Ich fahre auf ein Festival und das Handy bleibt zu Hause

Der Grund ist übrigens kein Experiment. Ich esse ja auch nicht sechs Wochen vegan, nur um euch über meine neusten Rezepterkenntnisse oder körperlichen Veränderungen zuzuspammen. Der Grund ist einfach: der Akku beim Handy hält einen knappen Tag und bei fast 100,000 Besuchern hat man sicherlich ganz schnell zwei iPhones im Gedränge. Als bleibt das Teil daheim.

Weltbewegend ist diese Nachricht wohl nicht.  Aber nachdem ich mich seit zwei Wochen mehr mit der Frage beschäftige, ob ich eine Abwesenheitsnotitz für die privaten Mails einrichte oder meinen Mailboxtext ändere, als wie viel Paletten Bier man wohl benötigt, mache ich mir doch meine Gedanken. Nur zum besseren Verständnis, ich werde fünf Tage unterwegs sein. Fünf Tage ohne Handy (naja, morgens kann ich ja doch noch per What’s App Fotos vom gepackten Auto durch die Welt schicken), fünf Tage ohne Facebook, ohne Mails, ohne Erreichbarkeit. Das ist, gelinge gesagt nichts. Welche Mail ist schon so wichtig, dass sich, fünf Tage unbeantwortet, wirklich Auswirkungen hat? Auf der Arbeit ist alles geregelt, die Kollegen haben meine Übergabe und kommen locker ohne mich aus. Jeder ist ersetzbar. Meine Eltern sehen mich manchmal einen ganzen Monat nicht und mit den Freundinnen ist der Stammtischtermin schon bis zum Ende des Jahres geplant – dieses Wochenende ist nicht dabei. Warum also mache ich mir solche Gedanken?

Vielleicht weil ich ans letzte Wochenende denke. Die gute Freundin, und ich nenne den Verwandtheitsgrad nicht, sonst gibt es noch Verstimmungen, war abends mit der gemeinsamen Freundin verabredet. Als sie nachmittags um fünf nicht ans Handy ging, rief die Freundin mich an. Ob man sich sorgen müsse. Ein kurzer Blick auf What’s App gab die letzte Online Aktivität um kurz nach ein Uhr morgens Preis. Skandalös. Das sind ja über 12 Stunden! Da muss etwas passiert sein. Innerhalb weniger Minuten waren eine Handvoll Freunde informiert. Von längst nicht allen habe ich die Nummern, aber genügend geben ihre Nummer auf ihrem Facebook Profil an. Schnell findet sich ein Freund und Zeuge, der weiß: um ein Uhr ging es für sie am Vorabend gen Taxistand. Wieder kurz nach eins. Auf dem Weg zum Taxistand ge-appt und danach nicht mehr? Höchst suspekt. Schnell steht fest: wir fahren hin. Fluchs habe ich den Zweitschlüssel gesucht und rase über die Autobahn. Plötzlich Entwarnung per Threema: „Hi, war den ganzen Tag shoppen. Handy vergessen, fühlte mich ganz nackt so’n paar Stunden ohne – hihi“.

Witzig. Dem ersten Ärger über die flapsige Entwarnung bei der aufrichtigen Sorge, weicht der Zweifel.

Mal ganz im Ernst: die Frau ist über 40. Und wir sorgen uns,weil sie des nachts um eins das letzte Mal bei What’s App online war? Als endgültig die Bilder von den blutspuren- und verwüstunguntersuchenden KTU-Menschen in der Wohnung der Freundin denen Platz machen, in der sie einfach nur in der Innenstadt einige Geschäfte plündert, frage ich mich: ist das normal? Dass wir direkt ein Verbrechen wittern, wenn jemand ein paar Stunden nicht erreichbar sind?

