Mbeke mi – Oder warum Menschen aus Gambia flüchten

Kaum ein Wort wird aktuell so oft und so abwertend genutzt wie „Wirtschaftsflüchtling“.  Es scheint sich als ein Synonym für einen Hilfesuchenden zweiter Klasse zu etablieren, weil wir uns anmaßen, Not beurteilen zu können. Ein Beispiel aus Gambia zum Nachdenken – nicht nur für die, die glauben vom Sofa beurteilen zu können, was wahre Not ist.

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Ist diese Szene schon Alltag für uns?

Über 8000 Flüchtlinge seien im letzten Jahr aus Gambia über das Mittelmeer Richtung Italien aufgebrochen, berichtete die Tagesschau jüngst. Aus Gambia? Das kennen Viele aus dem Kreuzworträtsel: „flächenmäßig kleinster Staat Afrikas“. Manche mögen gehört haben, dass es eins der ärmsten Länder der Welt ist. Im Worldfactbook kann man nachlesen, dass von 1000 Kindern, die geboren werden, 65 nicht einmal ein Jahr alt werden. Und wenn ein Mensch heranwächst, so hat er eine Lebenserwartung von etwa 60 Jahren. Auf 1000 Menschen kommt ein verfügbares Krankenhausbett, die Dichte an Ärzten ist auf die Einwohnerzahl gemessen so gering, dass gar kein Wert angegeben werden kann. Zu lächerlich würde die Zahl aussehen. Und dennoch gilt Gambia als sicher. Politisch stabil. Friedlich. Der Präsident regiert seit vielen Jahren mit strenger Hand und nimmt es mit der Demokratie nicht immer ganz so genau. Gambia ist eins der wenigen Länder, das die Todesstrafe ausführt (Erschießungskommando), Homosexuelle werden verfolgt und bestraft und das Staatsoberhaupt selbst behauptet HiV/Aids heilen zu können. Durch Hand auflegen. Wer das nicht glaubt, wie hohe Vertreter der Weltgesundheitsorganisation, muss das Land verlassen. Asyl bekommen dennoch wenig Gambianer, wenn sie es nach Europa schaffen. Denn: “dort herrscht ja kein Krieg!” gambia mapSeit Wochen reiht sich eine Flüchtlingskatastrophe an die nächste. Unvorstellbare Zahlen von ertrunkenen Menschen, die über das Mittelmeer versuchen nach Europa zu kommen und dabei ertrinken, erreichen uns täglich. Und doch sind diese Zahlen kaum zu fassen. Das Schiffsunglück der Titanic von 1912 ist den Menschen bis heute als eins der schrecklichsten der jüngeren Geschichte präsent und mehr als 100 Jahre später sterben ebenso viele Menschen, wie damals in der historischen Unglücksnacht an einem Wochenende. Und sie sterben nicht nur an einem Wochenende, sondern über Wochen.

Hilflosigkeit, Unverständnis oder Betroffenheit erfassen uns. Und immer wieder die Frage nach dem “Warum?”.

In Syrien herrscht noch immer ein schrecklicher Bürgerkrieg. Dass Menschen in einem Land in dem kein Stein mehr auf dem anderen liegt, keine Perspektive sehen verstehen die meisten. Und trotzdem häufen sich traditionell mit steigenden Flüchtlingszahlen auch die fremdenfeindlichen Übergriffe. Altbekannte “das Boot ist voll“ – Sprüche werden neben Phrasen wie “Deutschland kann ja nicht das Sozialamt der Welt sein,” oder “wir können nicht sämtliche Probleme der Welt lösen” gedroschen.

