Vietnam-Blog 2: Leckeres Essen, Neue Kontakte und Lebensretter

Schon wieder Abend. Ob die zweite Nacht ohne das Schlafdefizit vom Vortag bei der Hitze auch so erholsam wird? Sicherlich, denn ich hab schon wieder 100 Eindrücke und wahnsinnig leckeres Essen zu verarbeiten. Aber der Reihe nach.
Am Morgen gab es wieder vietnamesisches Sandwich. Hat nen Namen, kann ich mir aber nicht merken. Der Lonley Planet empfiehlt es auch und Hongo hatte uns auch in Deutschland schon welche geschmiert. (Ich vermute, wie bei so vielem, dass da bei ihr ein Friedensdorfgrundsatz dahinter steckt: Es steht ein Termin den ganzen Tag an, Abfahrt vor Frühstück im Speisesaal gleich grosses Lunchpaket für alle. Läuft. Hatten auch brav alle Socken allebeide an.) Ich weiss nicht, was alles drauf ist, aber es schmeckt super lecker. Was (Press-)Fleischiges, Gemüse, Gurke, Sojasausse im frischen Brötchen – toll.

Während in Gambia das Frühstück für mich in der Regel etwas zu scharf ausfällt und es in Papua ja allles zwischen Fischkoppsuppe und süsses, grünes Brot zum Abgewöhnen am Morgen gibt, könnte ich das Zeug echt bis ultimo essen.

Liebe Kolleginnen im Büro der Frühstücksgemeinschaft: das ist eine wahrlich sinnvolle Ergänzung zu unserem morgendlichen Angebot. Wobei ich rückblickend glaube, dass das Fleischige darauf das Gleiche ist, was Phung uns mal andrehen wollte und das wir vor lauter Ekel-Höflichkeit mit Verweis auf unsere Religion, Schwangerschaft, Weltanschauung abgelehnt hatten.
Nach dem Frühstück ging’s in die City. Also so richtig, weg aus der vertraut gewordenen Gasse rein ins (Reiseführerzitat) pulsierende Leben. Während wir auf den Bus warten, bestaunen wir fluchs einen Tempel, den ich sehr gross und Hong eher klein findet. Da wir den Bus darüber verpassen, quatschen wir ein bisschen mit einem Fahrer dessen Gefährt eine Mischung aus einem halben Motorrad und einer Ladefläche (vorne dran) ist. Gerade wollte ich die abenteuerliche Konstruktion der Benzinzufuhr fotographieren, da fiel mir auf, dass der vermeintliche Geniestreich hier Routine ist: eine Plastikflasche, mit einem Ventil ein Schlauch dran befestigt, versorgt den Motor mit Diesel. Selbst das durch die Ladefläche ersetzte Vorderrad findet Verwendung es stellt aufgeschlitzt und langgezogen die Griffe der Lenkstange dar.
Endlich kommt der Bus. Der Fahrer pfeifft ziemlich unasiatisch einige Halbwüchsige (mit Hello-Kitty-Mundschutz, geil!) an, dass sie – so Hongs Übersetzung – leise sein sollen, er könne sich nicht konzentrieren. Beeindruckend bei dem Strassenverkehr, dabei ist er nach meiner ‚Gross-darf-hupen-und-kriegt-Respekt‘ Theorie doch fein raus.
Im Bus läuft Fernsehen. Ein eigener Sender läuft, ob zur Beruhigung der so aufmüpfigen Jugendlichen oder zu meiner (ich fürchte bei dem Lärm noch immer regelmässig um mein Leben)? Es gibt es zu erst Fische im Wasser. Ich glaube unter Windows 98 war das der Standart Bildschirmschoner) danach kamen Verhaltensregeln fürs Busfahren. Da wurden so Politika zur Diskussion gebracht wie, dass man für Schwangere aufstehen soll (hoch schwangere Frau bedankt sich völlig überrascht bei jungen Rotzlöffel) oder gar ein Rauchverzicht während der Fahrt (armes Schulkind bekommt Asthmaanfall durch Kettenraucher)
Auf dem Markt angekommen gab’s endlich mal wieder Langnasen zu sehen.

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Früchtestand in der größten Markthalle von Saigon

Die Vorurteile aus dem Stereotyp-Reiseführer, die Vietnamesen angeblich gegen uns hegen, wurden gut bestätigt: fettleibige, schwitzende Rothäute schieben sich durch die Gänge und erstehen Ho-Chi-Minh Fanshirts und Kopfbedeckungen, mit denen wohl mindestens die Amerikaner zu Hause Gefühle aus vergangenen Zeiten wecken wollen. Eher am Rand in den sagenumworbenden Strassen-Garküchen hängen leicht verzottelte „Backpacker“ und „Traveller“ rum, die viel zu individuell sind, um hier mitzuwirken. Später soll mir ein Brite, der mich eine halbe Stunde lang vollquatscht, ohne dass ich die Aussage seiner Ansprache verstehen, darauf hinweisen, dass diese Backpacker so sehr damit beschäftigt sein mit anderen Travellern lokales Bier zu saufen und ihre Individualität zu betonen, dass sie gar nicht merken, dass sie in Vietnam sind und keine Vietnamesen kennen. Fand ich etwas gemein und den Typen an sich schräg. Erinnerte mich etwas an meinen ehemaligen Unidozenten Mr Rawal, der mal in einer Vorlesung erzählte, dass er von Kollegen gern mal für Reinigungspersonal gehalten wird, auf Grund seines indischen Aussehens. So ähnlich hab ich das dem Typen erzählt, der mich im Grunde ansprach um mich in zwei Minuten mit zwanzig Vorurteilen zu konfrontieren. Nämlich, dass er auch nicht sehr european aussähe. Das kommentierte er gleich mit einem „you should know better“ meinte dass ich wissen müsste dass auch indisch aussehende Männer echte Europäer sein können. Besonders gefreut hab ich mich über den Hinweis, dass ich als Deutsche aus historischen Gründen alle allemal wissen müsste wie bunt eine Gesellschaft sein kann. Gefreut hätte er sich sicherlich darüber dass eine „bunte Gruppe“ für das Sonderschullehrerkind im politisch korrekten Fall verhaltensoriginell im hämischen Fall homosexuell sind. Kam ich aber nicht mehr zu ihm mitzuteilen, da Hong mich gerade wieder fand, da freuten wir uns alle und konnten uns verabschieden.

