Georgien – Blog 1 : Von Rotwein, durchsetzungsstarken Rentnern und kulturellen Annäherungsversuchen 

Can I have a beer please?”, das Lächeln unter den perfekt gestylten Augenbrauen des Flugbegleiters friert augenblicklich ein, dabei finde ich meine Frage überhaupt nicht so abwegig. Ich hatte mir zuvor überlegt, dass ich nur nach Bier frage, wenn Mittagessen und kein Frühstück als erste Mahlzeit an Bord der Georgian Airways serviert wird. Schließlich will ich ja kein Assi sein, und zur ersten Mahlzeit am Tag schon saufen! Die Frikko mit Nudeln und schlabberträchtigem Rote-Beete-Salat ist sicher keine kaukasische Frühstücksspezialität, sondern deftige Mittagssause. Die Weichen sind also gestellt.

Außerdem, und dieses Argument finde ich besonders einleuchtend, vergehen pro Stunde Flugzeit praktisch zwei, wegen der Zeitverschiebung, sodass man bei der Ankunft, am dann frühen Abend, ruhig etwas angeknallt sein darf. Schließlich ist Urlaub. Meine Urlaubsstimmung scheint Mr. Augenbraue aber nicht zu teilen und mein erstes Vorurteil, dass „die“ eigentlich immer saufen, widerlegt. Dann aber weicht sein frostiger Ausdruck einem willkommenen Vorschlag: “We have the red wine.” Aha. The Red Wine ist okay, the beer nicht. Von mir aus.

The Red Winde

The Red Wine: yes; the beer: no!

Es ist (deutscher Zeit) kurz nach 12 und ich bin mit meiner Heike* seit sieben Stunden unterwegs. Um viertel nach fünf sind wir in Dinslaken aufgebrochen. Dem Flughafen Amsterdam-Schiphol haben wir ein schönes Schnippchen geschlagen: Anstatt 80 Euro Parkgebühren zu zahlen, haben wir das Auto bei dem Vater einer alten Studienfreundin geparkt. Eine halbe Stunde mit dem Zug bis Amsterdam und glatte 70 Euro billiger kommen wir so weg. Geld, das man prima in georgischen Rotwein investieren kann. Mich den Standards unseres Gastlandes für die nächsten 13 Tage anpassend habe ich beim Mülleinsammeln auf dem Rückweg gleich Nachschub geordert. “It’s my pleasure,” merkt Mr. Augenbraue an, meine schnelle kulturelle Auffassungsgabe offenbar durchaus wertschätzend.

Den ersten Reiseblog noch im Flugzeug zu schreiben, war eigentlich nicht mein Plan. Aber ich habe meinen Schatz vor dem georgischen Rüpel-Opa, der schräg gegenüber sitzt, retten müssen, zumindest glaube ich das. Der Rüpel-Opa wird in meiner Vorstellung, von the red wine zugegebenermaßen etwas katalysiert, immer renitenter, dabei hat er nur der Stewardess geholfen Gepäck, sein Übergepäck, in die Stauräume zu verteilen. Bei der zweiten Tasche, die er mit Nachdruck neben meine Tasche wemmste, überkam mich das Kopfkino. Dave hatte mich zwar gewarnt, dass ein Macbook umgeschüttete Getränke magisch anziehen würde, aber die Gefahr von rüstigen russischen Rentnern (als der Opa geboren wurde, war Georgien sicher noch sowjetisch und somit praktisch russisch, außerdem ist es so eine schöne Alliteration) hat er sicher unterschätzt. Also verlangte ich von Heike panisch den Mac aus dem Fach zu holen und wartete ungeduldig darauf, dass das Sitzgurtzeichen und somit die angebliche Absturzgefahr ausgeht und ich aus der Not eine Tugend machen kann – mit dem ersten Blog.