Asylanten-Bullshit-Bingo

Zynische Kommentare über Asylanten und Flüchtlinge im Netz

Es ist erschreckend, wie menschenverachtend viele Kommentare sind und wie salonfähig sie gleichermaßen scheinen. Besonders in den sozialen Netzwerken werden in schöner Regelmäßigkeit Meldungen über in Seenot geratene Flüchtlinge kommentiert, die mehr als zynisch sind. In Erzählungen unserer Eltern und Großeltern über den Holocaust heißt es oft, dass man nicht um das Ausmaß der Vernichtungsmaschinerie gewusst habe. Mangelnde Informationen, Aufklärung, Möglichkeiten. Im Jahr 2015 zieht dieses Argument nicht mehr. Keiner in Europa kann behaupten, nicht zu wissen, was sich auf dem Meer abspielt – oftmals in Sichtweite unserer Sandstrände. Nahezu in Echtzeit ermöglicht uns das Internet an dem unendlichen Leid teilzuhaben. Vom heimischen Sofa sehen wir zu, wie kurz vor dem Tatort die Menschen ertrinken und tun – nichts.

Egal, ob wir Europas Werte in der griechischen Philosophie, dem römischen Recht, dem Christentum oder in der französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) begründet sehen – in Angesicht der Flüchtlingstragöde versagen wir und ich frage mich (als überzeugte und sogar studierte) Europäerin: wofür steht diese Staaten- und Werte(!)gemeinschaft eigentlich noch, wenn wir einfach nur zusehen, wie die Menschen zu Hunderten sterben und ein anonymes Grab im Wasser finden, während im Internet der Mob tobt und statt Trauerschleifen im Profilbild die Überzeugung verbreitet wird, dass dies “endlich eine abschreckende Warnung” sei. europa-werte Natürlich kann nicht ein Einzelner die Problematik lösen. Die Regierungen, die Europäische Union, Hilfsorganisationen sind in der Pflicht. Doch hat auch jeder Einzelne von uns die Pflicht im Angesicht von hunderten Toten kurz innezuhalten und sich zu fragen: wie muss das Leben sein, wenn man in einer Überfahrt über das offene Meer eine größere Perspektive sieht, als in der Heimat. Und das gilt nicht nur für bürgerkriegsgszerrüttete Länder wie Syrien, denn es kommen auch Migranten aus friedlichen Ländern wie dem Senegal oder eben Gambia.

Anfang des Jahres tauchten im Internet Fotos auf. Ein junger Mann, von vielleicht 18, 19 Jahren. In lässiger Kleidung steht er in einem typischen lokalen Compound in Gambia und posiert für die Kamera. Ein weiteres Bild zeigt ihn beim Fischen in einem einfachen Boot. Quer über die Collage steht “Rest In Peace” – denn Balla Cham, so der Name des Jungen, ist zwischen Libyen und Italien auf dem Meer ums Leben gekommen.

Wirtschaftsflüchtling!” rufen die Internetforumstäter und Stammtischexperten abwertend und “selber Schuld, es ist doch bekannt, wie gefährlich die Überfahrt ist.” Beliebt ist auch die Argumentation, dass nur die Flüchtlinge Asyl gewährt bekommen sollten, die es “wirklich” nötig haben.  Politisch verfolgte. Kriegsopfer. In Gambia sind die Menschen doch “nur” arm. Und das noch nicht mal richtig: Balla ist doch auf dem Foto wohlgenährt und die Kopfhörer auf dem Fischfoto zeugen ja zumindest von genügend Reichtum, Musik zu hören. Und wer hat eigentlich das Foto aufgenommen und mit wessen Kamera?

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Balla Cham aus Gambia. Ertrunken im Mittelmeer im April 2015

Doch wer sind wir, über gute oder schlechte Gründe zu flüchten zu urteilen? Klar ist doch eines: Niemand, auch nicht in Gambia, setzt sich zum Spaß in einer altersschwache, überfüllte Piroge, um tagelang ohne Essen und Trinken beim hohem Seegang und wenig Platz in ein fremdes Land zu flüchten. Keiner verlässt seine Heimat und Familie einfach nur so.

Vor drei Jahren bin ich einmal von der Nordbank auf die Südbank in einem kleinen Boot übergesetzt. Die Fähren waren außer Betrieb und es gab keine andere Möglichkeit den Fluss, der an dieser Stelle zugleich die Mündung zum Atlantik ist, zu überqueren. Eine knappe Stunde dauerte die Fahrt damals, immer war Land am Horizont zu sehen und es gab sogar Schwimmwesten für alle. Auch das etwas altersschwache Seil, an dem man den Außenmotor bei Bedarf zurück aus dem Wasser zerren konnte, hielt überraschend gut. (Was passiert wenn der Motor ein paar Sekunden zu lange im Wasser liegen würde, kann man sich vorstellen…) Trotzdem -und ich kann im Gegenteil zu vielen Gambianern schwimmen- blieb ein mulmiges Gefühl bei dieser Bootsfahrt. In Gambia gibt es keinen TÜV und keine Berufsgenossenschaft, die die Seetauglichkeit prüft.