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Saigon ist riesig, laut und voller Werbung

Jetzt bin ich zeitlich etwas gesprungen. Nach dem Marktbesuch und einer wenig spektakulären Taxifahrt nach Hause gab es wieder mal ein phänomenales Mittagessen und etwas Pause.

Wahrscheinlich hat mich der indisch aussehende Brite, der so gerne Europäer sein will (aber konsequent betonte dies nicht zu sein, sondern von England und Europa sprach) so beeindruckt und beschäftigt, dass er es in meinen Blog schafft, weil er mit einem seiner 100 Schnellschüsse recht hatte: er sprach mich an, ob ich Deutsche sei. Vermutlich haben mich die super praktischen Tewasandalen verraten. Die sind so praktisch und tropengeeignet, dass ich nach dem Marktbesuch am Morgen bereits eine total Blog- und Asienabenteuergeschichten taugliche Blase hab. Hab ich sonst nie. Ziehe sonst aber auch nie Trekkingsandalen an. Man tut komische Dinge auf Reisen. zumindest den Brustbeutel hab ich mir abgewöhnt (hat wohl mit Bigandis Erfahrungen in Algerciras zu tun). Der Jack Wolfskin Bauchbeutel ist zwar dabei, aber sicher zu Hause.
Nachmittags hab ich also damit verbracht meine Blase zu verarzten. Da man Blasen ja unter keinen Umständen, auch nicht unhygienischen eröffnen soll, scheinen mir Songs Nadeln zum Blutzuckermessen ein geeignetes Werkzeug just das zu tun.  Ausserdem hab ich noch die Nachbarkinder geärgert, die bei meinem blossen Anblick in Tränen ausbrachen. Was dazu wohl der stereotypliebende Brite sagen würde? Sogar Kinder haben Vorurteile!?
Mein Versuch das ganze wenigstens kurzfristig vom Dreck durch festes Schuhwerk zu verschonen, scheiterte kläglich an Hongs Einschätzung, dass alles andere als Sandalen völlig ungeeignetes Schuhwerk sei. Sie kann sehr nachdrücklich sein, wenn es um Klamottenwahl geht.
Abends erkunden wir also nochmals die City. Unsere Gastgeberin fährt uns mit der kleinen Honda einzeln, mich zu erst. So kommt es auch zu der Begegnung mit dem Mann, während ich auf Hong warte, die in der zweiten Rutsche gefahren wird.. Dieser Teil von der Stadt ist schon krass beeindruckend. Riesige Hotels und Shoppingmalls reihen sich aneinander. Voll klimatisiert kauft der geneigte Shearatonresident hier teuerste Parfüme und Ringe. Davor weht die Flagge mit dem gelben Stern auf sozialistenroten Grund und an der Deutschen Bank wurde soeben die Weihnachtsdeko angebracht.

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Saigon im Dezember. Die Filiale der Deutschen Bank ist mit Weihnacht-Deko verziert.

Nach dem Ausflug sitzen wir noch beisammen und planen die nächsten Tage. Wirklich ein straffes Programm haben wir vor, es kommen Züge, Flüge, Busse und Weltwunder (oder solche, die es laut Reiseführer sein sollten) darin vor. Ich freue mich wahnsinnig. „Nur“ der Akklimatisierungseinstiegsaufenthalt ist schon so aufregend, wie wird dann wohl der Rest?
Auch wenn mich meine mangelnde Sprachkenntnisse stören, merke ich doch, dass ich mit den Gastgebern immer mehr ins Gespräch komme. Besonders wenn ich mich überschwenklich fürs multiple Leben retten bei Strasse überqueren bedanke, freuen sich alle auch ohne gemeinsame Sprache. Ich habe mir vorgenommen ähnlich wie andere Extremsportler und Lebensmüde das Spektakel mal zu filmen, wenn ich ohne Herzschlag zweihundert über eine Strasse gehen kann. Dabei sind Ampelphasen übrigens genauso unrelevant wie Zebrastreifen.

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Meine Lebensretterin in vielerlei Hinsicht. Nicht nur die beste Köchin, sondern auch routinierte Langnasen-über-die-Straße-Führerin.

So, alles um mich herum schläft. Auf dem kühlen Fliesenboden übrigens, nur Touristin Hanna liegt auf einer Matratze. Wenn ich Internet hab (Wlan ist hier in der Regel schneller und verbreiteter als in Dinslaken) lade ich jetzt noch alles hoch und freue mich über viele Leser!

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