Bis dahin lese ich in Heikes Reiseführer von freundlichen Georgiern und einem Land mit niedriger Kriminalitätsrate, in dem allein reisende Frauen allerdings selten seien. Es könnte sein, so das Buch, dass ältere Männer einer jüngeren Frau die Wange tätscheln. Unwillkürlich steigt die Vorstellung in mir auf, wie der Rüpel-Opa mir die Wange tätschelt, weil er mit einem schwungvollen Taschenverstauten meinen Mac geschrottet hat. In meiner rotweingetränkten Vorstellung verteilt er schallende Ohrfeigen. Mich von dieser Vorstellung schnell befreiend, denke ich über einen ersten Blog für diesen Urlaub nach, nachdem ich erfolglos Commander Keen gezockt habe. Die Tastenkombination Strg + Pfeilhoch wechselt die Fensteransicht, nicht gerade praktisch bei einem DOS Jump and Run.

Die Idee wieder einen Blog zu schreiben, kam eher als Eingebung. Letztes Jahr, in Vietnam auf Rundreisen, schien es viel sinnvoller, war aber auch viel herausfordernder. Damals technisch lediglich mit Hongs Handy ausgestattet, bedeutete Blog schreiben meist an einem vietnamesischen oder kambodschanischen Rechner zu sitzen, von dem Facebook in aller Regel gesperrt war. Fand sich dann ein freundlich lächelnder Asiate, (heißt das Pleonasmus? So wie weißer Schimmel oder gelber Raps?) der die Internet-Zensur umgehen konnte, blieb oftmals die vietnamesische Tastatur, die eine Vielzahl orthographischer Hindernisse aufwarf. Ein Skiurlaub hingegen birgt natürlich die Gefahr, die Leser (muss man jetzt eigentlich Lesenden schreiben? Nein, das hier ist ein gender-unkorrekter-Blog. Wem’s nicht gefällt – selber Schuld) mit Details über kleinere Skiunfälle und größere Berghüttenaufenthalte zu langweilen. Die Messlatte ist also hochgesetzt. Ich hoffe auf viele interessierte Leser und Feedback. Meine Hoffnung für diesen Urlaub ist vor allem, dass meine wirklich sehr begrenzten Skierfahrungen nicht wie so oft in Winterberg auch noch von niederländischen Pistenrowdies unter fünf Jahren unter den Scheffel gestellt werden. Zumindest in dieser Boeing 737 sehe ich keine potenziellen Gefahren in dieser Richtung. Eigentlich sehe ich nur jede Menge schlafende Georgier. Sicher haben die den Tag bereits mit the red wine begonnen. In diesem Sinne, ich ergänze aus dem Hotel, das es hoffentlich auch gibt. Immer an das Gute glaubend, bin ich sicher mit dem Internet-Reisebüro einen großen Coup gelandet zu haben. Dass Tamuna aus dem Reisebüro die Kohle auf ihr georgisches Konto überwiesen haben wollte, fand Heikes Bank komisch, ich hingegen nicht.

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*Meine Heike” klingt komisch? Da stand ursprünglich mal “meine Cousine Heike”, doch die findet, dass wir eher befreundet als verwandt sind. (Gerade erlaubt mir das zensierende Politbüro neben mir noch “Blut ist dicker als Wasser” zu schreiben) Na von mir aus. Aber Cousine durch Freundin ersetzen gibt’s nicht. Also kommt das Wort ganz weg und Heike wird zu meinem Besitz. Die Geographie-Expertinnen, die ihren Eltern versprochen hatten nicht über die Ukraine zu fliegen, rätseln noch ein bisschen weiter, mit welchem Bergen man es aus dem Fenster heraus zu tun hat. Mein Favorit ist das Erzgebirge, Heike glaubt Polen oder Russland gefunden zu haben.

——

Einige Stunden später

Freunde, ihr müsst es mir gerade einmal glauben. Ich habe den Titel dieses Blogs und das Thema Rotwein gewählt und darüber geschrieben, BEVOR wir durch die Passkontrolle sind. Leicht nervös stellten wir uns am Schalter an. Nervös? Naja…. “Das mit dem Visum hattest du eruiert, oder?”