Was passiert, wenn ich jetzt zum Festival fahre? Bricht jemand die Wohnung auf und gibt eine Vermisstenmeldung heraus, wenn man mich nicht vorfindet? Wird das bei Facebook geteilt? Bei der WAZ App? Was geht ab, wenn mein Handy verwaist auf dem Schreibtisch liegt? Muss ich mic habmelden? Für ein paar Tage unterwegs würde ich meine Eltern sonst nicht alarmieren. Doch nach der Aktion letztes Wochenende melde ich mich ordnungsgemäß ab. Das habe ich seit Jahren nicht getan, schließlich war ich über Handy erreichbar. Und übers Festnetz kriegt man mich eh fast nie. Wenn meine Eltern oder Freunde also auf der Suche nach mir sind, rufen sie eh auf dem Handy an. Immer Erreichbar heißt auch weniger Notwendigkeit von Absprachen.

Früher, traf ich mich oft mit Laura im Freibad. Gleich nach Verbotene Liebe, also um 18:22 ging es los, treffen um 18:30 vorm Eingang.Verspätete sich eine, wusste sie, dass die jeweils andere ratlos vor dem Schwimmbad stand, sich wunderte. Heute kommt eine schnelle App. Standort geteilt, kurze Entschuldigung, vielleicht ein Bild von der vollen Straße, fünf Minuten, zehn Minuten zu spät, ganz egal. Jetzt also der Pilotversuch. Das letzte Mal habe ich das 2006 gemacht. Bei einer Jugendbegegnungsreise in Westpapua, Indonesien. Damals gab es in weiten Teilen des Landes höchstens das Satelitentelefon, sonst nichts. Heute sind die Freundinnen und Freunde in Papua aktiver bei Facebook und Blackberrymessenger als ich.

Fünf Tage ohne Handy. Moment das heißt ja auch ohne Kamera. Im Drogeriemarkt hab ich heute eine Einwegkamera erstanden. Für 3,99 Euro gibt es das gute Stück mit 36Bildern und sogar integriertem Blitz inklusive. Erinnerungen werden wach. Legte man früher den Film knapp ein, waren auch 37 Bilder drin, manchmal sogar 38,dann war das letzte aber oft halb und abgeschnitten. Im Geschäft konnte man den Stapel Bilder dann durchgehen, die aussortieren, die verwackelt waren. Hallo? 36 Bilder? Das verknipse ich bei manchem Event in einer halben Stunde. Und jetzt soll das eine knappe Woche reichen?

Kein Blog vom Festivalgelände, keine peinlichen Bilder beim Aufstehen am Nachmittag, keine Live-Schaltung zum Flunkeyball-Turnier, kein Wettrennen, wer mehr Daumen hoch in einer gewissen Zeit bekommt, wenn ein Foto zu zweit gepostet wird.

Ich bin ganz gespannt, wie das wird. Und trage mich mit Fragen rum wie: Hänge ich das Handy die fünf Tage ans Ladegerät, obwohl das vielleicht nicht gut ist, oder riskiere ich Montag heim zu kommen und erstmal Laden zu müssen? Verrückt. Wirklich verrückt. Im wahren Sinne des Wortes. Die eigentliche Frage sollte doch sein: wie kriegen wir die ganzen Paletten möglichst gekühlt zum Campinggelände (Antwort: mit dem Eisklotz in der Styroporbox!)Gibt es wirklich keine MCP Tropfen mehr auf dem Markt? Kann man ernsthaft innerhalb kurzer Tage kurze Hosen und Schneehosen brauchen?

Lange Rede gar kein Sinn: wer bis hier her gelesen hat, bitte nehmt zur Kenntnis, dass ich bis Montag nicht erreichbar bin. Und wen meine Erlebnisse beim letzten Rock am Ring interessieren: Es wird ein Festival Tagebuch geben und nach der Rückkehr und der Entwicklung der Einwegkamera gibtes auch ein digitales Update. Nicht in Echtzeit. Voll un-Generation-Y. Aber mit viel Liebe und Dosenbier geschrieben. Macht’s gut – Schöne Pfingsten!

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