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Eine Stunde Überfahrt an der Mündung zwischen Gambia-River und dem atlantischen Ozean – für mich bereits eine Grenzerfahrung

Ein anderes Mal setze ich mit der großen Autofähre über. Nach Stunden des Wartens am Terminal hieß es schon die Fähre fahre nicht mehr. Zu spät, zu dunkel, zu viel Seegang. Dann aber erreichte ein Trauerzug den Hafen und ein Leichnam musste dringend noch überführt werden. Es floss Geld und die Fähre legte trotz Dunkelheit und Seegang ab. Was ich zunächst lächelnd unter Alltagskorruption verbuchte und mich freute, dass ich noch übersetzen konnte, wurde zur schlimmsten Überfahrt meines Lebens. Gemerkt habe ich das übrigens nicht an den hohen Wellen und an den Passagieren, die die schaukelnden Kleinbusse festhalten mussten, damit diese nicht umfielen. Merkwürdig kam mir die Angelegenheit erst vor, als mir auffiel, dass es so still war auf der Fähre. Wie untypisch für Afrika, normalerweise nutzen die freundlichen Gambianer die Überfahrt für eine gute Unterhaltung, schließlich verirren sich nicht oft Europäer in diesen Teil des Landes. Ein Blick auf das Deck erklärte die Stille. Die anderen Passagiere knieten am Boden und beteten. Ein Mann sprach auf den Kapitän ein, auf Englisch flehte der Mann: “Turn around this ship or you will kill us all tonight.

Warum ich die Ernsthaftigkeit der Situation so spät erkannte? Weil ich in Deutschland groß geworden bin und gelernt habe mich auf Dinge zu verlassen. Wenn ein Schiff fährt, ist es sicher. Die Hafenbehörde hat es im Griff, es gibt Versicherungen, Wartungstermine, Checkhefte. Man wächst in einer Wolke auf, in der einem das Nachdenken abgenommen wird. Ist die Schaukel sicher? Die Leitersprosse fest? Natürlich, wird doch geprüft, es ist doch jemand zuständig, verantwortlich. Und geht doch etwas schief, wie bei dem tragischen Absturz der Germanwings-Maschine vor einigen Wochen, findet sich ein Schuldiger und natürlich wird Schmerzensgeld an die Hinterbliebenen gezahlt. Ist das nicht genug wird es eben in den USA eingeklagt, wo die emotionale Schwere des Vorgangs mit berücksichtigt wird.

Ballas Familie kann nicht klagen. Sie können nicht mal seinen Leichnam beerdigen, denn er wird wohl nie gefunden werden. Und wenn doch, wird es keinen geben, der ihn bergen und in die Heimat überführen wird. Die Mutter wird keinen Ort haben, um ihren Sohn zu weinen.

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Fährüberfahrt in Gambia – an dem Tag war es ruhig. An dem Schreckensabend habe ich keine Fotos gemacht

Die Wahl auf das kleine Boot damals war reiner Zufall. Vom Sand bis zum Boot tragen starke, junge Männer die zahlungsfähigen Passagiere auf ihren Schultern. Mitsamt des Gepäcks tragen sie einen so nah ran, dass man nur noch reinspringen muss, in die Nussschale, die auf dem Wasser tanzt. Die Jacke zum Schutz über den Rucksack, das Handy tief in die Bauchtasche verstaut zum Schutz gegen das Spritzwasser, das ins Bott schwappt, wenn der Steuermann, der jünger ist als ich, direkt in die brechenden Wellen fährt. Ein mulmiges Gefühl hatte ich damals und doch fühlt es sich lachhaft an, im Vergleich zu dem was Menschen auf sich nehmen, wenn sie sich auf den Weg nach Europa machen. Die Boote sind voller und maroder, die Menschen können nicht schwimmen, es ist das richtige, offene Meer und keine Flussmündung und während ich noch mit meinem Handy Videos drehen konnte, können die Menschen in den Booten oft nicht mal einen Notruf absetzen.