Kurzum alle Nervosität war vollkommen fehl am Platze, denn nach dem beeindruckten Sichten der bisherigen Visa im Pass, drückte der Grenzbeamte uns tatsächlich eine Flasche Rotwein in die Hand, auf der Seasonal Greetings vermerkt waren. Wir hatten die Flasche zwar schon bei unserem Vorgänger gesichtet, aber natürlich gleich ein Korruptionsgeschäft gewittert. Beschämt über unseren Schnellschluss und dankbar nahmen wir den guten Wein an und liefen zur Gepäckausgabe.

Pass und Wein

Unglaublich: Bei der Passkontrolle gibt es neben dem Gratisvisum noch einen Wein obendrein

Dahinter erwartete uns der nächste Schock. Schon durch die Tür sieht man einige Menschen mit Luftballons, so empfängt uns doch das Reisebüro nicht etwa?! Apropos… wer hatte eigentlich die Abholung am Flughafen bestätigt? Vermutlich die, die auch die Visumfrage recherchiert hat… In jedem Fall war es gut gemacht, denn ein großes Schild mit Namen drauf lässt uns gleich den freundlichen jungen Mann finden, von dem Heike glaubt, dass er Lascha heißt, ich gebe zu nicht zugehört zu haben, und mein Mac glaubt, dass er Sascha heißt und auto korrigiert den Namen ständig. Er erwartet uns mit dem Fahrer, von dem ich glaube, dass er Gerd heißt (Heike: Nikolai).

Mit einem ziemlich protzigen Auto fahren wir durch Tiflis. Lascha hat ein Jahr in Hamburg studiert und spricht gut Deutsch. Er hat auch im Rugby-Team, 1. Bundesliga gespielt. Beeindruckend. “Eigentlich nicht,” findet er selbst, in Deutschland ist das Rugby-Niveau nicht besonders hoch. Dafür fürchtet er ein Länderspiel gegen Deutschland im Fußball. Tiflis oder Tbilisi, wie die Georgier sagen zieht an uns vorbei. Kurz erzählt unser wirklich sehr kompetenter Begleiter von Präsidenten, Innenministerien, Winter, Silvester und ein bisschen auch von sich und schon sind wir am Hotel. Wir verstauen nur die Taschen und ziehen gleich noch einmal los. Lascha und Gerd/Nikolai bringen uns in eine Wechselstube und wir tauschen 100 Euro gegen 210 Lari. Sieht aus wie Monopolygeld.

GEO Münze

2 Euro? Nein Lari. Die Scheine sehen aus wie Monopoly-Geld

Unsere zwei Begleiter setzen uns an einem Restaurant ab und wir erkunden zunächst etwas die Gegend. Das Straßeüberqueren scheint durchaus eine Herausforderung, aber bei Weitem keine Lebensaufgabe, wie etwa in Vietnam. Es fallen viele Straßensperren auf. Amerikanisch aussehende Polizeiwagen stehen ohne für uns ersichtlichen Grund an jeder Ecke. In der Altstadt von Tiflis zeigen sich riesige Gebäude, Brücken, sogar eine Seilbahn. Alles in allem wirkt die Stadt aber eher leer.

Nach unserem ersten Erkundigungsstreifzug kehren wir tatsächlich in das vorgeschlagene Restaurant ein. Wir sind die einzigen Gäste, aber die Karte liest sich prima. Nur die Preise iritieren. Teuer ist es nicht, aber einige Gerichten kosten lediglich 1-2 Euro, während andere mit 7 zu Buche schlagen, ohne ersichtlichen Grund. Ist Fleisch teurer? Saisonales günstiger? Bedeutet günstig, dass man nicht satt wird?

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Gurken-Tomaten Salat mt Wallnus-Dressing und Käse-Champingons!

