Georgien – Blog 2: Gottgegebenes Paradies und jede Menge Alkohol

Momentanaufnahme: ein sibirischer Husky hat seine Pfoten auf Heikes Schulter gelegt. Das vermeintliche Herrchen stimmt mit dem Frauchen ab, ob das Tier ‚Leica‘ oder ‚Max‘ heißt, aber man scheint es zu kennen. Daneben steht Nutsa, die mal im georgischen Nationalteam Ski gefahren ist und uns in etwa auf ihr Level bringen soll und einige andere. Trotz der Freude über den Skilehrer ist das Tierchen doch etwas irritierend. Herrchen ist zum Ablenkungsmanöver übergegangen und wir brechen auf in Richtung Piste. Doch alles der Reihe nach….

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Schaschlik zur Weinprobe

Hatte ich am ersten Tag ernsthaft Sorge, dass ein Skiurlaub nicht genügen Input für neue Blogs liefern könnte? Weit gefehlt. In den letzten zwei Tagen ist so unglaublich viel passiert und einiges in Sachen georgischer Kultur ist uns klar geworden – mindestens genauso viele Fragen wurden aber auch aufgeworfen….

Frühaufsteher sind die Georgier definitiv nicht. In unserem ersten Hotel gab es um 8:30 Uhr erst Frühstück und die Kellnerin richtete sich auch gerade erst als wir als erste Gäste auf der Matte standen. Lasha kam um halb 10 und war auch eher gestresst, als ausgeschlafen. Auf unsere Frage, warum die Straßen so leer sein, dass es einfach zu früh sei.

Georgier lieben ihr Land sehr. Das tun vermutlich viele Menschen, aber auch im Reiseführer steht, dass Georgier selten ins Ausland möchten, beziehungsweise dort nicht bleiben möchten. Auch unser Reiseleiter Lasha war zwar gerne ein Jahr in Hamburg, er scheint aber auch glücklich und zufrieden wieder zurück zu sein. Ich muss meinen Blog jetzt natürlich etwas zensieren, weil Lasha mein neuer Facebook-Freund ist und vermutlich mitliest. Aber viel zu zensieren gibt es nicht, auch wenn ich ihn in meinen georgischen Trinksprüchen, die wir reihum halten, manchmal den “Praktikanten Guide” nenne und unseren Fahrer als tüchtigen Reiseleiter lobe. Er ist wirklich sehr kompetent.

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Hier treffen sich Heer- und Seidenstraße – Lasha erklärt!

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Friedensbrücke in Tbilisi

Gestern erzählte er uns zum Beispiel zur Geschichte Georgiens eine hübsche Anekdote von der Zeit als Gott die Länder auf der Welt verteilte. Die Georgier seien (natürlich! Siehe Thema Frühaufsteher!) zu spät zu diesem Event gekommen. Da sah Gott, dass die Georgier ganz traurig waren, weil sie keinen Teil abbekommen haben und entschloss sich ihnen stattdessen das Paradies zu schenken. Manchmal sind seine Scherze auch weniger gehaltvoll. Vor einer besonders alten Kirche merkte er mit wichtiger Mine an, dass man sich hier aus Respekt die Schuhe ausziehen müsse. Als wir gerade umständlich aus unseren Schuhen schlüpfen wollten, bemerkten wir das verständnislose Gesicht von unserem Fahrer (der übrigens nicht Nikolai heißt) und sofort fiel auch der Groschen, dass es sich hier um einen Lasha-Witz handelt.

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Unser Fahrer Nikolai, der eigentlich Giorgi heißt – ein super Typ

Mit diesen kleineren und größeren Witzen lockerte die Stimmung schnell auf und ich gebe zu, obwohl ich eigentlich nicht so auf Städtetour und Sightseeing stehe, dass es ein super Tag war. Georgien ist wirklich ein kleines Paradies mit beeindruckender Landschaft. Heer- und Seidenstraße, Geschichten von vor langer, langer Zeit und Transportwegen zwischen Europa und Asien.

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Die Menschen sind orthodox und durchweg recht gläubig. Die Kirchen und die Geistlichen haben etwas sehr Tragendes. (ich gebe zu, dass ich den ersten orthodoxen Geistlichen für einen Juden gehalten habe) Vor einem Jahr bin ich durch vietnamesische Tempel gelaufen und die Religion, die Tempel, die Figuren, die Gebete – alles war ganz fremd für mich. Jetzt ist alles zugleich vertraut und fremd. Manchmal erinnern Lashas Geschichten aber auch eher an Szenen aus Game of Thrones…. so erzählt er anschaulich, wie dem Architekten einer besonders schönen Kirche nach der Fertigstellung die Hand abgehackt wurde, um zu verhindern, dass der gute Mensch woanders noch eine solche hübsche Kirche errichtet. Sehr christlich.

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Dem Architekten dieser Kirche wurde nach Fertigstellung die rechte Hand abgehackt….