Wir waren damals eine knappe Stunde unterwegs, nicht tagelang. Klar ist aber auch, dass kein Europäer die existenziellen Nöte der Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt nachvollziehen kann. Und es spricht eine gehörige Arroganz aus denen, die da “Wirtschaftsflüchtling” rufen. Denn während in Deutschland “Geiz geil ist” und in Amerika das “Streben nach Glückseligkeit” zum Nationalverständnis und amerikanischen Traum gehört, meinen wir auf Menschen in einem der wenigsten entwickelten Länder der Welt hinabblicken und befinden zu können, wann es ihnen gut geht und ab wann sie kein Recht haben sich vom Tellerwäscher zum Millionär wandeln zu wollen. Eine Annahme abgeleitet von einem Foto, das in Form von Anziehsachen, einer Angel und eben Kopfhörern von der Abwesenheit von Not zeugt. Selbst wenn das Foto beweisen würde, dass es Balla ganz gut geht, weil er etwas anzuziehen und keinen Biafra-Bauch und Fliegen in den Augen hat. Hat nicht auch er ein Recht auf Streben nach einem Leben mit weniger Sorgen? Auf 10 Euro in der Tasche? Falls mal jemand aus der Familie krank wird, er heiraten möchte oder er vielleicht eine Schule besuchen möchte? Klar Balla fischt. Aber der eine Fisch ist ein Witz gegen die Tatsache, dass sein Vater und Großvater vermutlich noch von der Fischerei gelebt haben. Doch die Meere vor Westafrika sind längst leergefischt – durch ausländische Profis mit riesigen Schiffen, ermöglicht durch EU-Fischereiabkommen. Die Netze der lokalen Fischer wurden seit Jahren immer leerer und das wenige, was sie noch fangen, lässt sich nicht mehr verkaufen. Die Folge ist, dass  in der patriarchisch-geprägten Gesellschaft, Männer sich nicht mehr um ihre Familien kümmern können. Sie werden um Anerkennung im sozialen Gefüge beraubt.

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Fischmarkt Bakau, an der gambischen Küste. Längst können die Menschen vom Fischfang nicht mehr leben

Ballas Mutter und Großmutter hingegen, wissen noch wie sie früher in den Wäldern der Umgebung Feuerholz sammelten. Doch die Desertifikation, die Ausbreitung der Wüste, eine Folge des Klimawandels, der sicher nicht dem CO2 Fußabdruck der Durchschnittsbevölkerung Gambias geschuldet ist, frisst Jahr um Jahr mehr fruchtbaren Boden. Die Mädchen und Frauen im Land sind gezwungen für Holz und für Wasser immer weiter zu laufen.

Vielleicht hält Ballas Familie auch ein paar magere Hühner. Sicher legen sie nicht jeden Tag ein Ei, so wie Zuchthennen hierzulande es tun. Aber vielleicht ab und an. Und vielleicht kommt auch mal eines in die Suppe, wenn Mensch oder Tier krank ist. Wirklich lohnen tut sich das aber nicht, schon gar nicht, wenn die Familie versuchen würde, die Hühner oder die Eier zu verkaufen. Denn für wenige Euro kann man in jedem Supermarkt in Gambia fette, tiefgekühlte, fertig-ausgenommene Hühner aus Europa kaufen. Das gleiche gilt für Eier. Im entlegenen Shop im Landesinneren wird man pralle Eier finden, die einen niederländischen Prägestempel tragen.

Klar, sind Agrarsubventionen wichtig, um die europäischen Landwirte zu schützen. Aber zu welchem Preis? Dass es günstiger wird Hühnerfleisch 6000 Kilometer nach Gambia zu transportieren und dort zu einem Spottpreis zu verhökern, während die lokalen Bauern das Nachsehen haben? Ist das der Preis, den wir für unseren Platz im globalen Dorf zahlen?