Heike Sekt

Georgian Sparkeling Wine

In der Weinkarte ist Sekt aufgeführt, für 20 Lari, gerade einmal 8 Euro. Kann das sein? Ungläubig ordern wir eine Flasche und bekommen kurz darauf köstlichen georgischen Sekt, eine ganze Flasche. Aus dem Fenster blickt man auf die Stadt, im Hintergrund haben inzwischen zwei Musiker angefangen auf Klavier und Saxophon leise Lieder zu spielen. Wir ärgern uns, dass wir den Reiseführer zu Hause gelassen haben. Gibt man den Musikern Geld? Hilflos wenden wir uns an die Bedingung. “Thank you,” lächelt sie verbindlich und schnell wird klar, dass ihr Wortschatz hier erschöpft ist. Wir lösen die Angelegenheit mit einem großzügigen Trinkgeld und lassen uns ein Taxi rufen. Der Fahrer spricht genau ein Wort weniger Englisch als die Thank-You-Bedienung und das eine Wort lautet “no”.

Mein Schul-Russisch ist also gefragt. “Tii snajesch eta hotel?? – Kennst du das Hotel?” frage ich mit Nachdruck. (Da ich leider nie die Pluralformen gelernt habe, muss ich jetzt leiden und den Herrn duzen. Sehr zu seiner Freude. Ich überlege ihm von Sergej Iwanowitsch und seinem Hund aus dem Russischbuch zu erzählen, verwerfe die Idee aber wieder, denn sein “DA!” auf die Hotelfrage kann ich nicht ganz ernst nehmen angesichts der Tatsache, dass er immer wieder den Hotelnamen in sein Funkgerät bölkt. Aber immerhin bölkt jemand zurück und das von Heike betitelte Fern-Navi leitet uns durch dunkle Gassen. An einer Ecke, die sämtlichen Ost-Charme einbüßen muss, weil es wirklich wie im Slum wirkt, frage ich Heike nach ihrer Gefühlslage. Ihre Antwort entspricht meiner und gerade kratze ich all mein Russisch zusammen, um die Angelegenheit zu klären, als der Fahrer vor unserem Hotel hält. Die hochgehaltene Hand bedeutet uns keine High-Five, sondern eine fünf. Fünf? In unserem Vorurteilsmodus hat uns der Mann bereits abgezockt und will 50 Lari, was 20 Euro entsprechen würde. Vehement widerspreche ich und er wiederholt: fünf. Langsam dämmert uns, dass er fünf Lari will. Fünf. Zwei Euro. Peinlich berührt verlassen wir das Hotel und ertränken unsere Vorurteile in georgischem Rotwein. Mal wieder.

Das Hotel ist echt okay, bis auf die Lüftpolitik. Es scheint als ließe sich die Heizung nicht abstellen und einen Hang zur Hitze haben wir auch schon im Auto und in Geschäften feststellen können. Bei offenen Fenster und bollernder Heizung überlegen wir gerade, was Nachtabsenkung wohl auf Russisch heißt. Perfekt abgestimmt hingegen ist das Hotel mit der Passkontrolle. Auf dem Zimmer liegt ein Korkenzieher, zum Öffnen des Grenzweins. Schmeckt super. Macht hoffentlich keine Kopfschmerzen….

Blick aus dem Hotelzimmer – sieht schlimmer aus als es ist!

Blick aus dem Fenster1Blick aus dem Fenster 2Blick aus dem Fenster 3

Sachverhalte, die es nicht in den Blog geschafft haben. 

Das Politbüro bemängelte gerade, dass mein Akt mangelnder Solidarität nicht ausgeführt wurde. Dabei war da keine böse Absicht, geschweige denn Diskriminierung gegenüber den fleischlosen Mitmenschen im Spiel. Ging in etwa so:

“Hast du vegetarisches im Flieger bestellt für dich?”

“Nein”

“Aha” – Biss in die letzte Käsestulle von zu Hause.

“Aha” – Blick wie der eigene Neffe wenn man ihm die Süßigkeiten wegnimmt und wegschmeißt.

“Is was?”

“Ich dachte, du lässt mir jetzt das Brot und hast deshalb gefragt.“

“Ah, ehrlich? Nö!”

——

“Hast du Badelatschen mit, falls die Dusche fies ist?” – “Glaub mir, meine Füße sind fieser”

Nachtrag: Schreib doch noch unsere Anfangsbuchstaben davor, dass man weiß, wer wer ist…..

H: OKAY!!!!!!

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