Georgien – Blog 3: Von Marco Polo, Skiliften mit Hindernissen und wieder jeder Menge Alkohol

Ich hatte mir vorgenommen, heute einmal weder über the red wine noch über sonstigem Alkohol zu schreiben, denn die Weihnachtstelefonate mit meiner Mutter klangen wie die Vorstufe zu Ich-habe-dich-schonmal-in-der-Suchtklinik-angemeldet.  Auch meine Eltern lesen meinen Blog. Leider kann man sich in diesem Land dem Trinken einfach nicht entziehen. Wirklich nicht. Um das zu erklären, schildere ich unseren heutigen Gang zur Skipiste. Laut Google Maps sind es von unserer Hoteltür bis zur Abfahrt (also wirklich schon zwei Lifte hoch und skibereit) genau fünf Kilometer. Diese fünf Kilometer zu überwinden, ist aber ein unglaublich spannendes und herausforderndes Unterfangen.

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So nah kann so fern sein: Laut Google Maps trennen uns gerade einmal fünf Kilometer vom Pistenspaß

Pünktlich zum Liftstart um 10.00 Uhr verließen wir heute das Hotel in Richtung ‚Marco Polo‘. Das ist nämlich, anders als unsere Hütte, DAS Hotel am Platze. Auf der Homepage unseres Hotelchens wird sogar damit geworben, dass eine Mitarbeiterin dort gelernt habe (während der Hotelmanager sich laut Homepage übrigens als solcher qualifiziert, weil er in der UDSSR der jüngste Bergsteiger war). Auf die Frage nach Leihskiern wurden wir ans Marco Polo verwiesen und auch auf der Piste bekamen wir den Tipp, dort das Abendprogramm auszuchecken. (Haben wir gestern gemacht, jede Menge Schicki-Micki-Menschen und eine europäische Getränkekarte. Im Gegenteil zu uns trinken die Menschen dort nicht den kostenlosen Hauswein, sondern zahlen harte Rubel für Importgetränke.)

Das Hotel am Platze ist nicht ausgeschildert, zumindest nicht in einer mit bekannten Schrift. Das ist übrigens weniger ignorant als es klingt, weil ich nicht verlange, dass alles in lateinischer Schrift ist. Schließlich habe ich zwei Jahre Russisch in der Schule gelernt und würde auch kyrillisch langsam, aber sicher entziffern können.  Wir irrten erst einmal über die Dorfstraße, die zwar keinen Bürgersteig hat, aber gut befahren ist. Russische Lada sieht man hier deutlich häufiger als in der Hauptstadt Tbilisi. Mühsam orientierten wir uns an dem Obst-Opa vom Vortag, um den richtigen Weg einzuschlagen. Über natürlich nicht gestreute Straßen suchten wir uns unseren Weg zur ersten Liftstation. Dort hatte uns am Vortrag das erste Rätsel erwartet. Unsere Skier waren beim Skiverleih an der zweiten Talstation deponiert. Unsere Skilehrerin hatte uns gesagt, wir sollten einfach mit dem ersten Lift nach oben fahren und sie dort treffen. Die Tatsache, dass es sich um einen Sessellift handelt, bemerkten wir erst jetzt in aller Konsequenz. Doch wie zur Hölle nutzt man einen Sessellift ohne Skier? Die drei Verkäuferinnen unseres Skipasses sahen darin gar kein Problem und schlugen vor, dass wir den Sachverhalt mit der Polizei erläutern, wenn wir uns dann sicherer fühlten. Vier Polizisten, drei Passanten und zwei Worte Schulrussisch später saßen wir ohne Skier, aber mit der Überzeugung, dass man uns nervige Menschen einfach loswerden wollte, im Lift. Durch latentes Winken, Schreien, Füßewedeln bewegten wir dann tatsächlich den Liftmenschen oben dazu, den Lift kurz anzuhalten  und konnten sicher aussteigen. Von dieser Erfahrung und Heikes Überzeugung, dass die Polizisten (welche Rolle sie auch im Lift-Business spielen?) unten einen „Matschbirnenanruf“ nach oben tätigen würden, um uns anzukündigen, gestärkt, versuchten wir den gleichen Spaß heute wieder. Nur leider ohne, dass heute ein Liftarbeiter im Häuschen an der oberen Station stand, der das Gefährt hätte stoppen können. Dem Herzriss nahe, sprangen wir aus dem fahrenden Lift und erfreuten uns einige Minuten unseres Lebens.

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Szene wie im Horrorfilm: Ohne Skier aussteigen muss doch bedeuten, dass man fällt und von hinten vom Sessellift erschlagen wird, oder?