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Kaum was dran, an den gambischen Chicen. Dafür hat es keine 6000 Kilometerreise hinter sich.

Gleichermaßen leben auch die Menschen in den ärmsten Ländern der Welt nicht abgeschottet von der Welt im Busch. Hatte 2006 bei meinem ersten Gambia-Aufenthalt noch kaum jemand auch nur eine Email Adresse, ist heute jeder Gambianer, den ich kenne bei Facebook. Selbst die, von denen ich weiß, dass sie Analphabeten sind oder Arabisch statt Englisch gelernt haben. Was vor zehn Jahren ein einziger Auslandsradiosender auf Mittelwelle vermittelte, bekommen auch die Menschen im afrikanischen Busch heute bei Twitter mit. Und natürlich bekommen sie auch mit, wie Woche für Woche Touristen ins Land kommen, die sich benehmen wie ein Elefant im Porzellanladen. Kulturelle und religiöse Werte ignorieren, halb nackt im öffentlichen Kleinbus fahren, Beziehungen am Rande (und jenseits) der Legalität eingehen, massig Geld im Land und doch nicht bei den Menschen lassen. Und während wir Luxusgüter auf Pump erstehen, Urlaube machen, die wir uns eigentlich gar nicht leisten können und “YOLO – You only live once (du lebst nur einmal)” das Jugendwort des Jahres und Ausdruck einer ganzen Generation ist, blicken die gleichen Menschen verachtend auf Jungs wie Balla und nennen ihn “nur” einen Wirtschaftsflüchtling. Weil auch er teilhaben will, an der einen Welt, von der immer alle sprechen. Für ein kleines bisschen Sicherheit für ihn und seine Familie. Wie lange hat er wohl für die schreckliche Reise gespart. Wie viel Hoffnungen legte seine Familie auf seine Schultern, wie sehr weinte die Mutter als sie ihn verabschiedete. Ob sie ihm die linke Hand gab, wie es bei den Mandinka Sitte ist, wenn man sich für länger verabschiedet? Oder wollte Balla selbst vielleicht gar nicht gehen? Hat die Großfamilie entschieden, der Ältestenrat, wo oft das kollektive Wohl einer Gemeinschaft mehr zählt, als der Wille des Einzelnen? Passte es einfach, dass die Wahl auf den Jungen traf, weil seine familiäre Situation es zu ließ? In einigen Dorfgemeinschaften gibt es ein ungeschriebenes Gesetz: Wer es nach Europa schafft, sorgt dafür, dass jemand aus dem Dorf (kein Verwandter) als nächstes nachkommen kann. Ein gefälschter Pass, Geld für den “Backway to Europe”, die illegale Überfahrt – irgendetwas muss sich jeder einfallen lassen, der selbst in der Schuld eines Anderen steht. So entsteht ein Abhängigkeits- und Verantwortungsgeflecht, das wir kaum nachvollziehen können.

Nein, in Gambia gibt es keinen Krieg. Aber das Land kann vom Tourismus und Erdnussexport einfach nicht leben. Zahlreiche Familien sind von den Geldsendungen aus Europa abhängig. In Internetcafes kommt es immer wieder zu der einen Szene: In die heiße, von Deckenventilatoren bewegte, schwüle Luft ruft jemand plötzlich “I have Western!”. Also hat ein Verwandter aus Europa einen Western Union Code geschickt. Für horrende Transaktionskosten übermittelt der Geldtransfer Service innerhalb von Sekunden harte Euros oder Pfund selbst in endlegende Gebiete. Man braucht kein Konto, um Geld empfangen zu können, keine Meldeadresse. Oft warten die Menschen tagelang, checken immer wieder ihre Mails oder ihren Skype-Account bis endlich die erlösende Zahlenkombination und das Sicherheitswort eintrifft. Riesige Erwartungen lasten auf denen, die es geschafft haben.

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Na, macht’s Klick?