Nach der Besichtigung von Tbilisi und der ehemaligen Hauptstadt Mzcheta fahren wir zu einer Weinprobe bei einer Familie. Yagos und Familie sind Winzer, wie eigentlich jeder in Georgien. Unsere Begleiter fragen ihn sogar, was eine Flasche Wein koste. Ob das günstig oder teuer sei wissen sie nicht – sie würden niemals Wein kaufen, weil ja jeder seinen eigenen herstellt. So heben Großeltern auch am Tag der Geburt ihrer Enkel eine Flasche auf und diese wird erst bei der Hochzeit getrunken.  Anders als in den meisten Weinorten, werden die Trauben hier nicht ausgepresst. Vielmehr wird alles (Trauben, Haut, Stängel) zusammen eingekocht und in riesige Bottiche im Boden gegeben. Zunächst schwimmt alles oben auf dem Saft, aber über die Wochen sackt alles zu Boden, sodass der fertige Wein nach einigen Monaten abgeschöpft werden kann. Aus den Resten am Boden wird dann Schnaps gebrannt. (Sauzeug, aber dazu später mehr).

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Rund 3000 Flaschen Wein stellt Yago jede Saison her. Er kauft auf keinen Fall Fremdtrauben hinzu, nur so kann er garantieren, dass alles 100% ökologisch ist.

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In diesen Bottichen wird der Wein gelagert, bis alles nach unten gesackt ist und der fertige Wein abgeschöpft und abgefüllt werden kann

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Yago mit unseren Begleitern Nikolai (Giorgi) und Lasha

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Dann bringt uns seine Frau bei, wie man Tschurtschchela herstellt. Das sind auf einem Bindfaden aufgefädelte Walnüsse, die in eine Pampe aus mit Mehl angedicktem Traubensaft getunkt werden. Das Ganze trocknet dann drei Tage und wird als Snack verkauft. Unser Fahrer Nikolai (Gerd) nannte das Endprodukt zwinkernd “Georgian Snickers”, was dem Ganzen ganz nah kommt.

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Tschurtschchela – Georgian Snickers

Der nächste Programmpunkt laut Reisebüro ist “Essen in der Familie” und gespannt betreten wir den Wohnraum. Wie eigentlich überall steht ein massiv überschmückter Baum vor dem Kamin, der auch blinken kann. Neben dem Baum steht ein Opi, der vermutlich auch Winzer ist oder war. Und dann wird aufgefahren: wir beginnen mit fleischgefüllten Teigtaschen, die man laut Nikolai mit den Händen essen muss, dazu gibt es den berühmten Weißwein. Jetzt füllt sich in Windeseile der Tisch mit immer neuen Spezialitäten und Gläsern. Um ein bisschen mehr georgische Kultur zu vermitteln, spricht Lasha Trinksprüche, danach ist es Tradition das Glas in einem Zug zu leeren. Nachdem das Sättigungsgefühl eigentlich schon eingesetzt hat, tischt unser Gastgeber große Spieße mit Fleisch auf. “Schaschlik” grinst er und die Völlerei geht noch weiter. Inzwischen sind haben wir aus Bullenhörnern einen weiteren Wein gekostet (“die Hörner sind spitz, dass man sie nicht abstellen kann, dass man in einem Zug trinkt!”) und auch der oben beschriebene Schnaps (Tschatscha) steht auf dem Tisch. Nach keinen zwei Stunden verlassen wir mehr als satt und reichlich angetrunken die Weinprobe in Richtung Gudauri. Das Skiresort scheint eine willkommene Abwechslung, wir freuen uns auf einen ruhigen Abend im Hotel.

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Im Winzer Garten

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Aus Tierhörnern trinken wir einen weiteren Wein – in einem Zug versteht sich.

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Eine reich gedeckte georgische Tafel. Am Ende kam noch der Saschlikspieß aus dem Kamin

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Kurzum – Abend ja, ruhig nein. Die Sauferei geht direkt weiter. Natürlich keltert man auch hier im Haus Wein und brennt Schnaps und nachdem wir das Ankunftsgeschenk “kostenlos Sauna” ausgeschlagen haben, wird es fix umgewandelt in “einen Drink aufs Haus.” Leider wurde aus einem so viel, dass ich heute ganz krank war.

Den Rest des Abends muss ich also weglassen. (Geht auch gar nicht ganz anders….).

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Auch im Hotel gibt’s zur Begrüßung Wein und Schnaps und Schnaps… und Wein…

Rückblicken lässt sich festhalten, dass ich am nächsten Morgen allerlei Wehwehchen habe, unter Anderem habe ich das Gefühl, auf dem linken Auge nicht gut sehen zu können. Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass ich die Kontaktlinse falsch herum eingesetzt habe. Bis dahin gehen mir einige Erklärungen und Warnungen meiner Chemie-Lehrerin-Mutter zum Thema selbsthergestellter Alkohol durch den Kopf….Naja, wenigstens ging mir der Alkohol selbst nicht noch einmal durch den Kopf…

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Eine Erkenntnis des Tages ist definitiv, dass es keine Chips oder Erdnüsse gibt. Jedenfalls haben wir weder im kleinen Supermarkt am Ende der Straße welche gefunden noch bekommen wir hier in der Hotelbar welche, sondern Apfelsinenscheiben. Auch lecker – aber ist Sinn von Salzigem in Bars nicht, dass die Leute mehr trinken? Nunja, das erledigt hier das Personal ganz allein. Obwohl wir nicht trinken wollten, stehen schon wieder Gläser vor uns mit – the red wine.