Die nächste Wegetappe besteht aus  querpisteein in Richtung zweiter Talstation, wo es dann auch einen Gondellift gibt, der auf die Benutzung ohne Skier ausgelegt ist. Leider ist auch diese Etappe weder beschildert noch gestreut. Die Tatsache, dass im letzten Beitrag erwähnter sibirischer Husky uns bis hierher gefolgt ist, machte es nicht viel besser. Auf etwa halben Wege stand eine Handvoll Bauarbeiter. Aus vorherigen Erfahrungen im Vorbeigehen an Männergruppen waren wir recht entspannt. Diese Grüppchen sind zwar recht häufig, in der Regel aber mit sehr männlichen Dingen beschäftigt: Sie gucken zu siebt (kein Spaß!) in eine offene Motorhaube (offen, weil es einfach keine Haube gibt) oder Ähnliches.

Als wir aber bei diesen Herren ankamen, begrüßten sie uns wie alte Freunde und luden uns zum frühstücken ein. Heißt: (ebenfalls kein Spaß!) 10 Sekunden nach dem ersten Hallo hatten wir Plastikbecher mit dem berühmten Tschatscha (selbst gebrannter Schnaps) in der Hand. Vehement wehrten wir uns und ernteten nicht mal ein müdes Lächeln für den Protest. Einen Tachtscha ausschlagen, das ist hier maximal Höflichkeitsgetue. Das einzige was mein entrüstetes „Guck mal auf den Tacho, Kollege!“ brachte, war ein zweiter Plastikbecher mit Cola zum Nachspülen. Der eine Herr hat eine Tochter in Augsburg, Grund genug sich über Deutsche Skifahrerinnen mit leichter Kurzatmigkeit ausgiebig zu freuen. Nach dem Schnaps mussten wir noch Brot mit Käse zu uns nehmen und ich bat um ein gemeinsames Foto (ich denke ja immer an meine Fangemeinde!). Man stimmte bereitwillig zu und deutete (für das Foto) das Eingießen eines neuen Schnaps an. Heike knipste, der Opi deutete an, Heike packte das Handy ein und Opi kippte mir den zweiten ein. Zack – hatte auch Heike wieder ein volles Glas und böse Gesichter vor sich, als sie ablehnen wollte. Deutlich angetrunken setzten wir unseren Weg fort.

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Guten Morgen – ah ein Schnaps –

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Freunde, dieses Foto habe ich für euch erbeten. Und für euch den zweiten Schnaps getrunken!

Völlig außer Atem (wir hatten versucht, es auf die über 2000 Höhenmeter zu schieben, dann aber recherchiert, dass die gar nicht relevant sind) kamen wir an unserem Skiverleih an. Heute war unsere Skilehrerin vom Vortag nicht da, sodass auch niemand vor Ort war, der Englisch oder Deutsch sprach.

Um ihre Bereitschaft zu signalisieren, eine Fremdsprache zu sprechen, grüßten uns die Skijungs mit „Heil Hitler“. Vom Tschatscha total benebelt brachten  wir nur einen bösen Blick hervor und waren viel zu verpeilt einen schlagfertigen Stalin-Spruch zurück zu machen (der war nämlich Georgier).

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Zustand nach Tschatscha – zwei Matschbirnen im Lift

Der letzte Kraftakt (wir wollten ja Skifahren!) ist, mit Skiern bis zum Gondellift zu laufen. Das sind zwar nur wenige Meter, aber angetrunken mit schweren Skiern auf der Schulter und geschafft von der Anreise – kein Pappenstiel. Eineinhalb Stunden nach Aufbruch standen wir also bereit für die erste Abfahrt auf der Piste.

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Laura, ich arbeite noch an der Panorama-Selfie-Challange!

Zeit den Klassenfeind vorzustellen. Der Klassenfeind sitzt mir gerade im Aufenthaltsraum, den ich Schaschlik-Séparée nenne, gegenüber und ich hoffe, dass er sich nicht mit uns bei Facebook befreunden will, dann müsste ich diese Passage streichen. Der Klassenfeind sind Vater und Sohn. Sie kamen gestern deutsch sprechend in den Speisesaal zum Essen und wir stürzten uns etwas aufdringlich und distanzlos auf die beiden, in der Annahme, dass es sich um die zwei vom Hotel-Personal angekündigten Mitbürger handelt, um uns etwas über unsere Liftgeschichten auszutauschen.

Es handelte sich also um Vater und Sohn. Man lebt seit 20 Jahren in Dubai und arbeitet dort als Anwalt für internationales Wirtschaftsrecht. In praktisch allen Lebensfragen schien man gegenteiliger Meinung zu uns zu sein, daher Klassenfeind. Die zwei waren so ganz nett, gaben aber etwas arg mit Dubai an (muss man vermutlich, wenn man da lebt) und erzählten völlig emotionslos, wie sie ihren Mietwagen am Vortag in der georgischen Einöde versenkt haben. Jedenfalls haben die zwei ziemlich von unserem Wissen über Lifte und die Logistik hier profitiert und das Zimmer neben uns bezogen. Vor dem Abendessen glaubte Heike tatsächlich deren Duschgel riechen zu können, was unseren Verdacht, dass die Wände eher dünn sind, bestätigen dürfte.