Balla hat es nicht geschafft, wie jeden Tag hunderte Flüchtlinge. Ich kenne in Gambia nur ein Projekt das heißt “No Backway to Europe”. Eine kleine Nichtregierungsorganisation, die jungen Menschen, die “Mbeke mi” (‚die Fahrt durch die Wellen‘ auf Wolof) wagen wollen, eine Option mit einer Ausbildung in der Landwirtschaft bietet. Ich weiß nicht, wie erfolgreich das Projekt ist, aber ich weiß, dass Gambianer, die ihre Heimat sehr lieben, das Land nicht verlassen würden, wäre es lebenswerter. Und so verliert auch die Buschklinik von Jahaly nie ihren Charme für mich. Mitten im Busch, 300 Kilometer entfernt von Hauptstadt, Tourismus, Lärm und der milden Küstenluft, liegt diese einfache und doch moderne Gesundheitsstation. Finanziert durch Spendengelder aus Deutschland, werden die Menschen hier medizinisch versorgt. Im Kindergarten lernen die Jüngsten der Dorfgemeinschaft nicht nur spielerisch Englisch. Sie bekommen zwei warme Mahlzeiten am Tag und habe eine echte Alternative zu der harten Arbeit auf den Reisfeldern, an denen sonst auch die Kinder teilnehmen müssen. Das Gartenprojekt liegt mir besonders am Herzen. Ein paar Brunnen wurden gebaut, die Fläche eingezäunt um Tiere fernzuhalten, Saatgut und Dünger verteilt. Das reichte den Frauen aus dem Dorf um einen Kollektivgarten zu etablieren. Von den Verkäufen erweitern die nicht nur den heimischen Speiseplan. Auf dem nahen Wochenmarkt verkaufen sie die Überschüsse, die nach gambischer Tradition allein der Frau gehören, während sich der Mann um alle täglichen Belange der Familie kümmern muss.

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Die Buschklinik in Jahaly. Einfach, funktional, sauber

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Im Garten der Frauen – eine grüne Oase im staubigen Landesinneren

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Kindergarten in Gambia – spielend lernen die Kinder Englisch statt auf den Reisfeldern zu arbeiten

Meiner Überzeugung nach müssen zwei Dinge ganz dringend passieren: die EU muss umgehend aufhören die heimische Landwirtschaft und die lokalen, ohnehin schwachen Ökonomien zusätzlich kaputt zu machen, in dem hier subventionierte Produkte auf den Markt gespült werden, in dem Land geraubt und Meere leergefischt werden. Stattdessen müssen Perspektiven und Arbeitsplätze im Land geschaffen werden, die das Leben lebenswert machen. Gleichermaßen muss das große Sterben im Mittelmeer aufhören. Das Argument darf sich nicht etablieren, dass gerettete Flüchtlinge nur weitere ermutigen den selben Schritt zu tun. Auch (oder gerade) angesichts unvorstellbar vieler Menschenleben, die die illegalisierte Einwanderung Tag für Tag fordert, darf ein verlorenes Menschenleben vor Lampedusa niemals weniger wertgeschätzt werden, als eines in den französischen Alpen. Der SPIEGEL schrieb dieser Tage: „Möglicherweise werden sich in 20 Jahren Gerichte oder Historiker mit dieser dunklen Zeit beschäftigen. Und nicht nur die Politiker in Brüssel, Berlin und Paris, sondern auch wir Bürger werden uns die Frage gefallen lassen müssen, was wir damals eigentlich unternommen haben gegen die Barbarei in unser aller Namen.“ Diese Vorstellung macht mir Angst.

Übrigens: Wenn ihr die Projekthilfe Gambia unterstützen möchtet: http://www.buschklinik.de Über 99% der Spenden fließen direkt in das Projekt! Wer es ganz eilig hat zu helfen: Sparkasse Hattingen – IBAN: DE20 4305 1040 0000 0509 63   Natürlich gibt es auch eine Spendenquittung!

Ein Gedanke zu “Mbeke mi – Oder warum Menschen aus Gambia flüchten

  1. Oh mein Gott, die bedauernswerten Flüchtlinge haben nicht solch naive Fürsprecher verdient. Mit solchem Kleinmädchen-Geschwätz schadet man den Flüchtlingen mehr als man nützt. Gut gemeint ist eben selten gut gemacht.

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