohle bringt sie zusammen. Die Schuhe sehen aus wie Nikes, heißen aber Elite. Bis spät am Abend näht sie und am nächsten Morgen höre ich vor 6 Uhr wieder das gleichmäßige Rattern.

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Hier werden Schuhe hergestellt

Mit 15 ist sie aus einer entlegenen Provinz in die Hauptstadt geflohen, heute spricht man von über 1 Millionen “internally displaced people” (Binnenflüchtlinge) im Großraum Bogotas. Menschen auf der Flucht vor einem komplexen, bewaffneten Konflikt, Korruption, Rebellen und Gewalt. Enteignungen standen lange auf der Tagesordnung und heute ist zwar offiziell Ruhe eingekehrt, aber keiner traut sich Ansprüche zu erheben, sein altes Haus oder Land zurück zubekommen, weil die Angst so groß ist, dass der Ansprechpartner bei der zuständigen Behörde korrupt oder in die Enteignung gar involviert war. Die meisten dieser Menschen leben in den Bergen um Bogota, und wer nicht aus der Gegend ist, ist gut beraten diese nicht zu betreten, das gilt natürlich besonders für uns.

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So leben schätzungsweise rund 1 Millionen Binnenvertriebene am Rande Bogotas. Das Bild habe nicht ich gemacht, die Gegend ist für Touristen zu gefährlich.

Nestors Mutter hat es geschafft Fuß zu fassen, aber sie arbeitet hart für den Lebensunterhalt für sich und vier Kinder. Die Näharbeiten an den Schuhen sind beeindruckend. Mit einem Nagel und Hammer schlägt sie die Löcher für die Schnürsenkel in das Kunstleder, klebt hier, näht da. Ist eine Ladung fertig, bringt sie diese zur Firma und holt direkt neues Material. Nestor ist der erste seiner Familie, der studiert und hat in seinem Zimmer ein riesiges Regal mit Büchern von Goethe, Schiller und Tolstoi. Er hilft seiner Mutter, wo er nur kann und kocht an den Wochenenden das Mittagessen und kümmert sich um die Kinder. Er besteht darauf, dass wir bis zum Essen bleiben am nächsten Tag.

Um 6 Uhr sind wir wach, ich weil ich noch immer einen Jetlag habe, Mies, weil sie immer so früh aufsteht und Nestor, weil wir uns so laut unterhalten. Obwohl Kolumbianer sehr viel wert auf ihr Aussehen legen (laut Mies unterzieht sich mindestens die Hälfte aller Frauen Schönheits-OPs) ist es auch völlig akzeptiert in der eigenen Nachbarschaft im Schlafanzug schnell einen Kaffee zu trinken. So sitzen wir bald an der nächsten Straßenecke und ich weiß immer noch nicht ganz, wie mir geschieht. Ich bin erst zwei Tage da und habe schon so viele Menschen und Lebensweisen kennengelernt!

Im Land der Fleisch- und Eierliebhaber

Schon in Fontibón ist mir aufgefallen, dass Metzgereien sehr präsent sind. In den riesigen Glastheken stapeln sich Schweinebeine, Rindermägen und ganze Hühner. Innerhalb eines Straßenzuges zähle ich drei Metzger und auch das kleine Lädchen an der Ecke hat eine für hiesige Verhältnisse kleine Fleischabteilung.

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Ein Paradis für Vegetarier ist Kolumbien wahrlich nicht

In der Metzgerei, in der Nestor für das Mittagessen einkauft, hängen an den Wänden Bilder von -natürlich- Fleisch und an den gegenüberliegenden Wänden befinden sich Spiegel, vermutlich um die Fleischmassen noch mehr erscheinen zu lassen. Ich bin wahrlich kein Vegetarier und den Anblick von rohem Fleisch gewohnt, aber das ist wirklich… beeindruckend. Das Rindfleisch wird gekocht und anschließend kommt jede Menge Gemüse und Koriander hinzu. Das schmeckt wie in Vietnam, geht schnell und ist super lecker. Außerdem vertreibt es den Aguardiente-Kater vollständig, der ja eigentlich gar keiner ist, sondern Höhenkrankheit.

Nestors Suppe

Nestors Suppe

Neben Fleisch gibt es eine andere kulinarische Leidenschaft der Kolumbianer: Eier. Zum Frühstück oder zwischendurch, in jedem Haushalt steht mindestens eine Palette.

 

Mit einem Taxi fahren wir zurück zu Ricardos Familie. Die spontane Übernachtung bei Nestor statt in Fontibón hat uns keiner übelgenommen, aber wir trinken gemeinsam einen Kaffee in unserer “Stammbäckerei” der Straße. Es ist ein bisschen wie nach Hause kommen, nach nur einem Tag aber so vielen Eindrücken. Das Spanisch fällt mir immer leichter und ich kann schon kleine Geschichten erzählen oder mich über die vielen, bunten Kekse in der Bäckerei amüsieren, die außer aus Farbstoff nur aus Zucker bestehen. Ich weiß nicht, ob es Absicht ist, oder die Massenproduktion, aber jeder einzelne hat ein Gesicht, das anders aussieht und wir machen uns einen Spaß daraus, den Keksen Gefühle anzudichten.