Ich freue mich übrigens über jedes einzelne Wort meines Schulrussisch hier, denn wir können es gut gebrauchen. In unserem Hotel spricht nur Luisa Englisch und obwohl sie sich echt super Mühe gibt, stockt die Konversation schon ziemlich. Gestern Abend wollten wir noch einiges regeln in Sachen Skier und Lehrer aber das gestaltete sich ziemlich schwierig. (okay, da war unser Regelvermögen auch angeknackst bzw. ertränkt!) Aber auch heute morgen war eher Ratlosigkeit angesagt. Man telefonierte zwar wild rum, aber als wir den Skilehrer irgendwann zu teuer fanden und uns dann noch nach konkreten Zeiten erkundigten, standen unsere Helfer auch einfach auf und gingen. Voll der Sorge etwas falsch gemacht zu haben, suchten wir erneut das Gespräch – erfolglos. Kulturelles Missverständnis? Ist es so untypisch, dass Touristen in einem Skisport Equipment leihen und einen Lehrer buchen wollen?

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Die Piste war ganz schön steil. Ich glaube die georgische Übersetzung für Blaue Piste heißt schwarze Piste… oder so.

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Beeindruckende Berglandschaft vertreibt den Kater

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Blick von unserem Hotel

Bis es zu der oben beschriebenen Situation mit dem Husky gekommen war, war es also ein recht weiter Weg. Erschwerend hinzu kommt das Preissystem, das wir immer noch nicht durchblicken. Während manche Produkte und Dienstleistungen spottbillig sind, scheint Vergleichbares extrem teuer zu sein. So kostet die Saunanutzung in unserem Hotel umgerechnet fast 20 Euro. Als die Skilehrerin ihre Preise nennt, sind wir erst einmal überrascht. Ist das der Olympiazuschlag, oder warum verdient sie in zwei Stunden an uns beiden ein durchschnittliches georgisches Wochengehalt?! Die Tatsache, dass der Fahrer und sie uns am Hotel abgeholt und zum Lift und Skiverleih gefahren haben bringt uns in eine schlechte Verhandlungsposition. Mit dem Handeln ist das eh so eine Sache. Vermutlich war das der erste Preis und wir hätten handeln müssen. Aber dafür sind wir eben zu deutsch und ein Preisdrücken hätte (in unseren Augen) wie eine Geringschätzung ihrer Dienste gewirkt.

Also stimmen wir zu und reisen mit Nutsa wirklich beeindruckend hohe und schöne Berge hoch. Die Lifte sind topmodern und gut und das Skigebiet leer. Hier ist es wirklich paradiesisch, auch wenn noch etwas mehr Schnee liegen könnte. Manchmal sind es jedoch die Kleinigkeiten, die uns zum Verzweifeln bringen. So ist zwischen Liftausgang und Piste manchmal ein Mini-Krater. Frau olympisches Team überquert diesen total lässig, für Heike und mich ist das eine Riesenherausforderung.

Dem letzten Abend geschuldet, sind wir heute ziemlich auf Sparflamme unterwegs. Dass Heiligabend ist, merken wir nur an unseren Facebook-Seiten, alles andere ist ganz, ganz weit weg.

Bis dahin – ich freu mich auf eure Kommentare.

PS: über die teure Sauna ärgere ich mich übrigens gar nicht. Erstens muss man nur einen Eukalyptusaufguss bereitstellen und hat eine Heimsauna. Denn Heizungen scheint man in Georgien prinzipiell nicht ausstellen zu können. Während wir also bei offenen Fenstern unseren Beitrag zum Klimaschutz leisten und literweise Wasser am nächsten Morgen trinken,  ist es immer wohlig warm. Zweitens möchte ich meinen Schnapsbekanntschaften von Tag eins ungern in der Sauna begegnen. Nur so eine Eingebung…..

2 Gedanken zu “Georgien – Blog 2: Gottgegebenes Paradies und jede Menge Alkohol

  1. 1. Ich liebe deine Reiseberichte und überlege, wem ich sie zukommen lassen, denn damit muss man einfach Geld verdienen.
    2. Ein Urlaub mit dir muss in Zukunft mal drin sein ;-)!
    3. Merry Christmas und noch einen tollen Urlaub!

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    • Liebe Natalie,
      1) Sei schön kreativ und überlege fleißig. Bis dahin bekommst du kostenlos Nachschub, vielleicht heute noch.
      2) Ich bin ganz gespannt, wo es uns hinverschlägt.
      3) Euch auch und frohes Schaffen 🙂

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