Daher meine frommer Wunsch, dass die zwei, die eine Rundreise machen und übermorgen auf eine einsame Berghütte wandern wollen, dort die Örtlichkeiten nutzen statt hier.

Apropos Gudauri Hut. Das Passwort für das Wlan lautet Ghut54321. Eine Abkürzung für das Hotel also. Spricht man das aber Englisch aus, so irritiert das israelische Gäste, wie wir von der Rezeptionistin erfuhren. Jihad ist wirklich ein ungünstiges Passwort und Israelis gibt es eine Menge hier. Im Lift lernen wir einmal drei kennen. Bei gerade mal zwei Stunden Flugzeit sei man nur für’s Wochenende angereist, erzählen sie. Als die Frage „Where are you from?“ kommt, bin ich ziemlich froh, dass unser Skiverleiher mit seinem Hitlergruß weit unten im Tal ist. Die Opis sind sehr freundlich und zeigen uns alle ihre Enkel auf ihren Smartphones. Auch nett.

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Ghut – sprich auf Englisch….

Heute hatten wir uns dann entschlossen, ohne Skilehrer auszukommen, auch weil die im Vergleich viel kosten und sehr wenig lehren. Nutsa lobte uns zwar in einer Tour, warnte auch vor Steinen auf der Piste und war auch total nett, aber Übungen, Erklärungen und Erkenntnisse? Fehlanzeige. Also quälen wir uns im Tschatscha-Kopp den Berg in Eigenregie runter, bis uns ein junger Mann anspricht, ob wir den Lift teilen mögen. Ich warne ihn, dass ich ihn beim Aussteigen umbringen könnte, da ich keine sehr erfahrene Liftfahrerin sei. Wie nebenbei merkt er an, dass er wohl Skilehrer ist. Eine Liftfahrt und harte Verhandlungen später ist Maxim unser Mann. Maxim kommt aus der Ukraine und wohnt in einem Hostel ganz in unserer Nähe. Hat er keine Skischüler, verbringt er seine Zeit auf dem Idiotenhügel und quatscht die größten Deppen (in dem Fall uns) an. Er nennt die Deppen zwar „Menschen, die seine Hilfe brauchen“, aber die Masche stimmt und klappt. Maxim teilt sich das Zimmer mit anderen Skilehrern und Mitarbeitern des Hotels und verständigt sich auf Russisch und Englisch. Die Situation ist etwas paradox, denn auf die Frage, mit wem er zusammen wohne, antwortet er unter anderem: „und dann ist da noch das Mädchen…. tja wo kommt sie her… vor dem Krieg hätte ich gesagt, sie ist Ukrainerin… heute weiß sie nicht, zu welchem Land sie gehört….“ Er bringt den russischen Urlaubern hier Skifahren bei, im Wissen, dass wenn er seinen Aufenthalt unterbrechen würde, er für den Militärdienst gezogen werden könnte. Er kommuniziert mit den Georgiern auf Russisch, denn das ist in der Regel deren erste Fremdsprache und zugleich ist es die Sprache des Landes, zu dem beide Nationen ein sehr differenziertes Verhältnis haben, wie man hier auch merkt.

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Maxim hatte sich wohl vorgenommen uns in jedem Fall heute noch die schwarze Piste runterzubekommen. Prinzipiell eine nette Idee, aber zwischendurch fürchtete ich doch etwas um mein Leben. Aber die Fotos waren es wert….

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Schwarze Piste – Hell yeah. Dass ich die meiste Zeit seitlich runtergerutscht bin, muss ja einer wissen….

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Matschbirnen im Adrenalinrausch – und nein, die Farben sind echt so unendlich toll!

Da dieser Blog ja ein kurzer werden sollte, schließe ich hier. Der Klassenfeind wäre ein top Bildmotiv gerade, aber ich traue mich nicht, ein Foto zu machen. Sie sitzen am Nachbartisch und spielen Schach, der Sohn (16) telefoniert seit 20 Minuten auf Englisch über total Nebensächliches und spielt dabei mit seinem Vater Schach. Den stört das Telefonat scheinbar gar nicht, er kommentiert es nur regelmäßig. Soeben stellte man fest, dass der eine seit Längerem im Schach stehe – naja man muss auch Prioritäten setzen im Urlaub. Aus dem Jungen soll ja mal ein anständiger Kapitalist werden.

Am nächsten Morgen können wir es uns nicht verkneifen, den beiden das Ergebnis unserer Google Recherche mitzuteilen. Die Indoorskihalle in Bottrop ist größer als die in Dubai. Bämm.

Ein Gedanke zu “Georgien – Blog 3: Von Marco Polo, Skiliften mit Hindernissen und wieder jeder Menge Alkohol

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