Psychopath Cookies

Emotionen auf Spanisch lernen: Viel Farbstoff und noch mehr Zucker machen es möglich

Noch etwas geschafft von dem bisherigen Programm, schlägt Mies vor, eine weitere Familie zu besuchen. Hier hat sie zwei Jahre lang je eine Woche im Monat zum Studieren verbracht. Der eigene Sohn lebt in Frankreich und sein Zimmer bewohnt nun Mies, ursprünglich zur Untermiete, heute nennt die Mutter Mies liebevoll Tochter und freut sich immer sehr, wenn sie da ist. Die sozialen Unterschiede werden deutlich. Eine weitere Taxifahrt von 45 Minuten und 5 Euro später haben wir das einfache, aber herzliche Fontibón verlassen und stehen vor einem Apartment – Komplex. Ein Sicherheitsmensch öffnet die Tür und trägt meinen Koffer nach oben, in eine Wohnung, die an gewöhnungsbedürftiger Weihnachtsdekoration nicht zu übertreffen ist, und so ganz anders ist, als die bisherigen Bleiben.

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Kaum zu glauben: Unter der Deko ist noch ein Baum

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Mein Gastgeschenk kommt super an und ist eine gute Ergänzung zur Deko

Hier wohnen die reicheren Kolumbianer und der Kontrast zu den letzten Tagen ist extrem. Wir bleiben nur kurz und verabreden uns für den Abend mit Freunden von Mies. Mit zwei Sixpacks Bier ausgestattet nehmen wir ein weiteres Taxi und fahren durch eine Stadt, die eine andere zu sein scheint, als die vom Vortag. Große Hotels, alles hell erleuchtet, eingezäunte Gebäude, Geschäfte, Shopping Center. Auch Mies‘ Kommilitone wohnt in einem Gebäude mit eigener Security und wir müssen uns am Empfang anmelden und werden angekündigt, bevor wir eintreten dürfen. Im 26. Stock befindet sich das Appartement und der Blick auf das nächtliche Bogota ist überwältigend.

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Blick über Bogota bei Nacht aus dem Panoramafester

Rund 1000 Euro bezahlen die drei Bewohner für die Bude, bei durchschnittlichen Kolumbianern beträgt ein Nettomonatsgehalt rund 200 Euro. Hier wird deutlich, dass Kolumbien bis heute eins der Länder mit der größten sozialen Ungleichheit der Welt ist. Ähnliches kenne ich nur aus Angola, aber da hatte ich nicht innerhalb von zwei Tagen so viele persönliche, private Einblicke. Während die meisten Kolumbianer, die ich bis dahin kennengelernt habe, oftmals noch nie das Land verlassen haben, sind die Jungs hier richtig reiselustig.

Der eine war zur WM in Brasilien, weil es keine Karten gab, hat man “nur” eine Rundreise gemacht.

Der andere war beim Tomorrowland-Festival in Belgien. Aus Erzählungen weiß ich, wie schwer es ist, an Karten zu kommen bzw. dass auf dem Schwarzmarkt bis zu 1000 Euro für die begehrten Karten auf den Tisch gelegt werden. Es wird ein unglaublich lustiger Abend, für mich auch, weil alle Anwesenden zweisprachige Schulen besucht oder in den USA gelebt haben. So kann ich den Unterhaltungen auch ohne Mies‘ Übersetzungen folgen. Als zwischendurch das Bier ausgeht und allen der Sinn nach einer Pizza steht, wird diese kurzerhand bestellt und geliefert. Dank Aguardiente ufert auch dieser Abend letztendlich etwas aus und es ist schon wieder hell, als wir ohne viel Schlaf die bewährte Anti-Kater (Anti-Höhenkrankheit) Suppe zu uns nehmen.

An warmes Frühstück kann ich mich gewöhnen. Super und Tamal

An warmes Frühstück kann ich mich gewöhnen. Suppe und „Tamal“ (klingt wie ein Schmerzmittel, ich weiß)

Dieser Teil der Stadt erinnert eher an eine südeuropäische Stadt und es bleibt ein merkwürdiges Gefühl, wenn man zu den Bergen in der Ferne blickt, wo ein Großteil der rund eine Millionen vom Konflikt vertriebenen Menschen lebt.

Ein Sohn der Familie, wo Mies während ihrer Studienzeit gelebt hat, ist Arzt. Er erzählt ein paar Anekdoten aus seinem Berufsalltag, die oft an Geschichten erinnern, die ich von deutschen Ärzten und Pflegern kenne, während er meine sonnenverbrannten Arme mit Fensitil einschmiert. Dank der Höhe ist Bogota zwar kühl, aber die Sonne steht natürlich trotzdem senkrecht am Himmel und hat mich erwischt. Außerdem bietet er uns einen Anti- Dehydrationsdrink an, Alkohol und exzessives Feiern ist hier kulturell ziemlich akzeptiert.

Nach diesem Programm, bei dem ich das Gefühl habe, in drei Tagen Mies Leben in Bogota von drei Jahren kennengelernt habe, lassen wir uns erschöpft zum Flughafen bringen. Der nächste Stop und der nächste Blog sind Santa Marta. Gut 1000 Kilometer nördlich von der Hauptstadt, Karibikküste und keine Höhenkrankheit erwarten uns – Urlaub, den ich gut gebrauchen kann nach diesen vielen Eindrücken.

Grüße – und Hände weg vom Aguardiente. Das ist fast so schlimm, wie Rhabarberschnaps. Ich melde mich aus der Karibik.

 

Noch nicht genug? Dann lasse ich ein bisschen die Bilder sprechen, statt die Worte! Freue mich über viele Leser. Stay tuned.

Ein Gedanke zu “Blog 1: Buenas Tardes, Bogotá!

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