Weihnachtsfeiern und deren mediale Ausschlachtung

Alle Jahre wieder…

werden Winter-Weihnachtslöcher besonders in Online-Medien mit Geschichten rund um die Betriebs-Weihnachtsfeier gestopft. Besonders beliebt sind dabei immer Ratschläge, wie dass man sich nicht bis zur Peinlichkeit betrinken sollte und das große Thema Anbändeln. Im vergangenen Jahr beeindruckte mich besonders ein Artikel der NRZ, der eine (angeblich wissenschaftlich fundierte) Statistik zitierte, wonach sich weibliche Angestellte am meisten ein kleines Stelldichein mit einem höher positionierten Vorgesetzten oder gar dem Chef (natürlich im Büro auf dem Schreibtisch) wünschen. Derweil liebäugeln die Herren der Schöpfung demnach eher auf der gleichen Abteilungsebene. 

Wie recherchiert man sowas? Befragt man Angestellte mit anonymen Fragenbögen? 1) Geschlecht 2) Können Sie sich Seitensprünge bei der Weihnachtsfeier vorstellen? 3) Flirten/schlafen Sie mit Menschen, die sie attraktiv finden? Wenn Sie „ja“ ankreuzen, können Sie leider nicht weiter an unserer Befragung teilnehmen. Wenn „nein“ geht’s direkt zu Frage 4) Sollte ihr Kollege die gleiche Position wie Sie innehaben oder ein Vorgesetzter sein?

Im vergangenen Jahr vermutete ich, dass das einzig wissenschaftlich fundierte an diesem Artikel Vorurteile waren, die bedient wurden. Auf der Weihnachtsfeier flirten – klar, wir sind ja alle ausgelassen, kommen total informell zusammen und spätestens nach dem 17.Glühwein haben sich alle einander schön gesoffen und weil man mit den meisten Kollegen oft mehr Zeit als mit dem Partner und den Kindern verbringt, fehlt  ja ohnehin kaum was bis zum Techtelmechtel, da bietet sich die Geselligkeit des Abends im Advent bei Kerzenschein und Zimtduft ja ganz hervorragend an. Dass Büro-Affären auf Chefschreibtischen ausgetragen werden,versteht sich dabei natürlich ebenfalls von selbst. Bleibt diese Theorie, dass Frauen einen höherpositionierten Kollegen bevorzugen und Männer eher die Kollegin aus dem Nachbarbüro. (Wenn das tatsächlich so verallgemeinernd gesagt werden kann, dürfte es ja gar nicht mehr zu Weihnachtsfeieraffären kommen, gehtj a irgendwie nicht auf das Spiel…) Hat man dafür wenigstens ein paar verschämte Sündige befragt? Oder stützt sich diese Theorie rund um den schönen Begriff „hochschlafen“ und unterstellt den Weihnachtsfeierteilnehmerinnen direkt Karriereabsichten beider Akrobatik zwischen Tastatur und Unterschriftenmappe, während die Männer(weil sie das natürlich nicht nötig haben) ganz entspannt auf Augenhöhe rumturteln können?

Leider hab ich den Artikel auch nicht mehr, aber ich wurde heute, durch ein mindestens genauso spannendes Dokument daran erinnert. Denn GMX gibt  seinen Mailnutzern „Tipps für den Tag danach“mit auf den Weg. Die fünf gängigsten Weihnachtsfeier-Fauxpas werden hier beschrieben und abwechselnd von einem „Karrieretrainer“, einem Fachanwalt für Arbeitsrecht, beziehungsweise einem Lebens- und Betriebsfeiererfahrenen GMX-Redakteur kommentiert.

Damit ihr euch nicht durch den ewig langen Artikel quälen müsst, habe ich das Wichtigste für euch zusammengefasst. Die Fehler waren: übermäßiges, peinliches Tanzen, zu viel Privates ausplaudern, über die Arbeit herziehen, den Kollegen mal so richtig sagen, was Sache ist, und (natürlich) mit dem Chef rummachen. (Hier bleibt die NRZ-Statistik unerwähnt. Irrelevant? Wissenschaftlich unbedeutend?)

Ich muss gar nicht (wie GMX) zu jedem einzeln Stellung beziehen, dann eigentlich ist das ganz einfach: der Karriereberater rät stets zum offenen Gespräch unter vier Augen am nächsten Werktag. (Heizt die Gerüchteküche bestimmt gar nicht an, wenn man gerad gemeinsam abgestürzt ist, mal gerad das vertrauliche Gespräch hinter geschlossener Tür zu suchen….) Der Anwalt hebt den mahnenden Finger, dass Abmahnungen drohen könnten und der Redakteur zieht bei ganz komplexen Fragestellungen noch ein letzes Ass aus dem Ärmel: einen Knigge-Berater. (Für die Rüpel unter euch: für peinliches Tanzen muss man sich nicht entschuldigen,für wildes Antanzen schon!)

Was würden wir nur ohne GMX tun? Hemmungslos mit dem Chef (Frauen) oder der Kollegin (Männer) schlafen und dann am nächsten Tag das Ganze im Intranet ausdiskutieren? Bei meiner Recherche habe ich dann den alles entscheidenden Tipp doch noch gefunden. Auf der Suche nachdem besagten NRZ-Artikel fand ich nämlich einen sehr ähnlichen Artikel aus der WAZ vor zwei Jahren, da ging es aber um Weihnachtsfeiern in England. Offensichtlich haben wir uns diese erdachte Problematik von der Insel abgeguckt und während wir vor zwei Jahren noch unnütze Statistiken aus England in der deutschen Presse lesen konnten, machen sich die Schreiberlinge des Dichter und Denkervolkes heute ihre ganz eigenen Gedanken. Der wichtigste Ratschlag des „Insel-Knigges“ war jedenfalls am Tag nach den Peinlichkeiten keinesfalls einfach zu Hause zubleiben, sondern auf jeden Fall im Büro aufzukreuzen. Kater merken die lieben Kollegen  und der Chef nämlich gar nicht, und so soll man einfach einen halben Tag Ablage machen und die Welt sieht besser aus. Ob wir Deutschen zu kompliziert sind? Vier-Augen-Gespräche? Abmahnungabwenden? Wenn man doch alle Probleme mit einem halben Tag Aktenablage lösen könnte!

Ich bin jedenfalls gespannt, was uns nächstes Jahr zu diesem Thema ans Herz gelegt wird und wünsche euch allen schöne Betriebs-Weihnachtsfeiern!

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